Angefangen hat alles in Salzburg, am Festivalgelände vom FM4 Frequency Festival 2002, in der prallen Mittagshitze vor einem Campingbus im Backstagebereich. Lange, bevor mich Kollege Arthur Einöder täglich mit seinen neonfarbenen Jacken und Pullovern überrascht, saß da plötzlich eine zierliche blonde Berlinerin, gekleidet in der schrillsten Neon-Aerobic-Kombi, die zu dieser Zeit vorstellbar war und die sogar Jane Fonda trotz Dreischicht-MakeUp erblassen hätte lassen.
Meeting Mieze.
Eingebrannt in die Netzhaut für immer.
Mit "Mia san MIA." eröffneten sie - der Umgebung angepasst - ihr Konzert, und das war dann auch schon alles, was an dieser Band angepasst war.
Die nächsten Bilder im Klick-Kino meiner Erinnerungen sind Mieze im knallgelben Overall, wie sie im FM4 Studio am Tisch (!) sitzt und sich die Nägel lackiert. Und ein paar Stunden später - wir warten in der Kälte vorm Flex, irgendwie geht nix weiter - kraxelt sie in ihrem Fetzen-Kleid und den Stöckelschuhen einfach aufs Dach ihres Tourbusses und entschuldigt sich lautstark dafür, dass es noch technische Probleme gibt und wir noch ein bisschen Geduld haben sollen. Niemals waren Knieschoner bei einem Bühnenauftritt so gerechtfertigt wie bei MIA.
Mieze, 2002
MIA. ist nicht Sting.
Wenn ich also am Tag des MIA.-Überraschungskonzerts (wieder in Salzburg - der Kreis schließt sich vorläufig) so in meinen Erinnerungen krame, muss ich bemerken, dass ich genau den selben Fehler mache wie anfangs alle anderen. Denn anfangs schien es so, als gäbe es keinen Unterschied zwischen der Frontfrau Mieze und der Band MIA.
Mieze ist MIA.
Was zur Folge hatte, dass sie den Großteil der Kritik abbekam: "Zu schrill", "zu abgehoben", "Ihr klaut doch von IDEAL!"
Viel Schatten - was gleichzeitig bedeutet: irgendwo muss da was gewaltig strahlen. Und so war es auch: MIA. waren der Vorschlaghammer, die Abrissbirne - um in der Bildsprache der Achtziger zu bleiben. Haben nicht angeklopft, sondern mit ihrem ersten Album "Hieb und stichFEST" einfach die Tür eingerannt, um dann ganz charmant auf den Brettern rumzuhüpfen und zu brüllen: Ich tanz drauf!
Mieze, 2007
"Zwischen dir und mir gehts hin und her,
dich zu hassen fällt mir gar nicht schwer." (Alles neu)
Inzwischen sind vier Jahre vergangen. Zwei weitere Alben erschienen. Und mit jedem Album haben sich MIA. neu erfunden. Weiterentwickelt. Jedes Mal einen neuen Grund zu breiter Kritik geliefert. Am zermürbendsten vermutlich die Nationalismus-Debatte zum Song "Was es ist" vom zweiten Album "Stille Post". Durch ihre Beschäftigung mit den deutschen Nationalfarben wurden sie öffentlich ins rechte Eck gerückt. (Und zwei Jahre später geht Deutschland bei der Fußball WM in einem Meer von Schwarz/Gelb/Rot-Fahnen unter.)
Es ging nie um eine Sängerin, die ihr Ding macht und die jeweils passenden Leute um sich schart, sondern um die Arbeit eines Kollektivs. MIA. ist mehr als eine fünfköpfige Band. Denn genauso wichtig wie die Musiker ist das Label, Management und gleichzeitig Künstlerkollektiv R.O.T.
Alles, was MIA. ausmacht, entspringt der Gruppe. Ausgefeilt. Abgestimmt. Durchkonzipiert vom Haarschnitt bis zum Soundeffekt auf der Website.
Klickt man dieser Tage auf DATES oder INFO, dann ertönt ein Xylophon. MIA. sind im Zirkus gelandet.
"Wir haben ein ganz komisches Talent, warten auf den richtigen Moment." (Oderdochodernicht)
Das Überraschungskonzert im Salzburger Rockhouse ist gleichzeitig der Auftakt zum zweiten Teil ihrer "Zirkus-Tour". Drei Konzerte stehen in Österreich an - alle drei bereits restlos ausverkauft. Und was uns an diesem Donnerstag Abend erwartet, überrascht und überwältigt die gesamte FM4 Crew: Das Rockhouse platzt aus allen Nähten. 350 Leute passen rein, mehr als 300 müssen wir leider wieder wegschicken. Sowas hat das Überraschungskonzert noch nie gesehen.
Auf der Bühne dann geballte Energie. Manege frei für MIA. im neuen Gewand: Die Herren mit Melonen am Kopf und rot-schwarzem Frack, Mieze mit Flügeln, mit Federn im Haar, mit Fächer, in kurzen Hosen oder buntem Kleid.
"Wir sind eine Band, die in erster Linie die eigenen Erwartungen zu erfüllen hat - damit haben wir schon genug zu tun!" (Gunnar Spies / Schlagzeug)
Ein Butler wechselt die Gitarren und tupft den Schweiß von der Stirn. Über der rot-weiß gezackten Treppe dreht sich ein Schirm, und irgendwann wird eine Drehorgel auf die Bühne geschoben. MIA. bleiben mit ihrem aktuellen Album "Zirkus" nicht nur perfekt innerhalb des selbstgeschaffenen Konzepts, sie definieren damit auch ihren Stil neu: Weg vom Elektropunk, weg von der verbalen Wut, hin zu analogen Instrumenten, zu durchgehend deutschen Texten, zum tanzenden Herzen eben.
"Sprich mich an in dem Takt,
der dieses Lied zu unserem Hit macht.
Brich den Beat mit Gefühl,
du bist so schön weil du lachst.
Du mein Herz tanzt
und jedes Molekül bewegt sich." (Tanz der Moleküle)
"Was gäb ich für Küsse wie kalte Kirschen,
was gäb ich für Zeit wie Sand am Meer." (Engel)
Nicht nur das Konzert, auch das Publikum ist eine Überraschung extraordinaire: Schon beim langen Warten auf den Einlass durchgehend gut gelaunt, beweist es beim Konzert echte Fanqualitäten. Alle Texte werden mitgesungen, jede Aktion von Mieze ruft eine dreihundertfache Reaktion aus. Bei "Tanz der Moleküle" beginnt die Band sogar ein zweites Mal - beim ersten Mal hält Mieze nur strahlend das Mikrophon in die Menge. Jedes Lied wird mit begeistertem Applaus belohnt, und nach der ersten Zugabe ist noch lange nicht Schluss.
Könnten die Felsen des Salzburger Rockhouse lächeln: Heute Abend hätten sie es getan.