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Wien | 6.6.2008 | 22:42 
Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

HansWu, Pfister

 
 
Wimpelmania
  Geh aus dem Haus, und du siehst sie:
Jedermann und seine Oma stecken gerade rot-weiß-rote Fahnen an ihre Autos. Der größte Trend im Auto-Aufputz-Business seit dem Camouflage-gescheckten Wunderbaum mit Pina-Colada-Duft. Und all diese rot-weiß-roten Wimpel könnten doch irgendwie was mit dieser Europameisterschaft im Herrenfußball zu tun haben, argwöhnt Gerlinde Lang. (Das bin ich!)
 
 
 
  Der Plan war eigentlich, dass Stiefmütterchen vor meinem Fenster blühen sollten. Und vor meinem anderen Fenster, in einer Wanne voll Erde, am besten Kapuzinerkresse. Wie ich also gerade im Biberbaumarkt an der Kasse stehe und der Bezahlvorgang so vor sich geht, nimmt die Kassiererin meine ein Euro fünfundzwanzig für die Sämereien an, und dann greift sie unter ihr Pult. Will sie mir ein Plastiksackerl schenken? Oder ist dort die Taste für den Hausdetektiv, der mich nach illegalen Drogen, exotischen Tieren und Tropenhölzern filzen wird? Sieht man es mir eigentlich so genau an?
 
 
 
Weit gefehlt.
  Die Kassiererin knickt ein Bein leicht, wühlt mit der Hand irgendwo unten in ihrem Knöchelbereich und hält mir kommentarlos ein rot-weiß-rotes Stäbchen in einer Plastikhülle hin. Ich schaue. Die Kassiererin wedelt ungeduldig mit dem Stäbchen in meine Richtung. Es ist offensichtlich, ich sollte wissen, was ich damit zu tun habe. Also lächle ich und nehme das Stäbchen in Empfang.
Ich ziehe mich damit in mein Auto zurück. Es ist eine kleine rot-weiß-rote Stofffahne. Ich mag Fahnen. Eigentlich. Wimpel, flatter, flatter. Aber mir wird ein bisschen flau. Es ist, als müsste ich mich JETZT! und AUF DER STELLE! ENTSCHEIDEN!

Public viewing, Flagge auf dem Auto, Werbung für Bier und Flatscreens, Fanzonen, im Tussiklamottenladen rote Spaghettiträgerleibchen mit Flagge und der Aufschrift "Halbzeitschnittchen".
 
 
 
 
 
  Rot-weiß-rote Wimpel am Auto, so wie in den US in Freiheitsfrittenzeiten nach Nine Eleven, als man seine Karre möglichst an allen VIER Enden beflaggte ... ich werde blass.

Die Flagge bedeutet, Entscheidung für die EM und zwar nicht nur für ein paar meinetwegen interessante Fußballmatches, sondern auch für den ganzen Nationenquatsch, und andere teuflische Dinge. Nein, nein, ich will nicht, ich kann nicht, ich weiß nicht. Die andere Seite schaut nämlich so aus, dass Freunde wie Maroni überlegen, während der EM nicht da zu sein. Ich wohne am Gürtel, sagt Maroni, wann soll ich rausgehen können, wenn unten zehntausend Besoffene vorbeiströmen
um den günstigsten Puff zu finden?

Wohin willst du ziehen, inquiriere ich. Äh, sagt Maroni, egal wohin. Zielpunkt hatte ja so Campingzelte im Angebot letzte Woche.
 
 
 
  Die andere Seite schaut auch so aus, dass eine Freundin von So, die Krankenschwester ist, im Krankenhaus auf die EM vorbereitet wurde wie auf ein vorhersagbares Erdbeben. Mehr Leute mit Biervergiftungen?, spekuliere ich. Man kann schätzen, sagt So, dass in Österreich alle zwei Stunden eine Frau vergewaltigt wird. Und dass die Zahl zur EM nochmal ansteigt. Das hat nichts mit dunklen Gassen zu tun, meistens passiert das daheim oder kurz nachdem man sich kennengelernt hat.
Mir wird schlecht, sage ich.
Gewalt gegen Frauen ist tief in der Gesellschaft verankert, sagt So.
 
 
 
Wo waren wir stehen geblieben?
  Ah ja, Flaggen. Wimpel. Da gibt es ja die Geschichte vom politisch korrekten Österreicher, der an seinem Auto links die österreichische Flagge befestigt hat und rechts die türkische. Ob er sonst in seinem Leben jemals auch nur zu Türken Hallo sagt, ist offen. Rot-Weiß-Rot geht gern mit großen Augen, mit einer kindlichen Ahnungslosigkeit einher. Toll, dieser rot-weiß gestreifte Rock, sagt Kasi, den kannst du gleich anziehen, wenn Österreich spielt! Najaaanein, sage ich, damit fange ich erst gar nicht an. Patrioten sind ... naja, du kennst den Slogan, er reimt sich. Kasi strahlt: Patrioten - sind die Rot-Weiß-Roten.

Beinah, Kasi, sage ich, beinahe.
 
 
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