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Wien | 23.7.2002 | 10:23 
Videospiel-Kultur, essenzielle Elektronik und famoses Allerlei.

Burstup, Gerlinde, Grenzfurthner

 
 
Kurzbesuch in Sowjet-Unterzögersdorf
  Die ebenso vielseitige wie aktionistische Künstlertruppe monochrom hat vergangenes Wochenende erneut zu einem Ausflug in die letzte existierende Teilrepublik der UdSSR geladen: Nach Sowjet-Unterzögersdorf, zum 55. Parteitag des KPdKSUZöD. Die verheißungsvollen Bilder der Vorjahresveranstaltung sowie der Hinweis, dass auch heuer wieder ein "definitiv progressives Programm" geboten werden würde, sorgte für entsprechende Vorfreude bei den angemeldeten Teilnehmern. Schlafsack, Badehose und Reisepass (Unterzögersdorf ist Schengenaußengrenze!) wurden gepackt und nichts konnte mehr schiefgehen.
 
 
 
Willkommen Genossen!
 
 
Freundschaft.
  Ein aufgeregter Herr in adretter braun-grüner Uniform begrüßt uns am Bahnhof Wien Mitte mit verärgerten Worten. Es war schließlich ausgemacht gewesen, dass wir uns in der Schalterhalle treffen würden und nicht am Bahnhofseingang! Da aber ein Genosse eine große rote Stofffahne mitgebracht hat und diese auch gleich stolz schwingend präsentiert, ist Kommissar Nikita Chrusov schnell wieder versöhnt.

Die Zugfahrt nach Stockerau erfolgt problemlos. Der Kommissar, welcher übrigens Johannes Grenzfurthner von monochrom ein wenig ähnlich sieht, unterhält sich ein bisschen mit seinen neuen Schäfchen und brüllt zu Beginn der Fahrt überzeugt und inbrünstig "Fortschritt" aus dem Waggon.

Am Bahnhof Stockerau begrüßt uns Evelyn Fürlinger und bringt uns an die Grenze, wo uns erstmal die langwierige Einreiseprozedur bevorsteht. Es werden neben dem "Standard-Einreiseformular ("politische Gesinnung der Eltern", "psychologische Stabilität") auch Applikationen für "HeldIn der Arbeit" und "Planwirtschaftsgrill" verteilt. Auch für das Ausfassen eines Plastikgetränkebechers ist das Ausfüllen eines Formulares notwendig. Anschließend bekommt man einen Becher. Verliert man diesen, hat man Pech gehabt - wo kommen wir denn da hin!
 
 
 
Schwierige und zeitintensive Einreiseprozenduren an der Schengen-Aussengrenze Sowjet-Unterzögerdorf.
 
 
Mehrheit.
  Endlich kommen wir in der Enklave an. Kurz das Gepäck abgeladen und gleich geht's auch schon fröhlich singend ("Die Internationale") zum "Militärstützpunkt" (örtliche Kiesverarbeitung), wo der Parteisekretär eine schwungvolle Rede hält: Die Bürokratie ist abgebaut worden, aber mit der Bildung und dem Platz hapert's nach wie vor.
 
 
 
"Wir haben es geschafft! Wir leben noch!"
 
 
  Zurück in der Enklave (großflächiger Hof von Grenzfurthner's Opa - enteignet?) geht es nun an die erste gemeinsame Übung. Es soll ein Monument gebaut werden. Rund um eine sich drehende Rasensprenganlange werden sogleich Utensilien wie zB eine verrostete Sichel, Tannenzapfen und Besen platziert. Schließlich wird noch eine Lenin-Statuette auf das Gestell gebunden. Der kleine Plastik-Genosse dreht sich jovial im Kreis und verspritzt kaltes klares Wasser.
 
 
 
Die Hacke als Symbol der Arbeit, der Pflock als Symbol des Pflockes.
 
 
  Als zweite Aufgabe gilt es, Perversionen aus Printmedien des Westens zu finden und diese auf zwei große Kartons zu kollagieren. Nichts leichter als das: Kaum sind die diversen Boulevard-Blätter verteilt, beginnen die eifrigen Genossen auch schon Headlines und Bilder auszuschneiden und aufzukleben. Bei dem Großteil des Inhaltes bedürfte es allerdings gar nicht einer gespielten Sowjet-Enklave, um sie pervers zu finden.
 
 
 
Fortschritt.
  Zwischendurch präsentieren die Genossen Chrusov und Parteisekretär Gomulka den optisch imposanten "Hyper-Hegel" ("chaipa-chägäl"). Hierbei handelt es sich um eine moderne Computermaschine, die mit Hitze betrieben wird und selbstverständlich in sattem Rot erstrahlt. Der spielbare Präsentationsmodus ist ein selbstprogrammiertes Tetris.
 
