Das muss man sich mal vorstellen!
Das kann man sich nicht vorstellen.
Das muss man sehen. Und dann irgendwie verdauen.
Der 27-jährige österreichische Autor Clemens Berger hat es gesehen. "Das Thema kam zu mir", antwortet er auf die Frage, wie man zu so einem Thema kommt - über den Fernseher in Gestalt einer Eating Competition. Diese Vertilgungsmaschinen in Menschengestalt haben sich im Kopf festgesetzt, wurden zur Erzählung, schießlich zum Roman. "Die Wettesser" heißt er und erzählt von Dingen, die man sich schwer vorstellen kann.
Zu unserer Linken: Die Vielfraße.
Ein Jahr lang begleiten wir vier Konkurrenten, Meister des schnellen Essens: Zwei Japaner und zwei Amerikaner, die um den Titel des Hot Dog Champions kämpfen - um den Yellow Mustard Belt.
Kobayashi und Arai, Hardy und Krachie - alle vier Personen gibt's wirklich, und in Amerika und Japan sind sie Stars, die in Werbespots auftreten, Bücher rausbringen und in der Öffentlichkeit um Autogramme gebeten werden. Clemens Berger hat also gut recherchiert, hat die harten Fakten und die Rekorde als Raster genommen und sie mit einer Geschichte über Konkurrenz, Liebe und dem ewigen Kampf nach Anerkennung gefüllt.
"Genau dort, wo man's am wenigsten vermuten würde, ist die Geschichte am realsten", meint er im Interview. Zum Beispiel dann, wenn erzählt wird, dass der beste Wettesser der Welt, Takeru Kobayashi, eine Affäre mit Kate Moss hat. Dass Ed Krachie am Flughafen von Osaka mit "Hot Dog Man"-Schreichören empfangen wird. Oder dass Kobayashi im Fernsehen bei einem Wettessen gegen einen Bären antritt.
Takeru Kobayashi
Wettessen gibt es in Amerika und Japan in jeder erdenklichen Disziplin: Butter, Eier, Pizza. Doch die Königsdisziplin ist das Hot Dog Wettessen. Jedes Jahr am 4. Juli treffen sich die Menschenmassen vor Nathan's Fastfood Lokal in New York, Coney Island, um den Fress-Athleten aus aller Welt zuzujubeln. Rund 10 Millionen Menschen verfolgen dieses Ereignis vorm Fernseher. Und dort, zwischen kotzenden Anfängern, beleibten Champs und kreischenden Fans, trifft sich auch eine andere Gruppe von Menschen, der diese Veranstaltung ein schmerzender Dorn im Auge ist.
Zu unserer Rechten: Die Weltverbesserer.
Sandra, Jeremy, Sophie und Andrew sind Veganer aus Überzeugung. Sie sind radikal und aktivistisch. Fleisch zu essen ist für sie gleichbedeutend mit Mord - und so viel Fleisch wie nur möglich in sich reinzustopfen, nur der Show wegen, ist eine Provokation, der sie nicht tatenlos zusehen wollen.
"Kein Hund fraß, bis er sich erbrach. Kein Hund fraß, um mehr als der andere zu fressen. [...] Wie viele Tiere, vollgepumpt mit Hormonen und Antibiotika, in abscheulichster Massentierhaltung geschlachtet werden mussten, damit die größten Dummköpfe der Welt sie um die Wette verzehren konnten, war haarsträubend."
Flugblätter zu verteilen reicht irgendwann nicht mehr. Sie wollen Vergeltung für das sinnlose Morden. Bei der Weltmeisterschaft im Wettessen prallen diese beiden Welten aufeinander.
"Ich bin oft gefragt worden, warum ich über ein so unernstes Thema schreibe", erzählt Clemens Berger. "Ich glaub nicht, dass das die Frage ist, und ich glaub auch nicht, dass es ein Paralleluniversum ist, in dem ganz andere Werte herrschen. Die Werte oder Kategorien, die in unserer Gesellschaft wichtig sind, sind in dieser Wettess-Konstellation radikalisiert. Worums in erster Linie geht, ist diese unglaubliche Konkurrenz, die im Herzen des Kapitalismus wohnt. Bei den Wettessern sieht man nur, dass diese Konkurrenz sich sogar in so basale Lebensbereiche wie das Essen einschleicht. Manche sagen: 'Haha, das ist ja lustig, das ist ja pervers'. Aber so pervers ist das nicht."
Clemens Berger: Die Wettesser Skarabaeus Verlag, 2007