Frederic Beigbeder beschreibt in seinem Roman 'Neununddreißigneunzig' die Welt der hochbezahlten, von ihrem Job tödlich angeödeten Werbemenschen.
Der Franzose Frederic Beigbeder hat selbst an die 10 Jahre in der Werbung gerbeitet, nachdem '39,90' erschienen war, warf ihn seine Firma raus, und er sagt, er wollte das auch, denn es habe ihn fertig gemacht, dass man in der Werbung praktisch nur für den Papierkorb arbeite.
Schuld sei M. Houellebecq, der seinen Freund Frederic ermutigte, das böse Buch zu schreiben und tatsächlich kommt '39,90' locker aufs houellebecqsche Bösheits- und Grauslichkeitslevel, später fühlt es sich eher an wie "American Psycho" von Bret Easton Ellis. '39,90' kam in Frankreich übrigens unter dem Originaltitel "99 Francs" heraus und wird ab 2002 vermutlich als "15 Euro" gedruckt werden - der Titel entspricht dem Verkaufspreis des Buchs.
Beigbeders Held Octave arbeitet in einer Werbeagentur. Sein aktuelles Projekt ist eine Kampagne für das Magerjoghurt "Maigrelette" der Firma "Madone" (was nicht von ungefähr so klingt wie "Danone").
Frederic Beigbeder
... In meinem Metier will keiner ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht...
"... Ihr Leiden dopt den Handel. In unsrem Jargon nennen wir das die "Post-Shopping-Frustration". Sie müssen unbedingt ein bestimmtes Produkt haben, und kaum dass Sie es haben, brauchen Sie schon das nächste. Der Hedonismus ist kein Humanismus, sondern Cashflow. Devise: "Ich gebe mein Geld aus, also bin ich." Um Bedürfnissse zu schaffen, muss man Neid, Leid, Unzufriedenheit schüren - das ist meine Munition. Meine Zielschiebe sind Sie."
Überhaupt erfährt man hier mehr über Werbeterminologie und Manipulation, als einem lieb ist. Werbung ist hier Kriegspropaganda. Octave setzt im Laufe der Erzählung alles in den Sand, was nur geht: Er verlässt seine schwangere Freundin, kokst mehr als irgendwer vertragen kann, und die 13.000 Euro
Gehalt plus Allmachtsgefühl sind nur die Glasur auf dem Kuchen.
... Ich caste die Models, von denen Sie in sechs Monaten einen Ständer kriegen,...
"... die Sie Top-Models nennen, weil sie auf allen Plakaten sind; meine Mädchen traumatisieren jede Frau über vierzehn. (...)
Je mehr ich mit Ihrem Unbewussten spiele, desto besser gehorchen Sie mir. Wenn ich an den Wänden Ihrer Stadt ein Joghurt anpreise, werden Sie es kaufen, das versichere ich Ihnen. Sie meinen, frei zu sein in Ihrer Wahl, aber eines Tages werden Sie mein Produkt im Supermarkt wieder erkennen und Sie werden es kaufen, nur um es zu probieren, glauben Sie mir, ich kenne meinen Job.
Mmmhh, ist das geil, Ihr Gehirn zu penetrieren. (...)
Das macht mich in Ihren Augen wohl nicht sonderlich sympathisch."
Stimmt. Es ist schon sehr mutig von Beigbeder, loszuschreiben mit einem Arsch als Protagonisten. Aber es funktioniert. 39, 90 "geht runter wie Obi gespritzt" (Copyright Kollege Trischler).
Übrigens wechselt in jedem Kapitel die Erzählhaltung (von ich über du und er/sie zu wir, ihr, Sie) - aber das nur am Rande.
... du hast auch nichts getan, um die Welt anders einzurichten...
"So erfährst du ganz nebenbei, dass (...) Zahncreme ein überflüssiges Produkt (ist), weil die ganze Zahnpflege im Bürsten besteht und die Paste nur gut aus dem Mund riecht; dass Geschirrspülmittel austauschbar sind, weil es ohnehin die Maschine ist, die den Abwasch macht; dass Compact Discs genauso zerkratzen wie Vinylplatten; dass Aluminiumfolie giftiger ist als Asbest; dass sich die Formel für Sonnencremes seit dem Krieg nicht verändert hat (...); dass die Kampagnen, mit denen Nestlé seine Trockenmilch als Babynahrung in die Märkte der Dritten Welt drücken wollte, Millionen Tote nach sich zogen (weil die Eltern das Pulver in verschmutztem Wasser auflösten). (...)
Bleibt, dass du nichts dagegen unternommen hast, zehn Jahre lang, Tag für Tag. ohne dein Zutun hätten sich die Dinge womöglich anders entwickelt. Man hätte sich durchaus eine Welt ohne allgegenwärtige Plakate ausdenekn können, Dörfer ohne allesverschandelnde Schilder, Straßenecken ohne Fastfood und Menschen auf den Straße. Du hast all dies künstlich erzeugte Unglück nicht gewollt. (...)
Aber du hast auch nichts getan, um die Welt anders einzurichten. (...)
Die Strafe Gottes für dieses Vergehen ist bekannt: Es ist die Hölle, in der du lebst.<."
Frederic Beigbeder ist am 13. Juni in Wien, im "Amadeus" Landstraßer Hauptstraße, ab 18 Uhr.
"39, 90" ist im Verlag Rowohlt, 2001, erschienen und kostet 39.90 DM bzw. 291.00 öS.
"Was im Buch geschieht, finden Sie am besten selbst heraus..." (Michel Houellebecq)