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Wien | 25.11.2008 | 15:39 
Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

HansWu, Pfister

 
 
Gears of War II
  Hirn aus, Xbox an ist definitiv das Motto dieses Shooters, und das sage ich, so wahr ich heute mein "Aliens vs. Predator"-T-Shirt trage. Es ist eine seltsame Welt. Sie ist grau, blau und braun, nichts für Farbenblinde, sie hat mehr Details, als ich je sehen wollte, äh, schon wieder ein verrostetes Schild, tausend Dachschindeln, noch ein sorgfältig geblätterterer Baum hinter den anderen tausend Bäumen.... grafisch sehr gut, das böse Wort, wenn ein Spiel schon sonst nicht viel erzählt, "grafisch sehr gut" ist das "nett" der Spielebranche. Abgesehen von einigen wenigen Frauen in grauschwarzen leicht nazimäßig angehauchten Uniformen gibt es hier nur Männer. Männer und ihre Gegner, die bösen Außerirdischen namens Locusts, Heuschrecken zu deutsch, wie die biblische Plage, zwischen Hagel, Finsternis und Tod der Erstgeborenen.
 
 
 
  Die Außerirdischen, das haben wir ja schon am Ende von Teil eins befürchtet, lassen sich nicht so einfach unterkriegen. Eigentlich sind sie sogar am Gewinnen. In Gears of War 2 sind die Locusts schon wieder fleißig am invadieren, diesmal mit der Guerillataktik, die Erde innen wie einen Emmentaler auszuhöhlen. Im Erdinneren gibt es dafür leuchtende Pilze in Zuckerlfarben, als wäre man auf einem Goa Rave. Dasselbe Team von Soldaten wie in Teil eins ist unterwegs, in grotesk überzeichneten Rüstungen, die sie bucklig und verbaut aussehen lassen, mit denselben leisen samtigen Stimmen, zumindest auf Englisch. Auf Deutsch hat man das irgendwie missverstanden, hoch und geziert spreizt die Synchro den kleinen Finger ab.

Marcus Fenix ist wieder cooler Führer der Truppe, und Dominic Santiago ist auch wieder da, der Mann mit dem "Maria"-Tattoo auf dem baumdicken Arm, der seine Frau schon in Teil eins vermisst hat, und nun zusehends den Verstand darüber verliert. Nach gefühlt zehntausend abgeschossenen Locusts, lehnt sich Dominic gern an ein ausgebranntes Auto und muss an Maria denken. Die Kollegen sagen was wie "Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst, es ist okay." Nach diesem Moment, der uns den fortschrittlichen "Mann mit Gefühlen" zeigen soll, sicher eine Revolution, wenn es vor 20 Jahren gezeigt worden wäre, geht es wieder auf in den Kampf.

 
 
  "Duck and Cover" ist das Motto, die meiste Zeit verbringt man aus einer Deckung schießend, von Deckung zu Deckung hechtend, schleichend, rutschend, geduckt laufend. Teamarbeit ist unerlässlich, im Single wie im (no na) Coop online Modus. Taktischer Shooter wie Battlefield oder Fallout ist das trotzdem keiner, und das Bild von Solid Snake hat auch niemand im Spind hängen. Gears of War 2 ist eben aber auch nicht lupenreiner "Wer braucht schon Deckung, ich renn mal los" Shooter.

Und wenn man gerade am Sterben ist, sich blutend und um Hilfe rufend durch die Gegend schleppt (traurig, ich weiß), kann einen ein Kamerad per Berührung wieder ins Leben zurückholen. Na, wie romantisch ist das denn? Nicht umsonst auch der Titel, die Gears of War, Zahnräder in der Armee der Menschen, sind die Soldaten, die sich auch gegenseitig Gears nennen. Sie tragen nicht die üblichen dogtags um den Hals, ihre Erkennungsmarken nennen sich c o g tags, das Wort für Zahnradzahn.

 
 
  Von der philosophischen Seite gesehen sind aber eigentlich die Locusts die Kriegsmaschine, schlag nach bei Deleuze und Guattari.
Die Kriegsmaschine ist ein Guerilla-Apparat, außerhalb des Staats, so etwas wie die Hunnen auf ihren schnellen robusten Pferdchen, die ins römische Reich einfallen. Die Kriegsmaschine ist wuchernd, schnell, voll Energie, etwas Anarchisches, das der Staat zu vereinnahmen versucht.

Der Staat ist wie Schach, mit seinen genau codierten Figuren, die bestimmte Sachen können oder eben nicht, mit seiner klaren Schlachtlinie, die Kriegsmaschine ist wie Go, dessen Steine kollektiv und anonym über das Brett wabern, bei dem die Steinchen je nach Lage und Beziehung begrenzen, besetzen oder zerschlagen können. Staat und Kriegsmaschine können aber nicht ohne einander existieren. FM4 ist so eine Kriegsmaschine, Störfaktor im "Staatsfunk" und doch Teil desselben, ja aus ihm entstanden.
Der Aktienmarkt ist eine Kriegsmaschine, wuchert außerhalb des Staates, reißt ihn mit, formatiert ihn neu, und wird momentan wieder vom Staat vereinnahmt.
So wie die US den wilden "White Trash" inkorporieren, als Kanonenfutter im Irak, möchte man sagen. So wie die wilde jagende Katze, die man mit heimbringt, die Chaos und Kratzer bringt und die dann aber als "unsere Minki" in die Familie inkorporiert wird.

 
 
  (Mit Antonio Negri könnte man dann weiter sagen, dass der Kapitalismus diese Unruhe, den Kriegszustand, das Gefälle, den Prekarismus aufrechterhält. Der Kapitalismus wird niemals Afrika befreien, das arme Land, das seine Böden ruiniert für Baumwolle und Rohstoffabbau ... "Let's make MONEY" ist in dem Zusammenhang vielleicht eine Filmempfehlung.)

Also, wir wiederholen, die Locusts sind eine Kriegsmaschine. Sie sind Krieger, nicht Soldaten. Aber ziemlich bald verschwimmen wieder mal die Grenzen. Zwei Arme, zwei Beine, Kopf, Uniform, die Locusts sehen eigentlich genauso aus wie Menschen. Deshalb ist Gears of War 2 auch auf dem Index. Im Kampf gegen Barbaren wird der Staat selbst immer barbarischer, wird selbst zur Kriegsmaschine. Amerika ignoriert Kriegsrecht in Guantánamo Bay.

Und unsere Locusts werden im Nahkampf wieder mit dem Kettensägenbajonett in Teile gesägt, mitten durch den Kopf, dann weiter. Das kann ich ja noch irgendwie erklären: So wie die buckligen Rüstungen, so wie die waghalsigen Gears ohne Helm, ist eben alles überzeichnet in diesem Spiel. Sterbende Locusts werden als Deckung verwendet, auch nicht schön, aber in diesem Spiel geht es nun mal um das Zuschlagen aus der Deckung. Aber es gibt drei Arten der Hinrichtung von Locusts, die schon am Boden liegen. Schnelle Tötung, langsame Tötung, und "Aufklatschen". Pardon, aber das ist rechte Skinheadsprache. Kotz.

 
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