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Wien | 21.10.2008 | 14:05 
Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

HansWu, Pfister

 
 
Missy Magazine
  Zwischen Spex und De:bug, aber Strictly Girls.
Missy Magazine debütiert.
 
 
 
 
  Bei Frauenzeitschriften muss ich schon für die dankbar sein, die keine Diäten abdrucken. Bei Popkulturmagazinen tut sich manchmal der Himmel auf und eine Soap&Skin oder Electric Indigo fällt hernieder, und wir Leserinnen murmeln hallelujah, während die Heftredaktion mit gemischten Gefühlen um das exotische Tierchen herumschleicht. Das kann doch nicht alles gewesen sein, dachten sich die Journalistinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus. Ein Magazin, wo Frauen schreiben, muss her! Über Künstlerinnen und Kämpferinnen, Sachen-die-Frauen-angehen und sonst alles von Musik und Sex über Mode bis Kino, Politik und Birnentorte.

Missy ist auf vierteljährliches Erscheinen angelegt, 15.000 Exemplare wurden von der ersten Ausgabe gedruckt, und in Österreich kostet das Magazin 4,30 Euro.
 
 
 
Chris Köver, Sonja Eismann, Stefanie Lohaus (c) Vera Tammen / Missy Magazine 2008
 
 
You talkin' to me?
  Sonja: "Unsere Traumvorstellung ist natürlich, dass unsere Leserin zwischen fünfzehn und 60 sein könnte und sich für verschiedenste Aspekte von unserem Heft interessiert, ob das jetzt Popkultur ist, Style, Sex oder Politik. De facto wird's aber so sein, dass unsere Leserin ein bisschen so ist, wie wir selber sind. Zwischen 20, 30 und 40, dass sie sich für Popkultur interessiert aber auch findet, wie wir, dass da die Frauen zu selten vorkommen und die's super findet, wenn Popkultur aus einer feministischen Perspektive beleuchtet wird."
 
 
 
Frollein und Mamsell
  Hört sich ja nach einer Zielgruppe an, die alles zwischen einschlägigen Formaten wie "Brigitte Mamsell", "Brigitte Mitte" und "Brigitte Post-Menopausal" umfasst. "Missy Magazine" liegt seit Montag in ausgewählten Bahnhofszeitschriftenläden. Meinen die etwa uns?

Sonja: "Der Name sollte einerseits eine Ironisierung sein von Mädchenzeitschriften wie Young Miss, wo dann Miss so'n bisschen für Frollein und was bisschen Mädchenhaftes steht, das wollten wir damit ein bisschen aufziehen. Dann natürlich eine Referenz an die großartige Missy Elliott, und dann auch der Bezug auf afro-amerikanische Frauen, die sich ganz tough und auch ironisch mit "hey, missy" anreden."
 
 
 
Hey Hey Missy
  Am Anfang war bei mir das Misstrauen. Träume werden wahr, quiekte es in mir, endlich neben Spex und de:bug was anderes als die ewige Buben-Spielwiese (Tschuggelung, Burschen), und mit Feminismus nicht nur verbrämt, sondern durch und durch verwachsen! Kreisch! Aber dann kam ich auf andere Ideen. Soviel Sendungsbewusstsein, wird das nicht total belehrend und uncool werden? Ganz ungenießbar "absichtlich"?

Aber schon nach der Hälfte der 90 Seiten hatte ich auf einmal dutzende coole Frauen kennengelernt. Ihre Fotos, Games, Websites, Klamotten und Aktionen. Ich fühlte mich beim Gedanken "Eine Frau, das bin ich" endlich mal wieder richtig zuversichtlich.
 
 
 
Aus der Fotostrecke von Birgit Wudtke
 
 
  Locker und leicht wie die berüchtigte Topfenspeise ist der Einstieg in die Lektüre. Kochrezepte finde ich zwar verzopft, auch wenn sie die Anleitung für Birnentorte à la The L-Word sind, aber wenn ich schon bis auf einen Bartklebekurs nichts übers Schminken (mein neues Hobby!) lesen kann, dann halt wenigstens über Sex.

Kamasutra, ehrlich getestet, Vibratorshopping (auch wenn der Text an der Sollbruchstelle "Und wie sag ich's meinem Freund?" elegant aufhört) und dann noch eine ganze Doppelseite "Untenrum - Neues aus der Intimzone", mit Pornokritiken und den Plänen von ehrwürdigen Firmen wie Philipps, in den Markt der brummenden "realtionship care" Instrumente einzusteigen. Gute Tipps, um in Gesprächen Einem-Ins-Wort-Faller auszuschalten, Mutters Erinnerungen an die Frostbeulen und 24/7 Stöckelschuhe der Fifties.
 
