Ein Sitz-Rave! ruft Kollegin Esther Csapo begeistert, als wir im Stollen des Linzer Aktienkeller Platz genommen haben. In Kürze beginnt dort das aufwändige audiovisuelle Projekt FEED von Kurt Hentschläger. Reingelassen haben sie uns nur, weil wir vorher schriftlich beteuert haben, dass wir nicht an Epilepsie leiden und auch sonst keine körperlichen Labilitäten vorweisen.
Eine Stimme verrät uns: Wenn irgendetwas sein sollte, wir uns beispielsweise übergeben müssen oder ähnliches, würde ein netter Mensch mit Nachtsichtgerät kommen und uns aus dem Raum leiten. Wir werden gleich die räumliche Wahrnehmung verlieren und die Hand nicht mehr vor dem Gesicht sehen können. Aber sonst wird alles gut. Um nicht mit einem mulmigen Gefühl dazusitzen, scherzen Esther und ich ein bisschen über die Situation. Noch haben wir leicht lachen.
Der erste Teil von FEED ist noch harmlos. Hier werden zu brummend-elektronischen Soundscapes bloß ein paar 3D-Körper auf die Wand projiziert.
Eingelullt
Eine halbe Stunde später: Der dichte Nebel strömt in den Raum und innerhalb von Sekunden ist unsere Sicht massiv eingeschränkt. Eine Minute später gibt es gar keine Sicht mehr. Dafür blitzen Stroboskope in allen Farben und Linien vor unseren Augen - so, als ob wir gerade kurz direkt in die Sonne geschaut hätten und danach unsere Augen geschlossen.
Das elektronische Brummen und Grummeln hat sich auch zugespitzt. Wir fühlen uns, als ob wir im DeLorean von "Zurück in die Zukunft" sitzen und gerade eine Zeitreise machen. Beim Ende der Performance sind wir uns einig: FEED ist ein einmaliges, intensives Erlebnis und sollte für so manchen Club lizensiert werden.
Esther reist denkend durch die Dimensionen.
Ab zum Campus
FEED ist vorbei und es wird Zeit ins Bett zu gehen, denn morgen ist Uni. Allerdings nicht so, wie üblich. Statt Vorlesung und Seminar um 9 Uhr in der Früh wandere ich gemütlich zur Mittagszeit zur Linzer Kunstuni am Hauptplatz. Dort formen die Räumlichkeiten während der Ars die umfangreiche Ausstellung "Campus 2.0".
Die meisten Künstler/innen, die hier ihre Exponate präsentieren, sind Studierende aus unterschiedlichen Lehrstätten. Viele haben Industrie-Design inskribiert, und das dabei gelernte Wissen und die großen Maschinen werden oft und gerne dazu genutzt, künstlerische Ideen umzusetzen. Beim Campus 2.0 kann man sich auf drei Stockwerken davon überzeugen.
Rohre zum Klingen: Reinsprechen, Stimme samplen und dann kräftig effektieren.
Avantgarde-Fashion, stilsicher und schlau. Beispielsweise mit applizierten Google News-Feeds auf Longsleeve-Shirts (links unten).
Be-Geisterung ohne Ende
OK, ich gebe es zu: Der Hauptgrund, warum ich heute den Weg zum Campus 2.0 angetreten bin, hat mit pixeligen Pac-Man Geistern zu tun, die auf bzw. in grüne Schals gestrickt werden. Das Projekt "Struckmaschine" verbindet angewandte Kunst mit industriellem Design und Technologie. Und das geht so: Ein Cardreader liest die grundlegenden Daten von einer Kreditkarte aus, wandelt sie in einen binären Code um, der dann per Strickmaschine seinen Weg auf den Schal findet (0 = nichts, 1 = Geist).
Höflich, aber desperat erbitte ich so einen Schal, Kreditkarte und Geldbörse zückend. Doch die beiden Geistermacher Fabienne und Patrick winken ab: Mehr als drei Schals pro Tag gehen leider nicht, und die Anfragen würden diese Kapazität bei weitem überschreiten. Kein Wunder. Deshalb startet auch schon bald der Online-Shop. Praktisch: Beim Kauf per Kreditkarte hat das Team auch schon alle notwendigen Informationen für den individuellen Geister-Schal.
Patrick Rueegg beim supervisen der Struckmaschine.
Nachrichten auf der Leine
Das publikumswirksamste Projekt beim Campus 2.0 ist aber zweifellos die Unterhosen-Aktion von Studenten der schweizerischen Fachhochschule HyperWerk. Ganz im Stil kleiner, italienischer Gässchen, über die Wäscheleinen gespannt sind, "schreibt" dabei ein junges Team aus Basel mit schwarzer Herrenunterwäsche Texte in die Luft. Klingt absurd? Ist es auch. Aber auch ziemlich super.
Die Herren und ihre Hosenmaschine.
Mode und Maschinen, das scheint überhaupt ein gemeinsamer Nenner von vielen Projekten bei Campus 2.0 zu sein. Hier zu sehen: Wearables zum Ausflippen.