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Wien | 16.3.2008 | 12:58 
Videospiel-Kultur, essenzielle Elektronik und famoses Allerlei.

Burstup, Gerlinde, Grenzfurthner

 
 
Examining the youth
  Es ist fast schon zum kleinen Sport geworden, nachzusehen, wer denn diese Woche auf die Krocha aufmerksam geworden ist. Schreibaffine SchülerInnen - weil selbst aktive Szenemenschen oder zumindest tagtäglich mit den tanzwütigen Styler und Stylerinnen konfrontiert - waren naturgemäß die ersten, die darüber berichtet haben. Nun spricht halb Österreich über Krocha und findet die neu aufgekeimte Jugendkultur wahlweise lustig, lächerlich oder bemerkenswert. Wirklich nachvollziehen können es die wenigsten, Vermutungen gibt es viele und je älter er oder sie ist, desto mehr Vergangenheits-Analogien und "Been there, done that"-Sprüche werden ausgepackt, um möglichst selbstbewusst der Ratlosigkeit des fortschreitenden Alters gegenüber jugendkulturellen Strömungen entgegenzuwirken.

Wir dachten uns: Das schauen wir uns im echten Leben an. Und so fuhren Arthur Einöder und ich im Bamobil nach BraQ an der Leitha, wo die erste Community-Party von krocha.at stattgefunden hat.
 
 
Dancefloor thrill
  Wir treffen pünktlich um 20 Uhr bei der Disco Nova ein, wo wir uns mit den Betreibern von krocha.at vor Start der Party verabredet hatten. Das Lokal ist nicht besonders groß, ein BesucherInnen-Ansturm bleibt in den ersten zwei Stunden ausständig. Der Höhepunkt des Abends - der Auftritt von Szene DJ Stee Wee Bee - ist aber auch noch lange hin und ein ausgewiesenes Tanzlokal brauchen Krocha bekanntlich nicht, um ihrer Leidenschaft nachzugehen.

Gegen 23 Uhr ist es dann aber soweit: Die Menschen sind da, der Dancefloor füllt sich zunehmend. Aber merke: Krochen ist anstrengend! Deshalb steht nicht das möglichst lange Durchtanzen im Vordergrund, sondern das gezielte Einikrochen, wie es auch im Breakdance üblich ist.
 
 
 
Hoch das Bein! BassKrocha und - hier zu sehen - Polonium von krocha.at legen ein paar moves vor.
 
 
Krocha meets Jumpstylerz: Der einfacher zu lernende Jumpstyle entspringt nicht direkt der Krochaszene, trotzdem fühlt man sich als eine gemeinsame Community.
 
 
Die Grundlagen des Jumpstyles sind schnell erlernt. Schwieriger wird's da schon mit der Choreografie. Jene Dance Crews, die heute nach Bruck gekommen sind, haben damit aber auch kein Problem.
 
 
Sagt ihr alle "Bam, oida?"
  Zugegeben, im Interview mit einigen Tänzern und Szene-Füchsen stellen wir auch ein paar Anfänger- und Klischee-Fragen. Befürchtungen, dass die Krocha-Szene aggressiv oder herablassend auf Nicht-Eingeweihte reagieren würde, sind jedoch schnell vergessen. Zugehörigkeitsmerkmale wie die oft ironisch gebrochene Proleten-Lingo à la "Bam, Oida" oder das Achten auf Markenkleidung wären zwar schon wichtig, erfahren wir. Was die oder der Einzelne dann aber daraus macht, bleibt der jeweiligen Person überlassen.

Zumindest an diesem Abend bestätigt sich diese offene Haltung auch in der Praxis. Ob geglätteter Voki oder gegeelter Iro, Flash-Cap oder Ed Hardy-Mütze, Hardstyle oder own style - Gehässigkeiten sind keine zu spüren, individueller Ausdruck innerhalb der ohnehin freiwillig dargebrachten Szene-Codes wird erwünscht und toleriert.

 Marken stehen bei Krochern im Vordergrund. Kann man zwei davon auf einen Schlag herzeigen, hat das natürlich seine Vorteile.
 
