Es ist ein trüber September-Sonntag des heurigen Jahres. Kollege Burstup sitzt am Steuer des FM4-Mobils auf der Strecke von Graz nach Wien. Ich knotze am Sitz hinter ihm, noch etwas müde aus dem Fenster blickend. Wir waren beide beim famosen elevate-Festival als Redakteure im Einsatz und bringen nun jede Menge Material mit nach Hause: Live-Sets, Interviews, Publikumsbefragungen.
Vom Bumm zum Bleep und zurück
Ich habe für den 3-tägigen Kurztrip keinen CD-Player mitgenommen, und um uns die Zeit zu vertreiben, krame ich einen Tonträger aus meiner Tasche. Es ist eine Promo-CD vom neuen, ersten Modeselektor-Album "Hello Mom!", die mir die Künstler höchstpersönlich in die Hand gedrückt haben. Am Vortag, um halb Vier in der Früh.
Modeselektor sind die zwei Berliner Produzenten Gernot Bronsert und Sebastian Szary, ehemalige Techno-Kids der Frühneunziger. Nach vielen intensiven Parties sind sie dem Gestampfe überdrüssig geworden und haben auf IDM (Intelligent Dance Music) umgeschwenkt. Zaghafte Blops, gemütliche Bleeps und komplex programmierte Beats bestimmten fortan die Tagesordnung. Doch wer einmal am Tanzboden Blut geleckt hat, kommt nicht für immer davon los. Nach und nach sind die Knatter-Bassdrums wieder ins Repertoire der beiden zurückgekehrt, und jetzt haben wir den Salat: Modeselektor sind zum vielleicht wichtigsten Tanzboden-Kracher des Jahres 2005 mutiert.
Viel zu erzählen
Nach ihrem Live-Set im Grazer "Dom im Berg", das selbst die hargesottensten Bewegungs-Apathiker gegen Ende mitgerissen hat, musste ich die Chance nutzen, die Menschen, die dafür verantwortlich waren, zu interviewen. Und kaum hatte ich sie gefragt, sitze ich mit dem Act auch schon backstage und führe eines der entspanntesten und heitersten Interviews seit langem.
Mit einem natürlichen Lächeln auf den Gesichtern und so ausgeglichenen Sprech-Anteilen, als ob monatelang eine komplexe Interview-Choreographie einstudiert wurde, plaudern Bronsert und Szary sofort drauf los: Über die vielen Vinyl-EPs, den langen Weg zum Debut-Album, ihren Perfektionismus beim Tracks basteln und beim Live spielen. Über ihre Labelchefin Ellen Allien, die spätnachts beim Wohnungsputzen mit ihrem Freund die Modeselektor-Albumtracks auf Dauerrotation gehört hat und schließlich ein "geil, wir hören die nummern schon zum dritten mal in serie!"-SMS in ihr Handy getippt hatte. Über ihre beherzten Nachbesprechungen nach den eigenen Konzerten. Über ihre vielseitigen Musik-Leidenschaften, die so gut wie keine Unterkategorie der Elektronik auslassen.
Das zwinkernde Auge
Ganz angetan von der offenen und unverkrampften Art der beiden Modeselektoren, spreche ich die oft schwierige Balance zwischen dem notwendigen Coolnessfaktor eines Underground-Danceacts und einem humorvollen, selbstironischen Zugang an.
"Das zwinkernde Auge ist total wichtig, weil diese Erde, auf der wir uns befinden, ohnehin schon ernst genug ist." antwortet Gernot Bronsert, ganz ohne klamaukhaft zu wirken. "Wir versuchen nicht, politische Statements in unseren Act reinzubringen, weil das bei Tanzmusik für mich keinen Sinn ergibt. Aber dann doch wenigstens Humor."
Modeselektor machen es ihrer Hörerschaft leicht, sie hemmungslos sympathisch zu finden und genussvoll auf sie reinzukippen. Bronsert und Szary sind selbstsicher genug, sich auf ihre individuellen Persönlichkeiten zu verlassen und auf imaginäre Masken zu verzichten. Präpotente Bühnendivas, verkorkst-überdrehte Partytiger oder besserwisserische Produzenten gibt es ohnehin schon genug.
Im Interview sind Modeselektor ein charmantes, interessiertes Duo, das aus dem Leben erzählt. Auf der Bühne sind sie zwei begeisterte Laptop-Rocker, die durch eine liebevoll auf den Punkt gebrachte Performance die Menschen zum Ausflippen bringen. Und auf Tonträger haben sie - dramaturgisch homogen - eine stilistische Vielfalt gebracht: Verspielte Elektronika, Techno, Ambient, HipHop, Grime.
Burstup und ich sind schon fast in Wien, die Promo-CD beginnt schon zum dritten Mal von vorne. "Eine ziemlich coole Platte!" sagt er, bevor er zur Abwechslung kurz mal auf's Radio umschaltet.