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Wien | 22.1.2008 | 21:24 
Videospiel-Kultur, essenzielle Elektronik und famoses Allerlei.

Burstup, Gerlinde, Grenzfurthner

 
 
Grandfather Nerd
  "Es könnte wohl sein, dass die Computer in einer vernünftigeren Welt immer noch so groß und vielleicht auch so langsam sind, wie sie früher waren."

Mit diesem Zitat beginnt die DVD Weizenbaum - Rebel At Work der beiden Wiener Filmemacher Silvia Holzinger und Peter Haas. Sie haben den Computerpionier Joseph Weizenbaum im Jahr 2005 viele Wochen begleitet und ihm genau zugehört. Weizenbaum spricht während dieser Zeit über seine Herkunft und Familie ebenso offen wie über die Frühphase der Computertechnologie in den 50er und 60er Jahren - zu Zeiten, als Software noch auf Lochkarten gestanzt war.
 
 
 
Die digitale Couch
  Weizenbaum ist als Sohn einer jüdischen Familie 1936 von Berlin nach Detroit emigriert und hat dort begonnen, Mathematik zu studieren. Bereits Anfang der 50er Jahre ist er mit Computern in Berührung gekommen, und bekannt wird der IT-Pionier Joseph Weizenbaum dann vor allem durch sein Software-Programm ELIZA. ELIZA täuscht im Jahr 1966 durch die Simulation einer Psychotherapie-Sitzung erfolgreich künstliche Intelligenz vor, die aber tatsächlich gar nicht vorhanden ist. Trotzdem wirkt ELIZA damals glaubwürdig und viele Menschen trauen der künstlichen Therapiesitzung bis zu einem gewissen Grad. Denn, so Joseph Weizenbaum:

"Der Patient interpretiert die Antworten mehr oder weniger so: 'Ja, da ist etwas dabei, das ich noch nicht weiß - aber es ist nicht Unsinn.'"

 
 
Was ist wichtig?
  Die naiven und technikhörigen Reaktionen der Menschen auf sein Programm regen Weizenbaum zum Nachdenken an und so ist der 85-Jährige heute vor allem Gesellschaftskritiker und Computerphilosoph. Seine Grundthese lautet: Ohne den Drang der US-Regierung, Kriegsgerätschaft und Waffensysteme zu perfektionieren, wäre die Weiterentwicklung des Computers nie so weit und vor allem so schnell fortgeschritten. In diesem Zusammenhang weist Joseph Weizenbaum die Unabhängigkeit der Wissenschaft zurück:

"Da ist in unserer Welt eine riesige Verdrängung. Es wird gesagt: Die reine Wissenschaft ist wertfrei. Aber das stimmt nicht. Es gibt eine begrenzte Zahl von Wissenschaftlern, die eine begrenzte Zeit zur Verfügung haben, ihre Arbeit zu tun. Aber es gibt eine unbegrenzte Zahl an Fragen, die wir an die Wissenschaft stellen können. Das bedeutet: Man muss sich Fragen auswählen. Und diese Wahl ist eine, die alles mit den Werten der Gesellschaft, in der die Arbeit stattfindet, zu tun hat."
 
 
 
Vieles in kurzer Zeit
  Computer zu kritisieren ist sinnlos, so Weizenbaum, doch die menschliche Nutzung und Wahrnehmung von Computern zu kritisieren, ist notwendig. Die rasante technische Entwicklung und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten seien gesellschaftlich in dieser kurzen Zeitspanne für uns nicht abschätz- und verarbeitbar.

"Es wird dann gesagt: 'Ja, wir können ja nicht alle Konsequenzen vorhersehen.' - Das stimmt, okay. Das bedeutet aber nicht, dass, da wir es nicht können, wir alles machen dürfen."

 
 
Vom Code fasziniert
  Trotz seiner philosophisch-kritischen Überlegungen, die sich Weizenbaum im Lauf seiner langen Karriere erarbeitet hat, sieht er nicht kulturpessimistisch in die Zukunft. Das grundsätzliche Wesen von Informationstechnologie und Computer-Programmierung fasziniert ihn weiterhin, und das macht Joseph Weizenbaum wohl zu einem der zeitgenössischsten kritischen Geister unserer Gesellschaft.

"Das wirklich Faszinierende ist die Universalität des Computers. Der Programmierer hat eine Macht über eine Bühne, die viel größer ist als der Regisseur im Theater, als ein Shakespeare. Man kann ein System herstellen, in dem die physikalischen Gesetze auf den Kopf gestellt werden. Man ist ein Direktor auf einer Bühne mit unendlichen Möglichkeiten."
 
 
 
Update (6. März 2008)
  Wie heute bekannt wurde, ist Joseph Weizenbaum nach langer Krankheit in Berlin verstorben. [mehr]
 
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  Weizenbaum - Rebel At Work
Die DVD ist über die Website der Filmemacher erhältlich und kostet rund 20 Euro.

'Software-Großvater' hört er nicht so gerne
Ein Interview mit den Filmemachern auf futurezone.ORF.at.
   
 
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