"Am Puls der Zeit."
"Wissen, wie der Hase läuft."
"Heute schon für morgen sorgen."
Tja, die Zukunft ist ein begehrtes Zeitalter. Wer keine Ahnung von morgen hat, ist eigentlich schon von gestern. Und neben Horoskopen, Handlesen und Kaffeesud-Deuten haben sich die Trendforscher als gut funktionierender Grashalm etabliert, an den man sich in Phasen der Unsicherheit klammern kann.
Dass die menschgewordenen Kristallkugeln nicht immer nur Schönes voraussagen, wurde in letzter Zeit oft bestätigt:
Wir werden aufgrund von Karrieregeilheit und Gebärstreik aussterben. (Frank Schirrmacher)
Die, die überleben, werden immer älter und immer ärmer. (Statistik Austria)
Und die Jugend wird sowieso immer respektloser. (u.a. Tony Wegas)
... um nur ein paar der furchteinflößenden Visionen zu nennen.
Zwei Personen, die auf den erhobenen Zeigefinger verzichten bzw. statt dessen lieber grinsend in der Nase bohren, sind Holm Friebe und Kathrin Passig. Ihre "Zentrale Intelligenz Agentur" (ZIA) in Berlin bezeichnen sie als "virtuelle Firma und kapitalistisch-sozialistisches Gruppenexperiment". Neben dem Weblog riesenmaschine.de wirft die ZIA unter anderem die Kolumne "Das nächste große Ding" ab, die monatlich in der Berliner Zeitung erscheint. Jetzt sind 20 ausgewählte Kolumnen als Buch erschienen.
LOHAS, Hubs und Microsalate
"Mit dem Rucola ist es ein bisschen wie mit Joschka Fischer. Eigentlich hätte er schon längst abdanken wollen. Aber immer, wenn er sich umschaute, musste er feststellen: 'Da kommt nicht viel nach.' Also machte er selber weiter, als Konsensprodukt der neuen Mitte."
Das nächste große Ding kann alles sein. Der eben zitierte Salat genauso wie Monopole im Internet, Fake-Labels oder Wunderbäume. Es geht um die "Dynamik und Mechanik des waren- und dienstleistungsförmigen Fortschritts", und Friebe & Passig geben sich in den kurzen Häppchen Text analytisch wie auch zynisch. Sie werfen einen Namen, eine Webadresse nach der anderen hin, um sofort wieder auf ein anderes Thema umzuschwenken. Wer sich aufmerksam durch die Schachtelsätze liest, wird am Ende mit feinem Wortwitz belohnt.
"Die Welthandelsorganisation WTO tut sich nach wie vor schwer, die westlichen Vorstellungen von geistigem Eigentum in einem riesigen Land zu etablieren, wo sich ganze Dörfer auf die Reproduktion von Van Goghs kapriziert haben und bereits mehrere nicht autorisierte Harry-Potter-Fortsetzungen vorliegen. Immerhin hat sie erreicht, dass gefälschte Rolex- und Tag-Heuer-Uhren im gesamten asiatischen Raum nur mehr unter dem Ladentisch gehandelt werden statt wie bisher öffentlich."
The only way is UP!
"Das nächste große Ding" schaut uns auf die Finger und vor allem auch darauf, was wir mit ihnen tippen, anfassen und kaufen. Es erzählt, was war, und gibt mal so vage eine Einschätzung ab, was denn eventuell kommen könnte. Und wenn die Zukunft mit so trockenem Humor daherkommt, wie sie Friebe & Passig beschreiben, dann brauchen wir keine Angst vor ihr zu haben.
"Das nächste große Ding" ist beim Verbrecher Verlag erschienen, 90 Seiten, mit Illustrationen von Martin Baaske.