Der Samstag ist schon länger kein typischer Weggeh-Tag mehr. Er wurde spätestens seit der Boboisierung urbaner Räume vom Freitag oder gar dem Donnerstag ersetzt. Kommen zusätzliche Verstärker hinzu - etwa, wenn sich der Feierlaune zuträgliche Menschen bereits einige Nächte davor ausgiebig dem Partytaumel hingegeben haben - hat der Samstag einen noch viel schwierigeren Stand.
Auch rund ums mobile FM4-Studio sind die Kraftreserven am späten Samstag Nachmittag fast aufgebraucht und nicht nur FM4-RedakteurInnen fassen den Plan, es am letzten springeight-Abend etwas gemütlicher zugehen zu lassen. Bevor die Technik langsam daran denkt, das aufgefaltete Mischpult samt Kopfhörer und Mikros wieder geschickt zusammen zu klappen und in den Bus zu verstauen, bekommt Natalie Brunner im Connected Studio aber noch Live-Besuch. Von Mocky, der die letzte springeight-Nacht eröffnet.
Mocky
Ob Mocky die Abende davor auch seine Energiereserven beinahe aufgebraucht hat, war im Interview nicht herauszufinden. Was seinen Auftritt betrifft, würde jedenfalls einiges dafür sprechen, denn der war über weite Strecken hinweg halbherzig und lustlos. Als gutaussehender und charmanter Entertainer, der aber doch nicht ganz so talentiert ist wie die bekannten KollegInnen aus seinem Freundeskreis (Feist, Gonzales, Jamie Lidell), wähnt Mocky zwar die Coolness immer auf seiner Seite, stellt aber in Wahrheit wenig Verbindung zwischen sich um den Publikum her. In einem Outfit "zwischen Wanderprediger und Stadtstreicher" (so Kollege Arthur Einöders konzise Analyse) tanzt und trommelt uns Mocky neben der Darbietung seiner Gesangeskünsten etwas. Zu hören gibt es Soul/Funk/Pop-Mischkulanzen in unterscniedlichen Tempi. Und zu sehen, am Schluss des kurzen Konzerts, einen Micky Maus-Hut auf des Entertainers Kopf - immerhin.
Sad, sad Micky Mocky
Gehe in die Knie!
Mäßig motiviert, aber doch neugierig spaziere ich gut eine Stunde später in meine neue Lieblingslocation in Graz: Der gut versteckten Alten Medienfabrik am Freiheitsplatz, bei der die Bassdrums auch in für Club-Verhältnisse durchschnittlicher Lautstärke das gesamte Gebäude schaurig-schön zum Erbeben bringen.
Diesmal am Programm: Elektro-Pop und sleazy Vocal-Disco aus New York. Doch vorher stehen da noch heimische EBM-Poser auf der Bühne, die einen auf Joy Division meets DAF machen. Der Sänger von Black Aid versucht sich tatsächlich in Outfit und Pose einer Mischung aus Ian Curtis und Gabi Delgado anzunähern. Zuerst glaube ich an einen gewagten rip-off, der Sänger zieht das Konzept aber so konsequent und energiegeladen durch, dass nach zehn Minuten alle Zweifel in den Wind geschossen sind. Mit forschem Schritt bewegt man sich von der Bühne aus auf Menschen im Publikum zu und singt sie aus nächster Nähe mit strenger Mimik an.
Black Aid
We are facing technical difficulties
Nach dem langen Konzert von Black Aid folgt gleich der nächste Österreicher-Live-Act, diesmal von Fiago, die vor einigen Jahren einen (mittlerweile leider nicht mehr auffindbaren) fantastischen Elektro-Pop-Track namens electrique im Soundpark abgeliefert hatten. Jetzt ist das Jungherren-Duo offenbar wieder da und will uns in erster Linie mit langsam groovend und stampfenden Rhythmen verzaubern, die mit selbst gesungenen Vocals gewürzt sind. Das funktioniert grundsätzlich gut, ist in seiner Konzeption aber noch zu unflexibel (manchmal hätte man doch ein klein wenig Gas geben können) und technisch fragil (auch, wenn die Probleme vielleicht wirklich nur an diesem Abend aufgetreten sind). Dafür verwendet Fiago das großartige TENORI-ON und eine Wiimote zwecks wilder Effektierung.
Fiago
Während des stimmkräftigen Auftrittes von G.Rizo, ist es für mich danach bald schon wieder Zeit weiterzuzuiehen und noch etwas von der Stimmung bei den anderen springeight-Orten einzufangen.
G.Rizo
Die Nacht austanzen mit Dub-Reggae
Nach wenigen Location-Wechsel bemerke ich: Ein klares, musikalisches Profil hat das springeight-Festival zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Das ist aber nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste: Nach dem vielen "Stars schauen" der letzten Tage ist nun eben geradliniges Partymachen und Abtanzen angesagt, bis die vielen Feieranten und -innen den genüsslichen Schlaf bis weit in den Sonntag antreten können. Drum'n'Bass und Minimal (Dom im Berg) sowie Dub(step), Ska und Reggae (ppc, Postgarage) stehen da am Programm und lassen uns alle hier am spring noch mal so richtig springen.
Lang, vielseitig und ausgiebig warst du wieder, springfestival - so, wie man es von dir gewohnt ist. Auch, wenn du manchmal durch aufdringliche Branding-Höllen, nicht ganz optimal programmierte Venues und die eine oder andere Star-DJ-Absage gehst - wir sind froh, dass du weiterhin für uns da bist.