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Wien | 21.5.2008 | 10:44 
Videospiel-Kultur, essenzielle Elektronik und famoses Allerlei.

Burstup, Gerlinde, Grenzfurthner

 
 
Hitler-Blog
  Es ist ein bizarres Sammelsurium. Man sieht kichernde Mangamädchen, die hinter einem verkehrten Hakenkreuz posieren, Hitler-Comics in unterschiedlicher Ausformung und Fotos von abstrusen Science Fiction Nazi-Filmen. Nachzuschlagen gibt es das, gemeinsam mit teilweise ausführlichen Essays, im sogenannten Hitler-Blog, das vor zwei Jahren von der deutschen Tageszeitung taz ins Leben gerufen wurde.

Das Hitler-Blog sammelt seit zwei Jahren Fundstücke, Kuriositäten und Skandale rund um Symbole des Dritten Reich. Einerseits sollen damit ein reflexives Bewusstsein und sinnvolle Zuordnungen angeregt werden, andererseits funktionieren die Kuriositäten auch als kurzweilige Unterhaltung. Ich habe mich mit dem deutschen Journalisten Daniel Erk (NEON, Zitty, Riesenmaschine, ua.), der das Hitler-Blog seit seiner Gründung Mitte 2006 betreut, über Wesen und Entstehung unterhalten.
 
 
 
  Wie sind Idee und Umsetzung vom Hitler-Blog entstanden?

"Die Idee war schon länger vor der Realisierung da. Es gab bereits eine Sammlung einiger Kuriositäten, die sonst nie einen Platz gefunden haben. Das Interesse daran hat zwei Quellen: Das Titanic-Abo meiner Jugend, also diese Art von humoristischem Umgang mit dem Dritten Reich und seinen Symbolen, und ein großes geschichtliches Interesse, das in meiner Familie vorhanden ist: Schrankwände voll mit Ausstellungskatalogen und Sebastian Haffner-Büchern. Das sichtbar und zugänglich zu machen war die Idee des Blogs."

Sind Hakenkreuz und Hitler mittlerweile zu einer Art Fetisch geworden?

"Es gibt ganz sicher einen Hakenkreuz- und Hitler-Fetisch, vor allem in Deutschland. Der Hintergrund dazu ist, dass die Symbole immer noch sehr stark sind - gerade auch deswegen, weil sie eben mittlerweile so stark abgelehnt werden. Insofern funktionieren sie sehr unmittelbar. Wenn man wirklich schockieren will, kann man sich mit diesem Fundus schnell unbeliebt machen. Das funktioniert, wenn man provozieren, aber auch, wenn man warnen will. Die Unterschiede sind dabei groß, denn es gibt keinen Mittelweg: Es gibt keine gemäßigte Stimme im Umgang mit dem Dritten Reich. Entweder, es handelt sich um verblendete Rechtsradikale oder es sind alles Warner, aber es gibt niemanden, der sagt: Naja. Aus diesem Spannungsfeld heraus entsteht viele freiwillige und teilweise auch unfreiwillige Komik."

 
 
  Wie schwierig ist es, die Balance zwischen dem Warnen, also politischer Arbeit, die das Hitler-Blog in gewisser Weise ist, und Humor, Unterhaltung?

"Es ist manchmal nicht einfach herauszufinden, was eigentlich die Intention etwa einer Collage oder einer Zeichnung ist und wie es gemeint ist. Dabei gibt es Dinge, die auf den ersten Blick sehr witzig sind und auf den zweiten Blick aber eher bitter. Und es gibt den umgekehrten Fall, dass man im ersten Moment denkt: Das geht deutlich zu weit, und dann aber merkt: Eigentlich ist es ganz schön schlau."

Hast du manchmal Skrupel, bestimmte Dinge zu posten?

"Eigentlich nicht. Ich bin mittlerweile sehr strikt, was Kommentare angeht, die aus dem rechtsradikalen Lager kommen. Da bin ich auch wirklich bereit, das sofort zu löschen oder Leute hart anzugehen. Andererseits, glaube ich, dass es nichts bringt, die Dinge vorzuenthalten. Sie sind letztlich da, und dann fände ich es wichtiger, sie zu kontextualisieren als sie zu zensieren."

Ich nehme an, das Hitler-Blog wird darüber hinaus oft auch missverstanden.

"Die Missverständnisse sind schon relativ groß, ja. Ich bin dankbar, dass ich das bei der taz machen kann, weil das Ganze dann als Rahmen schon recht eindeutig ist. Was ich stark merke, ist das Unverständnis der einzelnen Fundstücke. Dass der Unterschied zwischen - im besten Fall - Aufklärung und Propaganda den Lesern oft nicht klar ist. Was ich auch etwas beunruhigend finde, weil ich mir dann denke: Vielleicht leiste ich auf diese Weise unfreiwillig, weil die Leute die Texte nicht lesen und nur die Symbolik wahrnehmen, doch einer Art Pop-Faschismus Vorschub, den ich ja eigentlich entblößen mag."

 
 
  Seit rund zwei Wochen gibt es - gehosted von der "Zeit" - zusätzlich die Plattform Netz gegen Nazis. Diese Initiativen entstehen in erster Linie durch den Erfolg der NPD. Glaubst du, ist es tatsächlich möglich, damit gesellschaftspolitische Tendenzen verändern zu können?

"Ich bin mir nicht sicher. Ehrlich gesagt finde ich bei der Zeit-Kampagne den Begriff des "Nazis" schwierig, weil es ungenau ist. Meint man damit Rechtsradikale, Rechtsextreme, Fremdenfeindliche, Antisemiten, Neo-Nazis, Alt-Nazis? Ich glaube, dass es ein Problem ist, dass die alle in einen Topf geworfen und gleich behandelt werden. Der erste Schritt, das Problem in den Griff zu bekommen, wäre, es zu verstehen, und den Eindruck habe ich oft nicht. Was die NPD betrifft: Die NPD macht - und das ist leider in Deutschland ein gesamtpolitisches Problem - in manchen Bereichen einfach gute Arbeit. Sie springt in jene Lücken, die die anderen aufmachen. Den Ansatz, zu sagen: Wir wollen eine liberale, weltoffene und tolerante Gesellschaft stärken und auch aktiv repräsentieren, finde ich richtig und gut. Eben diese Lücken zumachen und nicht der NPD überlassen."

 
 
  Wie lange willst du das Hitler-Blog noch weiterführen und haben sich in den zwei Jahren, in denen du das mittlerweile machst, Wertigkeiten oder Interessensgebiete verschoben?

"Ich denke mit einer gewissen Regelmäßigkeit darüber nach, es einzustellen, weil ich das Gefühl habe, dass fast alles dazu gesagt ist. Es gibt zwar neue Fundstücke, zu denen man dann auch drei, vier Sätze schreiben kann, aber die großen Einsichten sind erst mal gemacht. Da ich mich aber kaum drum kümmere, die Fundstücke zu finden und mir fast alles zugeschickt wird, gibt es bisher keinen Grund zu sagen: Ich lass es sein. Manchmal glaube ich, den Spaß daran zu verlieren, dann kommen aber wieder eine Woche lang extrem interessante Sachen rein, wo man merkt: Es gibt Leute, die sich auf eine schlaue Weise damit auseinandersetzen und es gibt wahnsinnig abstruse Dinge - und dann läuft es wieder eine Zeit lang viel besser."
 
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  www.hitlerblog.de
   
 
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