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Wien | 15.10.2006 | 09:14 
Zwischenzeiliges, Zwischenzeitliches, Zwischenmenschliches

Hedi, Zita, HansWu

 
 
Gisela Elsner - "Das Berührungsverbot"
 
Und gerade wollte ich ansetzen mit dem Wort "fesselnd" - was für ein fesselndes Buch - und da wird mir erst bewusst, welche Gewalt in diesem doch so positiv besetzten Adjektiv liegt. Und ich weiß, dass ich gerade deshalb mit gerade diesem Wort beginnen muss: Fesselnd. Denn Gisela Elsners Roman, erstmals 1970 erschienen, ist genau so: gewalttätig, demütigend, die menschlichen Schwächen sezierend, dass es schmerzt, und in der Wortwahl und dem Sprachrhythmus so fordernd, dass sich dieses Buch jedes Nebenbei verbietet - es erfordert volle Aufmerksamkeit, zwingt zum ständigen Reflektieren, bündelt das Interesse. Zu behaupten, dieses Buch hätte mich berührt, wäre untertrieben. Dieses Buch hat mich gefesselt.
 
 
  Die Geschichte handelt von fünf Pärchen - die Männer allesamt seit Jahren befreundet, die Frauen notgedrungenerweise dadurch auch. Frustriert von der Spießigkeit ihres bürgerlichen Lebens, wagen sie ein Experiment: Gruppensex. Mit verbundenen Augen, im Dunkeln, immer in wechselnden Wohnungen.

Gisela Elsner, die selbst aus einer gutbürgerlichen deutschen Familie stammt, attackiert in all ihren Werken die Bürgerlichkeit aufs Schärfste. Auch im "Berührungsverbot" nimmt sie sie ins Visier - und konfrontiert sie zusätzlich mit den Träumen und Idealen der 68er Generation. Freie Liebe, das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Zwängen, das Umkrempeln von Konventionen - all diese Versprechungen werden entlarvt, werden umgedreht und ins Groteske pervertiert. In kreisenden Bewegungen beschreibt sie eine Person nach der anderen, eine Familie nach der anderen; sie entlarvt Machtstrukturen und Grenzüberschreitungen, präsentiert Heuchelei und Boshaftigkeit am Silbertablett. Die schönen Seiten des Lebens wird man in Elsners Buch vergeblich suchen. Sie hat sich spezialisiert auf den Horror des Zwischenmenschlichen, gespickt mit Zynismus und frei von jeglicher Sentimentalität.
 
 
 
  "Obwohl der Frau nichts anderes angetan wurde als dem Wandstück: mehrere Männer tatschten sie hastig und mitunter klatschend ab von oben bis unten, ehe sie sie beim nächsten, von einem anderswo stattfindenden Zusammenstoß zeugenden Aufschrei stehenließen, ehe sie sich umhörten, ehe sie sich damit befassten, abzutasten, was ansonsten zur Hand war, zur Verfügung stand - zu diesem Zeitpunkt, als die meisten noch auf ihr Fingerspitzengefühl bauten, nahm keiner mit der Erstbesten vorlieb -, obwohl also der Frau genaugenommen nichts angetan wurde, roch Keitel, heiß vor Scham ob solch tierischer Methoden, weil der Körper seinen Fingern wenig Anhaltspunkte bot, sich dicht, mit geblähten Nasenflügeln, der Gestalt nähernd, den von der Angst offenbar herrührenden Schweiß selbst auf dem Hals."

 
 
Anti-Porno
  Bevor es zum Bruch der Konventionen kommt, werden die Bande, die gesprengt werden wollen, genauestens beschrieben. Der Sohn beispielsweise, der in die Fußstapfen seines Vaters treten muss. Die Tochter, die mal etwas Besseres werden soll und deshalb den elterlichen Betrieb nicht betreten darf. Der Schwiegervater, der seine Tage damit verbringt, den Schwiegersohn zu demütigen. Oder die Mutter, die den Körper ihrer Tochter täglich ausstaffiert, um ihren Marktwert zu erhöhen. All diese Figuren zeigt Elsner in ihrer Verletzlichkeit, ihrer Grausamkeit und ihrer Schwäche, bevor sie die fünf Paare in ihrem, wie die Zeitschrift Emma es bezeichnet hat, "Anti-Porno" aufeinandertreffen lässt.
 
 
 
  "Sie litten neuerdings alle unter den Vorhaltungen ihrer Frauen, die sich einem Alter näherten, da sie, wenn sie eine Rolle spielen wollten, auf etwas Verlässlicheres als ihren Körper angewiesen waren."
 
 
 
 
 
  Gisela Elsner, bis dahin eine gefeierte Autorin, geht für damalige Verhältnisse mit dem "Berührungsverbot" einen Schritt zu weit. In der Schweiz wird die Zeitschrift "Konkret", die Auszüge daraus veröffentlicht, konfisziert, und in Österreich wird der Roman als jugendgefährdende Schrift verurteilt. In Deutschland fällt sie mit dieser Grenzüberschreitung aus dem Literaturbetrieb. Und auch, wenn in den Jahren danach noch einige Romane und Preise folgen, "kann man sagen, dass das Berührungsverbot Gisela Elsners Niedergang eingeläutet hat", wie Jörg Sundermeier vom Verbrecherverlag es ausdrückt.

Fassungslos und verzweifelt über den Zusammenbruch der DDR und das Scheitern des Sozialismus, schwer tabletten- und nikotinabhängig und beruflich erfolglos, nimmt sich die 55-jährige Gisela Elsner 1992 durch den Sturz aus dem Fenster einer Rehab-Klinik das Leben.
 
 
 
Herzenssachen
  "Elsner ist eine Herzenssache von uns", sagt Jörg Sundermeier. Zu ihrem 10. Todestag 2002 erschien deshalb beim Verbrecherverlag eine Neuauflage ihres Romans "Die Zähmung", dieser Tage ist "Das Berührungsverbot" neu erschienen. Verhandlungen mit Gisela Elsners Sohn, dem Journalisten und Regisseur Oskar Röhler (der in seinem Film "Die Unberührbare" aus dem Jahr 2000 die letzten Tage seiner Mutter auf filmisch wunderschöne und einfühlsame Weise verarbeitet hat - Hannelore Elsner at her best!), über die Verwertungsrechte ihrer anderen Romane sind am Laufen.

"Viele Österreicherinnen, wie z.B. die Jelinek, haben das Publikum begreifen lassen, dass es diese bösartigen, zynischen Romane von Frauen gibt. Die Elsner war damals fürs deutsche Publikum einfach zu früh. Ganz abgesehen davon, dass sie den Finger auch in jede Wunde gelegt hat. Das haben ihr die Deutschen nicht verziehen."
(Jörg Sundermeier)

 Hannelore Elsner in "Die Unberührbare"
 
 
  Gisela Elsner - "Das Berührungsverbot"
Neuauflage

Verbrecher Verlag
Berlin, 2006
 
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