 
 
Hey Missy Hey
  Die Fotostrecke von Birgit Wudtke über junge Schauspielerinnen, Autorinnen, Graffiti Writers und (Radio-)D's von Hamburg bis Hongkong ist auch styletechnisch verdammt inspirierend, besser jedenfalls als das eher schwerfällige Streetstyle Porträt. "Mode aus dem Supermarkt" ist hässlich, aber gut, und dann gibt's auch noch eine Nerdinnen-Mode-Fotostrecke, mit ganz viel sexy Brillen und strebigen Was-Ist-Was Büchern als Accessoires. Christiane Rösinger verlautet Kontroversielles zum Thema "Stillen". Und in den vielen Platten- Film- und Buchkritiken, in den Porträts und Interviews von Künstlerinnen kann man sich eingraben. Wow! Alles Frauen! Yo Majesty reden über ihre Körper, Caroline Peters über ihre Arbeit in "Die Zofen" und Frauenrollen, die eigentlich als Männerrollen beabsichtigt waren, und Soap&Skin über Talent und Wahnsinn und Eltern, die einen zu Starmania schicken wollen.
 
 
 
Über Frauen
  Sonja: "Wir schreiben (fast nur) über Frauen, weil wir finden, dass sie in den anderen Magazinen noch viel zu selten vorkommen (die Missy-Redaktion schreibt sonst noch unter anderem für de:bug, Intro und Konsorten wie z.B. fm4.ORF.at, Anm.). Wir schreiben nur über Frauen, die wir toll finden und inspirierend. Wir finden nämlich, dass es noch zu wenige sichtbare Vorbilder gibt, und wenn's da mehr gäbe, Frauen animiert wären, das Spielfeld nicht ganz den Jungs zu überlassen.

Natürlich können auch Männer die "Missy" lesen, und auch viele Journalisten haben ihren Support ausgedrückt oder ihre Geschichten angeboten, aber bei "Missy" "war's schon so, dass wir zuerst immer nach einer Frau gesucht haben. Weil wir nicht nur über Frauen berichten wollen, sondern wir wollen auch, dass mehr Frauen schreiben. Weil es auch so ist, dass im Popjournalismus sehr viel mehr Männer schreiben, und deswegen vermutlich auch mehr über Männerbands berichtet wird. Das ist jetzt gar nicht unbedingt eine Bösartigkeit, möchte ich niemandem unterstellen, aber es ist halt doch so: So funktionieren Netzwerke eben."
 
 
 
Aus der Fotostrecke von Birgit Wudtke
 
 
Hardcore?
  "Missy Magazine" ist nicht auf voller Länge soft-streichelweiche Lifestyle-Berichterstattung. A little bit of feelgood goes a long way, aber in der Mitte des Hefts wird's, äh, heftig. Genitalverstümmelung. Abtreibungsrecht. Das Schicksal von Zelda Fitzgerald. Europas Gleichbehandlungsgesetze und Deutschlands Nicht-Unterstützung derselben.

Sonja:"Das Problem bei klassischen Frauenzeitschriften ist eben oft, dass man das Gefühl bekommt, Frauen haben überhaupt keine Ahnung von Politik, interessieren sich überhaupt nicht dafür, was ja gar nicht wahr ist! Und deshalb wollten wir das verbinden, man kann über Style und Sex und Popkultur und Mode schreiben aber auch über politischen Themen. Weil sie unseren Alltag als Frauen sehr stark bestimmen, Abtreibungsgesetzgebung zum Beispiel. Oder dass man die Frauen, die nicht in Westeuropa leben, nicht aus dem Blickfeld verliert. Ich glaube, wenn wir damit jemanden verstören oder vor den Kopf stoßen, ist das vielleicht gar nicht so schlecht."
 
 
 
 
 
  Vom "Wenn andere das tun, kann ich es auch!"-Empowerment zum "Verdammt, wir Frauen sind noch weit entfernt von Gerechtigkeit"-Schock und wieder zurück. Wie sollen sich die Leserinnen nach der Lektüre von "Missy Magazine" fühlen, wenn es nach der Redaktion geht?

Sonja: "Großartig natürlich. Man soll sich nicht schlecht fühlen, man soll nicht denken, üüüh, ich hab Orangenhaut am Oberschenkel, und ich kann mich nicht richtig schminken, und ich weiß auch nicht, wie man Männer im Bett richtig befriedigt... sondern man soll sich im Gegenteil total super fühlen, man soll denken, dass man selber alles machen kann, was man möchte, dass man auch aktiv partizipieren kann an Popkultur und eben nicht nur dazu verdammt ist, das von außen zu beobachten oder vielleicht grade mal die Freundin des Gitarristen zu werden. Sondern, dass man eben selber die Gitarre in die Hand nimmt, oder sich hinter zwei Plattenspieler stellt.
Das hat uns ja immer an anderen Frauenzeitschriften so gestört, dass man danach immer das Gefühl hatte, man ist ein Mängelwesen."
 
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  missy-magazine.de
Seit Montag in ausgewählten Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich.
   
 
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