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Wien | 24.1.2006 | 21:30 
Videospiel-Kultur, essenzielle Elektronik und famoses Allerlei.

Burstup, Gerlinde, Grenzfurthner

 
 
Vorgemischte Welt
  Es ist immer ein Genuss, in einem Gespräch oder einem Text Gedanken wiederzufinden, die man von sich selbst kennt, aber noch nicht in eigene Worte gefasst hat. Dann kommt dieser "Ja, genau! Genau!"-Moment, der einen bestärkt, weil man mit den eigenen Empfindungen offensichtlich nicht alleine ist.

So ist es mir schon nach den ersten paar Seiten von "Vorgemischte Welt" gegangen. Die beiden Freunde und Musiker Klaus Sander und Jan Werner unterhalten sich dort über das Ärgernis von vorgefertigten Sounds, Presets, die werksseitig in elektronischen Musikinstrumenten (Synthesizer, Drummachines, Grooveboxes, usw.) integriert sind. Der Vorwurf dabei: Presets würden den Benutzer dazu verleiten, sich am bereits vorhandenen Material anzuklammern anstatt - wie bei jedem anderen Instrument auch - bei Null zu beginnen.
 
 
Anonyme Maschinen
  Klaus Sander:
"Ein Großteil der Benutzer würde niemals Musik machen, wenn es diese Maschinen nicht gäbe.
Seltsamerweise schreibt man sich aber den Vorgang, also das, was man für Musikmachen hält, als eigene Leistung zu, obwohl man doch als Benutzer des Gerätes genau wissen müsste, wie vorprogrammiert der eigene Beitrag dazu war. Aber dieses bessere Wissen wird offensichtlich aus persönlicher Eitelkeit in einer Art stillschweigenden kollektiven Übereinkunft verdrängt."


Jan Werner:
"Das funktioniert deswegen so gut, weil die Maschinen anonym bleiben, die werden ja nicht bestohlen. Und da man irgendeine Identifikationsfigur braucht, um den Output zu verbreiten, nimmt man halt den Presetauswähler. Dessen minimale Einflussnahme nennt sich dann 'editieren'. Manche sprechen schon auf dieser oberflächlichen Ebene des Eingreifens von 'programmieren'. In Musikmagazinen werden Leserjahrescharts von 'Produzenten' angeführt, die, obwohl sie handelsübliche Software benutzen, als 'Programmierer' abgefeiert werden. So werden präzise Definitionen im Prozess des Öffentlichmachens verwischt. Eigentlich müssten sie den 'Presetauswähler des Jahres' küren."

 Klaus Sander
 
 
Das Produktionsdilemma
  Wenn ich daheim vor meinem Synthie sitze, wünsche ich mir auch manchmal, dass dieser ganze Preset-Schrott, der schon im Gerät drinnen war bevor ich es zum ersten Mal eingeschalten habe, mit einem einfachen Tastendruck auf Nimmerwiedersehen gelöscht werden könnte. Dass ich gar nicht mehr in Versuchung komme, an bereits Vorhandenem weiterzuarbeiten, ich nicht von meiner eigenen Kreativität abgelenkt werde.

Die moderne Technik macht Musikproduktion zwar prinzipiell für jeden leicht zugänglich, mindert aber gleichzeitig die Akzeptanz der elektronisch erzeugten Musik. Denn schließlich kann ja jeder kommen und mal schnell an ein paar Voreinstellungen schrauben. Warum also Schweiß und Tränen für das Erstellen eines Sounds vergeuden, wenn am Schluss der Großteil der Hörenden ohnehin nicht bemerkt, ob ich den (Sound) jetzt genuin selbst gebastelt oder ihn mir, ausgehend von einem Preset, durch ein paar mal Knöpfchendrehen geschwind zurechtgeschnitzt habe?

Jan Werner:
"Mich interessiert, wie weit jemand mit einer bestimmten Software gegangen ist. Was hat er da rausgeholt, und was hat er sich damit einfallen lassen? Es sind die Kombinationen, durch die die Spannungen entstehen. Musik ist nicht eine einzelne Information, die dann über vier Minuten ausgedehnt wird, sondern ein komplexes Spiel an sich ständig bewegenden und ineinander greifenden Elementen."

 Jan Werner
 
 
Plaudern über Pop und Kunst
  Sander und Werner arbeiten sich, mit Hilfe von gelegentlich auftauchenden Gästen wie Klaus Theweleit und Oswald Wiener, mit ihrer ursprünglichen Kritik an der Preset-Kultur weiter zum Wesen von Pop vor, den Schwierigkeiten, Musik über Texte zu vermitteln und besprechen die Grenzen und Irrtümer von Rezensionen. Gegen Ende langt man bei allgemeiner Kunstkritik an, macht sich Gedanken über die Postmoderne und die Frage, ob man seine eigenen Werke schon oder eben doch nicht veröffentlichen sollte.

Zwischendurch erstellt Matthew Herbert mit Hilfe eines Samplers und dem Klingeln seines Schlüsselbundes einen Minimal-Track und man hört ein nächtliches Froschkonzert karibischer 'Whistling Frogs'. Dem Buch ist nämlich eine kleine CD mit Hörbeispielen beigelegt.

Wer Poptheorie mag und selbst gerne in den Tag hinein philosophiert, wird viel Spaß beim Lesen von "Vorgemischte Welt" haben. Einzige Voraussetzung ist, dass man über grundlegende Produktionstechniken von Musik Bescheid weiß und selbst gerne Musik hört.

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  suhrkamp.de
"Vorgemischte Welt" von Klaus Sander und Jan Werner ist im suhrkamp Verlag erschienen

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