 
Die berühmt-berüchtigten Neon-Kappen (Flash Caps) sind, so erfahren wir, derzeit wieder am absteigenden Ast und werden mittlerweile hauptsächlich von Kindern getragen. Sollte sie ein ausgewiesener Krocha dennoch auf dem Kopf balancieren, wird er auch nicht blöd angemacht.
 
 
Hardstep, bei dem die Beine schnell in V-Form überkreuzt werden, ist der gängigste Krocha-Tanz und ziemlich schwer zu erlernen. Rutschiges Schuhwerk und ein glatter Boden sind gute Voraussetzungen, um dabei eine gute Figur zu machen.
 
 
And what about the ladies? - Die krochen natürlich auch rein, allerdings leider nicht so prominent wie die Herren der Schöpfung, wie diese sogar selbst zugeben.
 
 
Schau genau
  Regeln oder organisierte Tanz-Wettbewerbe gibt es kaum, üblicherweise tauscht man sich in Webforen oder via Internet-Videos aus. Trotzdem schwingt beim Krochen immer ein kompetitiver Aspekt mit. Der hat zwar meist den Flair eines Freundschaftsspiels, trotzdem sind Style und Pose natürlich auch dazu da, von anderen gesehen und beurteilt zu werden. Auch ein Grund, warum die Tanzfläche in der Disco Nova nie ganz gefüllt und zwischendurch auch immer wieder mal leer ist: Ausrasten bedeutet auch die Augen offen halten und schauen, was die anderen so drauf haben. Die Dance Crew von krocha.at etwa besteht darauf, dass nur sie gezielt neue, fähige Leute in ihre Gruppe einlädt.
 
 
 
Strenger Blick: Sehen und gesehen werden ist das A und O bei den Krochern.
 
 
Gut drauf: DJ Stee Wee Bee ist einer der ersten ausgewiesenen Krocha-DJs. In der Dance-Szene unterwegs ist der Mann schon viel länger, die Begeisterungsfähigkeit für neue Szene-Strömungen ist ihm offensichtlich geblieben.
 
 
Fixxgeil
  Das Set von Stee Wee Bee wird immer wieder von Zwischenansagen und Shoutouts, wie man sie aus dem Wiener Prater kennt, gespickt. Und obwohl eigentlich kein Battle Contest geplant war, entschließt man sich kurzerhand doch dazu. Bis zum Ende des Sets werden alle Krocherinnen und Krocha im Saal auf die Tanzfläche gebeten, damit sie zeigen, was sie drauf haben. Nicht nur Stil und Können wird diesmal bewertet, sondern auch Ausdauer und Kontinuität.

"Legt euch ins Zeug, Burschen, sonst werdet ihr an die Wand getanzt!" wird kurz vor der Juryentscheidung noch in den Saal geworfen, doch die schick gewandete junge Dame in gestreiftem Gilet, grünem T-Shirt, Röhrenjeans und Sneakers ist ohnehin nicht mehr zu bremsen. "Das Tanzen hab' ich mir durch Videos im Internet selbst beigebracht." sagt sie nachher durchgeschwitzt und mit rotem Kopf im Interview, und "ich würde schon gerne ein Krocha sein." - Das ist sie, mit Sicherheit.

Aufgeladen mit positiver Energie und der Verblüffung, wie erstaunlich locker und unproblematisch zumindest ein Teil der Krocha-Welt funktioniert, treten wir den Heimweg nach Wien an und konstatieren: Krochen is not a crime.
 
 
 
 
 
  Alle Fotos: Raimund Appel / CHiLLi.cc
Vielen Dank!
 
fm4 links
  www.krocha.at
   
 
 
Zum Nachhören
  Das Team von FM4 DaviDecks (jeden Samstag, 19-21 Uhr) hat in ihrer Rubrik "Musikerziehung" kürzlich ebenfalls einen Beitrag zum Thema Krocha abgeliefert. Die Musikerziehung gibt es auch als Podcast.
 

 
audio
 
title: FM4 Musikerziehung: Krocha
length: 3:19
MP3 (3.186MB) | WMA
   
 
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