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Wien | 13.2.2007 | 03:39 
Videospiel-Kultur, essenzielle Elektronik und famoses Allerlei.

Burstup, Gerlinde, Grenzfurthner

 
 
Das Protestsongcontest-Finale 2007
  Zugegeben: Spätestens seit dem vorigen Jahr wittere ich insgeheim die Gefahr, dass sich die Ecken und Kanten des Protestsongcontest durch die jährliche Wiederholung langsam glattbiegen. Kann eine rebellische Ad-Hoc-Idee, die ihre ursprüngliche Kraft aus Spontaneität und Überraschung geschöpft hat, Jahr für Jahr in der selben Konzeption und Umsetzung wiederholt werden, ohne an Relevanz zu verlieren?

Spätestens beim Dabeisein bei der großen Finalsause im Wiener Rabenhof wird mir dann immer klar: Ja, sie kann. Der Protestsongcontest schafft auf verblüffende Art und Weise den schwierigen Balanceakt zwischen schlau inszenierter Unterhaltung und ernst zu nehmender Kritik seitens der TeilnehmerInnen jedes Jahr aufs Neue.
 
 
Was lange währt
  Weil das Grundgerüst so robust gebaut ist, kann der Protestsongcontest offensichtlich nicht an Brisanz verlieren, sondern nur an Wert gewinnen. Nachdem nun bereits seit 2004 erfolgreich protestiert wird, hat sich das Projekt einen guten Ruf erarbeitet, und so werden jedes Jahr mehr Gäste, Bands und MusikerInnen darauf aufmerksam.

Bereits von Anfang an dabei ist der Chor der Wiener ArbeiterInnen, der traditionell den Final-Reigen eröffnet. Der Protestsongcontest ist dem antifaschistischen Aufstand des Februar 1934 gewidmet und so wird auch heuer wieder Die Arbeiter von Wien angestimmt. Auch mich kleidet an diesem Abend, dem Anlass entsprechend, meine rote Hose.
 
 
 
 
 
Salon Helga präsentiert
  Nachdem Herr Grissemann letztes Jahr gegen seine Moderatorenrolle erfolgreich protestiert hat, nimmt er dieses Jahr doch wieder den Platz neben Stermann ein und leitet mit ihm durch den Abend. Das Procedere ist gleich geblieben: Aus weit über 200 Einsendungen wurden zunächst 25 Songs zum Vorfinale gekürt, nun werden davon die zehn besten live auf der Bühne präsentiert.

Den tösenden Anfang machen Rare'n'Tasty, eine achtköpfige Ska-Combo, die sich mit dem Song "Jamma ma" einem klassischen Protestsongcontest-Thema widmet: Der so genannten österreichischen Mentalität, konkret dem Sudern und Raunzen.
 
 
 
Rare'n'Tasty
 
 
Ster'n'Grisse
 
 
Wie tanzt die Unterschicht?
  Die Tiefseetaucher, Start Nummer 2, haben im Text ihres Songs besonders viele Fragezeichen untergebracht. Das liegt daran, dass sich ihr Song mit der diffusen Bezeichnung "Unterschicht" auseinandersetzt. Die Jury ist sich einig, dass zwar das Aufgreifen dieses Themas notwendig ist, die inhaltliche Verarbeitung innerhalb des Liedes aber zu wünschen übrig lässt. Gefordert wird eine stärkere Analyse der Symptome und weniger das Klären der Begriffsdefinition.

Die jungen Menschen von Firewall hingegen müssen sich mit derlei Kritik nicht plagen: In "Zuviel Natur" geht's nicht um politische, wirtschaftliche oder soziale Probleme, sondern die alltäglichen Interessenskonflikte mit den Eltern. Die wollen nämlich auf die Alm - dabei ist das wahre Leben doch in der Stadt!
 
 
 
Sympathisch: Der Sänger der Tiefseetaucher lässt es sich trotz des eher ernst vorgetragenen Songs nicht nehmen, zwischen Strophe und Refrain keck auf und ab zu springen.
 
 
"Zuviel Natur hält keiner aus, nicht Herbert und nicht Frieda!" Firewall sprechen aus eigener Erfahrung. Jurymitglied Peter Paul Skrepek ist durchaus dafür, denn: "Die Revolution beginnt immer bei einem selbst."
 
 
Durchaus amused: Die Jury. Von links oben im Uhrzeigersinn: Martin Blumenau, Barbara Blaha, Peter Paul Skrepek, Birgit Denk, Rainer von Vielen, Doris Knecht
 
 
Das ist kein Lächeln
  Einer meiner persönlichen Favoriten ist diesmal der einzige der zehn Finalisten, der ganz solo auf der Bühne steht. MGD9 schwört auf Gitarre und seine eigene Stimme und schafft damit auch eine bemerkenswerte Live-Präsenz. Herr MGD9 ist ein schlauer und charmanter Teilzeitmisanthrop, der seine Mozart-Antipathie, ausgelöst durch "Mozart 2006", in einem gleichnamigen Song radikal und poetisch zugleich zum Ausdruck bringt.
 
