Verblüffend, aber wahr: Als mitternachts der Samstag anbricht, habe ich meine lebenslange Faschings- und Verkleidungsphobie überwunden. Zumindest vorübergehend, solange eben Disketten statt Dornröschen und Papp-TV statt Pumuckl-Perücke regieren.
Beim "3rd Life im 2nd Krebs" ist an kein Hineinkommen ohne Avatar-Verkleidung zu denken. Nach dem Entrichten des Obolus wird man sofort zur Maske geleitet, die für die perfekte Optik sorgt.
Second Life of Drugs
Neun Uhr Früh. Nur sechs Stunden Schlaf - das kann nicht gut gehen. Also auf in diesen hellen, schick eingerichten Laden, wo einem strahlende Menschen von Plakaten entgegenlächeln und kleine, hellblaue Pillen verlockend aus der Glasdose glänzen. Nach ein bisschen Havidol fühle ich mich nicht nur wieder bloß gut, sondern besser.
Ork-Kriege auf der Marienstraße
Während ich um circa 13 Uhr die heutigen Interviews für die Radio-Sendung vorbereite, höre ich schon wieder diese klirrenden Schwertgeräusche, die mir dann und wann die Konzentration rauben. Kurzentschlossen gehe ich während der Arbeit den merkwürdigen Klängen auf den Grund.
Draußen auf der Marienstraße, wenige Meter von unserem Radio-Stützpunkt entfernt, finde ich dann die Quelle des Krachs: Einen konzentrierten jungen Herrn, der seine virtuellen Kampfkünste nicht bloß aufs Computermausklicken beschränkt. Er trainiert auch mit echten Schwerthieben und die scheppern ebenso laut wie in "World of WarCraft".
Bastelstunde mit Gerlinde
Je mehr Menschen in der Second City spazieren, umso öfter häufen sich auch die Sichtungen von beschrifteten Personen. Sie tragen, ganz Online-Rollenspiel, ihren Namen immer bei sich. Nicht etwa auf Kreditkarte oder Führerschein sondern in Form eines analog-virtuellen Heiligenscheins über dem Kopf. Awesome!
Gerlinde bastelt mit, und sie ist für das Projekt ohnehin ideal geeignet, weil bei ihr echter Name und Username miteinander verschmelzen. Das Motto der Second City perfekt zur Schau gestellt quasi. In bewegten Bildern kann man das auch in unserer FM4 videobloggt von der Ars Geschichte sehen.
Desperate Drohne
Gegen 16 Uhr erlebe ich beim Frische-Luft-Schnappen auf der Straße ein gruseliges Déjà-Vu: Die Sicherheits-Drohne aus BioShock fliegt um mich herum und summt mir in die Ohren. Der einzige Unterschied zum Videospiel-Pendant ist, dass die Ars-Drohne nicht um sich schießt - was mich trotzdem nicht davon abhält, mit der Luftpistole auf sie zu zielen. Denn das Ding ist tatsächlich gemeingefährlich, zumindest in geschlossenen Räumen. Da kann es nämlich zu schmerzhaften Abstürzen kommen, wenn derjenige, der das Gerät steuert, dünne Aufhängeseile übersieht.
Das Einhalten eines Sicherheitsabstandes wird empfohlen.
Die Bäume, sie laden langsam
"Second Life" sei unter anderem deshalb so toll, erzählt mir der geschätzte Kollege Burstup des öfteren, weil hier alle virtuelle Landschaften und Gegenstände stets vom Server geladen werden. Das dauert dann aber manchmal länger und so kann es schon passieren, dass Avatare zuerst mal eckig und ohne Kleidung dastehen und Bäume aussehen wie aufgespannte Leinwände. Das kann man einerseits als hässlich wahrnehmen, allerdings genauso gut zur ästhetisch anspruchsvollen Kunst stilisieren. Kurz bevor unsere mobile FM4-Außenstelle in der Second City wieder abgebaut wird, darf ich also noch den ins reale Leben transferierten Online-Bäumen beim Wachsen zusehen.