 
 
Fortschritt durch moderne Technologie
 
 
  Plötzlich der Eklat. Eine Truppe verdächtig fröhlicher Menschen betritt die Szene. Einer von ihnen, offenbar der Anführer, trägt Käppi und Schnauzbart und schwingt munter grinsend eine amerikanische Fahne. Skandal! Allerdings bringen diese listigen Vertreter des Westens eine riesige, bereits zubereitete Sau sowie Sauerkraut und Brot mit sich, sodass man ihnen vorerst nichts anhaben kann. Der hinterlistige Kapitalismus lockt ja bekanntlich immer zuerst mit vermeintlichen Geschenken, um einen dann später eiskalt zu erwischen (Stichwort: Abo-Geschenke).
 
 
 
Ich will Planwirtschaft!
  Nach dem Essen folgt die Showeinlage. Kommissar, Parteisekretär und monochrom-Gesandte Fürlinger singen auf einem zu einer Bühne umfunktionierten Traktor-Anhänger umgetextete Coverversionen zu trashigen Karaoke-Instrumental-Nummern bekannter Songs. Das Publikum tobt zurecht.
 

 
audio
 
title: Ich will Planwirtschaft
artist: Monochrom
length: 3:15
MP3 (2.347MB) | WMA
   
 
 
  Schließlich ist es dunkel und die Zeit gekommen, den lustigen Amis endlich eins auszuwischen. Die Sowjet-Truppe marschiert im Kollektiv zum "Tumulus", einem altes Kelten-Grab in Form eines kleinen Hügels mitten im freien Acker. Dieser markiert die Grenze zwischen Sowjet-Unter- und US-Oberzögersdorf. Der Grenzpfosten soll dort verschoben werden; Unterzögersdorf leidet mit seinen 2,5 km² ohnehin an massiven Platzproblemen. Jedoch erwarten die frech grinsenden Oberzögersdorfer die sich mit Taschenlampe anschleichenden Kommunisten schon, da sie bereits demonstrativ an der Spitze des Tumulus ihr Lager aufgeschlagen haben. Nach einer kurzen Eskalation kommt schließlich der Grenzpfosten gänzlich abhanden und die Landeserweiterungsaktion muß abgesagt werden. Politische Konsequenzen: Mindestens fünf Jahre Eiszeit mit den amerikanischen Nachbarn.
 
 
 
Der Kaptitalismus wurde bezwungen - zumindestens ein Wochenende lang in Unterzögersdorf.
 
 
Alles gehört dem Volke.
  Bevor die Genossen in ihre Schlafsäcke kriechen, wird noch eine "nautische Übung" veranstaltet. Mit Taschenlampen bewaffnet schlägt sich eine Truppe wagemutiger Menschen zu dem nahegelegenen Teich vor, um ein nächtliches Bad zu nehmen.

Am nächsten Tag haben sich schon die meisten an die Gepflogenheiten der Sowjet-Enklave gewöhnt. Vodka und Birnenschnaps am frühen Morgen halten fit.
 
 
 
Für den Kommissar ist Hochprozentiges am frühen Morgen nicht unüblich.
 
 
  Vor der feierlichen Zündung der selbstgebastelten Rakete, wird erneut eine nautische Übung veranstaltet, diesmal allerdings bei Tageslicht. Ein weiterer Eklat entsteht. Einige suspekte Personen älteren Jahrgangs behaupten plötzlich, dass sie den Teich für sich alleine gepachtet hätten und versuchen uns mit grantigen Sprüchen davonzutreiben. Der Kommissar läßt sich allerdings nicht unterkriegen und betritt ruhigen Schrittes nackt das kühle Nass: "Das ist mir eine Genugtuung, in einen fremden Teich meinen Pimmel hängen zu lassen!"

Die Zündung der Rakete stellt eine imposante Präsentation der Rüstungsmacht von Sowjet-Unterzögersdorf dar. Ganze drei Mal wird die überdimensionale Waffe in die Luft geschossen, begleitet von euphorischen Gesängen der Genossen und Hymnen aus dem mitgebrachten CD-Spieler. Sogar ein russischer Astronaut wohnt der Flugshow bei. Der Kommissar ist ausser sich vor Freude.
 
 
 
Ein epochaler Moment sowjetischer Raketenforschung.
 
 
Die Schutzbrillen sind angelegt...
 
 
Ein großer Moment. 55 Jahre sowjetische Raketenforschung haben sich bezahlt gemacht.
 
 
  Bald neigt sich auch der zweite Tag in der Enklave dem Abend zu und schließlich werden die letzten verbliebenden Gäste verabschiedet. Johannes Grenzfurthner legt den Russen ab und heckt sogleich neue Ideen für den 56. Parteitag des KPdKSUZöD aus.
 
 
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