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Wien | 22.11.2008 | 18:51 
Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

HansWu, Pfister

 
 
Live Piracy Map
  14.11.2008, 21:34h, Pos.: 04:25.6S - 048:58.5E,
off southern Somalia.

Pirates heavily armed with automatic weapons and RPG (Rocket Propelled Grenade Launcher) in two speedboats chased and fired upon a container ship underway. Master increased speed, took evasive manoeuvres and crew activated fire hoses. Pirates aborted the attempted attack at 22:56h. Ship sustained damages due to gunshots and RPG fire. No injuries to crew.
 
 
 
Jeder Punkt ein Überfall im Jahr 2008
 
 
  Ich hab ja meinen Geburtstag Ende Oktober mit einer Piratenparty gefeiert. Richtig, mit Verkleiden. Säbel, Hüte, Bärte, Pistolengurte, Tücher, rußiges Makeup, Zahnschwarz, falsche Tätowierungen, Ohrringe für alle. Ein voller Erfolg, kann ich sagen, ich weiß jetzt, wie meine Freundinnen und Freunde aussähen, hätten wir damals im 18. Jahrhundert auf Berufsberatung gepfiffen und auf den Pfad der Tugend auch gleich. Ich bekam eine Torte mit einem Esspapierschiff und Gummibärmannschaft und holzbeinige, säbelschwingende Piraten aus Keks. Und Rum. Viel Rum und jamaikanisches Bier. Das reicht Jahrzehnte.
 
 
 
Prost
  Man kann also sagen, die Nachricht von der Entführung des Hundert-Millionen-Dollar-Tankers traf mich nicht unvorbereitet. In der Vorbereitungszeit für die Party strömten Pirateninfos nur so auf mich zu, Segen der selektiven Wahrnehmung.
 
 
 
Gekapert
  Momentan ist es nämlich so, 16.000 Schiffe transportieren 30 Prozent des Erdöls durch den Golf von Aden, zwischen Jemen und Somalia. Und da sind auch Piraten, tausend Mann ungefähr, im ersten Halbjahr 2008 haben sie für gekaperte Schiffe schon 30 Millionen Dollar Lösegeld erpresst. Oder aber man nimmt mit der Ware vorlieb. 30 vor Somalia gekaperte ukrainische Panzer wird man ja schon wieder irgendwo loswerden. Angeblich ist Piraterie nur ein weiterer Zweig des organisierten Verbrechens, die Fäden werden in Shanghai oder Hongkong gezogen.
 
 
 
 
 
Stories
  Auftritt das IMB, das International Maritime Bureau, die Anti-Piraten-Abteilung der internationalen Handelskammer! Versicherungen, Reeder und Banken bilden das IMB, und unter Captain Pottengal Mukundun brummt das 24-Stunden-Pirateriemeldezentrum in Kuala Lumpur. Die Meldungen werden so schnell wie möglich per Satellit an Kapitäne übermittelt bzw. leuchten in der Live Piracy Map auf.

Quasi in Echtzeit kann man auf dem Plan die Umtriebe der Piraten verfolgen, und jede Story räuspert sich schüchtern und fragt, ob Jerry Bruckmeyer sie nicht verfilmen will. Aber nur, wenn Leonardo DiCaprio die Hauptrolle spielt. Es gibt auch eine kleine Börse rund um die Map, wo sozusagen Gutscheine für eine Begleitung der französischen Marine vergeben werden. Leider nur zwei pro Woche.
 
 
 
Go, go, go. Olé, olé, olé.
  Mit welchem Gefühl man als Matrose den Golf von Aden befährt, kann man anhand der Geschichte der "Cheung Son" ermessen, ein 17.000-Tonnen-Frachter auf dem Weg von Shanghai zum malaysischen Hafen Port Klang. An Bord: Schlacke. Im Herbst 1998 plötzlich Funkstille.

Ende November dann ziehen chinesische Fischer ihre Netze aus dem Wasser. Sie finden Leichen, den Mund mit Klebeband verschlossen, an Metallgewichte gebunden - die Crew der Cheung Son. Später fand man bei einem Verdächtigen Fotos, auf denen die Piraten Party machen an Deck, zwischen den Leichen. 2000 wurden die 13 Piraten, Chinesen und Indonesier, vom Staat China exekutiert.

Vorher durften sie sich von ihren Verwandten verabschieden und Reiswein trinken. Die Piraten, zwischen 23 und 27 Jahren alt, sollen singend in den Tod gegangen sein, aber weitaus bizarrer als in der Singen/Hängen-Szene in "Fluch der Karibik": Mit "La copa de la vida loca" von Ricky Martin auf den Lippen.

Die Cheung Son und ihre Ladung jedoch hat man nie wieder gefunden.
 
 
 
 
 
  Zurück zur Live Piracy Map. Nicht alle Vorfälle werden gemeldet, eine Anzeige bei der Polizei bedeutet nur länger im Hafen bleiben zu müssen und mehr Hafenliegegebühren. Die Wasserschurken sind mit allem von der Panzerfaust abwärts bewaffnet, die Besatzung der Handelsschiffe mimt unfreiwillig die Pazifisten. Die Bewaffnung von Handelsschiffen ist verboten. Lärmkanonen können sich nur Kreuzfahrtschiffe leisten, Zäune helfen nur während der Fahrt, nicht aber im gefährlichen Hafen von Lagos, und die Reeder verlassen sich sowieso lieber auf die Versicherung. Die dänische Großreederei Maersk immerhin schickt ihre langsamen und niedrigen Schiffe seit neuestem lieber den langen Weg um Afrika rum, übers Kap der guten Hoffnung, das dauert zwei Wochen länger.
 
 
 
  Lasst uns aber noch an das Jahr 1920 denken, in dem eine gruppe deutscher Kommunisten und expressionistischer Autoren den Fischdampfer "Senator Schröder" kaperten, um in Murmansk mit Lenin persönlich die Politik der KPD zu diskutieren. Lenin: "Na, da haben wir ja die Genossen Piraten". Zitat Ende.
 
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  The Pirate Villages of Somalia
by Chris
   
 
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