 
 
MGD9
 
 
Five princes
  Das Pitch Pipe Project hat bereits Stunden vor seinem Auftritt beim Protestsongcontest auf der Wiener Kärntner Straße geprobt. Die fünf Berliner wettern - nur mit den eigenen Stimmen als Instrumente - in ihrem Song "Kleiner Jungpionier" gegen die so genannte Ostalgie-Welle, die derzeit vor allem in Berlin grassieren soll. Das Motto: Früher war nicht alles besser, schon gar nicht in der DDR.
 
 
 
Pitch Pipe Project
 
 
Revolutionen und Nicht-Revolutionen
  Im Protestsongcontest-Postkasten langen jedes Jahr einige HipHop-Beiträge ein; ins heurige Finale hat es allerdings nur eine geschafft: Mieze Medusa, unterstützt von Violetta Parisini (Refrain), Tenderboy (Beats) und DJ Smi (Scratches).

Mieze alias Doris rappt glaubwürdig über Schein-Revolutionen und gute Taten oder Menschen, die auf den zweiten Blick gar so gut nicht sind: Straßenkeiler, ungeschützter Geschlechtsverkehr, Schlankheitswahn. Jury als auch Publikum sind sowohl von den Texten als auch der selbstsicheren, aber dennoch relaxten Performance überzeugt.
 
 
 
Mieze Medusa
 
 
Schreihals
  Wäre ein Protestsongcontest überhaupt ein Protestsongcontest, gäbe es bloß Sympathieträger? Wohl kaum. Deshalb fühlt sich Dieselmensch in seiner Rolle vermutlich auch einigermaßen wohl. Ihr Song "Demonoid", bei dem es um Mitläufertum bei Demonstrationen geht, polarisiert, wie schon beim Vorfinale, auf eine seltsame Art und Weise. Die Erstreaktion des Publikums ist Begeisterung, erst später sickert der Song - vor allem durch die etwas haarige Songzeile "Bitte kane Demos mehr!" - bei vielen und ruft dann doch Unmut hervor.
 
 
 
Dieselmensch
 
 
Bühnengedärm
  Auch Fun-Punk kann dissident sein - zumindest ein bisschen. Das beweist die Bandformation mit dem markanten Namen Darm durch ihren Song "Pharisäer". Leider gehen die Därme mit ihrem lustig-munteren Lied gegen politischen Leichtsinn im Schwall der starken Konkurrenz nahezu unter.
 
 
 
"Dan-keeee, für jahrelanges Lü-geeen!" - Der Hauptdarm liebt die Arme ausgestreckt.
 
 
Er find't sein Weg
  Manuel Normal hingegen geht garantiert nicht unter. Sein Song "Sicher ned du" ist FM4-bekannt und sowohl auf Platte als auch live ein ziemlicher Reißer. Weil Manuel so viel herumhopst, ist es schwer, den Mann scharf vor die Fotolinse zu bekommen - das hat mir Kollegin Gollackner versichert, die übrigens all die schönen Bilder hier geschossen hat.
 
 
 
Manuel Normal
 
 
Lieber dafür statt immer dagegen
  Wer zu destruktiv ist, bringt erst recht nichts weiter. Unter diesem Motto tritt die bayerische Combo Jumbokoffer an, die mit Startnummer 10 das Finalisten-Aufgebot des heurigen Protestsongcontest komplettiert. Lied als auch Text können überzeugen, nur das vom Co-Sänger hoch intonierte "Ahh-aaah-haaa!" sorgt für zwiespältige Reaktionen beim weiblichen Teil der Jury.
 
 
 
Jumbokoffer
 
 
Warten auf das Endergebnis
  Kein Brettl vorm Kopf, dafür neuerdings jede Menge Haare im Gesicht hat Jörg Zemmler, der Protestsongcontest-Sieger des Vorjahres. Während sich die Jury zur Ermittlung der Punktevergabe zurückzieht, hat er die Bühne frei für sich und seine Band. Zemmler gibt sich erneut als verwirrter, aber doch auch vifer Chaos-Clochard mit dem gewissen Etwas. Seine Mitstreiter reihen sich ins unorthodoxe Auftreten und die dementsprechende musikalische Darbietung ein.
 
 
 
Jörg Zemmler
 
 
Counting up
  Keine 15 Minuten später ist es soweit: Jedes Jurymember vergibt seine Punkte, und es stellt sich schon bald eine Tendenz ein: MGD9, Mieze Medusa, Manuel Normal und Jumbokoffer schnellen in der Punkteliste besonders auffällig nach vorne.

Bereits nach der vorletzten Wertung ist klar: Am Sieger oder besser gesagt an der Siegerin kann nicht mehr gerüttelt werden: Mieze Medusa & Tenderboy feat. Violetta Parisini machen mit eindeutigem Abstand zu Platz 2 (Manuel Normal) und Platz 3 (MGD9) das Rennen.
 
 
 
Glückwünsche seitens der Jury ...
 
 
... und noch viel intensiver aus dem Publikum.
 
 
So sehen SiegerInnen aus!
 
 
Da werden schon mal Füße geküsst ...
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  Die Protestsongs der FinalistInnen zum Download
mit Cover zum Ausdrucken

Der Protestsongcontest 2007 auf fm4.ORF.at

www.protestsongcontest.at
   
 
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