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Wien | 13.3.2004 | 12:14 
Das (monochrome) Ende der Nahrungskette

HansWu, Trishes, Pinguin

 
 
Lautlos im Weltall
 
"Alle Menschen sind gleich. Was für ein Leben ist das?" [Lowell]
Auf der Erde zur Zeit der Mission in "Lautlos im Weltall" ("Silent running", USA 1971, R: Douglas "2001" Trumbull; mit Bruce Dern) - obwohl dies nicht direkt gezeigt wird - muss eine (mutmaßlich postapokalyptische) Abwesenheit von "Natur" herrschen. Dies ist der Grund, warum drei US-Raumschiffe auf Höhe des Saturns kreisen und in Glaskuppeln konservierte Biotope ("der Wald") bei sich tragen, die solange gepflegt werden sollen, bis sich die Bedingungen auf der Erde dahingehend ändern, dass die "Natur", der "Wald" wieder ansässig gemacht werden können.

Boris Jordan hat sich das alles mal genauer besehen.
 
 
 
 
Lowell ...
  ... ist seit acht Jahren auf dem Schiff Valley Forge stationiert, seine drei Mitastronauten seit sechs Monaten, er ist mit der Pflege der Wälder betraut.

Die Gesellschaft, die dem zugrunde liegt, die Erde, kommt nur einmal in einem Dialog vor. Hier der folgende Dialog zwischen der Hauptfigur Lowell und seinen technokratisch - egoistisch - realistischen Mitastronauten:
 
 
 
  (Lowell isst eine selbst gezogene Melone, während seine Partner künstlich erzeugtes Essen zu sich nehmen)

Barker: "Ich sehe keinen Unterschied zwischen dem [Essen] und dem da ..."

Lowell: "Der Unterschied liegt darin, dass ich es gepflanzt habe. Ich habe sie selbst geerntet, und sie hat einen Geschmack und Farbe und einen Geruch. Sie erinnert an die Zeit, als noch Blumen auf der Erde wuchsen, als es Täler gab und Ebenen, auf denen hohes grünes Gras stand, in dem man liegen konnte, in dem man schlafen konnte. Als der Himmel blau war und es frische Luft gab. Als überall Pflanzen wuchsen, nicht in irgendwelchen Kuppeln, die man Millionen Kilometer ins Weltall geschossen hatte." [...]
Ein Hippie, möchte man meinen, doch ...
Lowell "... Überall auf der Erde haben wir dieselbe Temperatur von 24 Grad. Überall ist alles gleich, alle Menschen sind gleich. Was für ein Leben ist das?"

Keene: "Warum willst du dann zurück?"

Lowell: "Weil es nicht zu spät ist, das zu ändern."

Barker: "Was willst du eigentlich? Es gibt kaum noch Krankheiten, es gibt keine Armut, keine Arbeitslosigkeit."

Lowell: "Genau, jedes Mal sagst du genau das, immer dieselben drei Argumente, und dann 'keine Arbeitslosigkeit'. Aber außer diesen Dingen gibt es auch keine Schönheit mehr, keine Fantasie und keine Herausforderung [...] Und wisst ihr warum? Weil sich niemand darum schert."
 
 
 
 
 
Nicht eine kriegerische, nukleare oder ökologische ...
  ... Katastrophe können wir vermuten, sondern eine zivilisatorisch technokratische Weltgesellschaft dürfte die Zerstörung der Natur als Preis für eine optimierte Sozialstruktur gezahlt haben. Die Erde ist sozusagen dem Menschen vollständig "untertan", die Faktoren, die das Leben der Menschheit behindert haben [Kälte, Hunger, Krankheit] sind auf technokratischem Weg gelöst.

Hier wird die Gesellschaft auf der Erde auf eine Weise "dystopisch" dargestellt, die man durchaus auch im Sinne des kalten Krieges interpretieren kann.
Die Kommilitonen von Lowell sind Technokraten, parallel zu den russischen "Apparatschiks" des kalten Kriegs, die ja Synonyme für den Technokraten an sich geworden sind, die die "Vielfalt" (Natur) durch "Gleichmacherei" ersetzen, die Auslöschung von "Fantasie und Herausforderung" gleichgültig hinnehmen nur weil es dann kein (in ihrem Sinne soziales) Leid [Mangel, Hunger, Arbeitslosigkeit] mehr gibt. Die Biotope sind nur "ein paar Bäume", die Menschen haben "anderes zu tun" [Keene] - darf man annehmen, dass die (die anderen drei durchaus zufriedenstellenden) Aktivitäten dieser "naturraubbauenden" Weltgesellschaft im sozialen Bereich liegen?

Demgegenüber ist (der als Träumer ge- und bezeichnete) Lowell kein Hippie - wie immer im Zusammenhang mit diesem Film behauptet wird. Hippieeigenschaften wie Weichheit, Lässlichkeit, Eskapismus oder Selbstverwirklichung gehen ihm ab. Stattdessen: Naturnähe (obwohl seinen "Natur" ein Garten, eine Kulturlandschaft im besten Sinne ist), Pioniergeist, Aktionismus, Verachtung jeglicher Nivellierung.

Als ein begleitendes Raumschiff Lowell in einer Szene "aufgeben" muss, weil es ihm in seiner Navigationsnot nicht helfen kann, er sich also "opfern" soll, sagt dessen Kommandant:

"Lowell, You're a hell of an American" - darauf er lakonisch: "I think I am."

 
 
 
Lowell ist ein ...
  ... autoritärer, biblischer Charakter. In ihm vereinen sich Der Hl. Franziskus, Adam, Noah und Moses - in der Schlussrolle auch die dialektische Verschmelzung der Figuren Judas und Jesus, die, beide Opfer ihres Schicksals, ihre Konsequenz, bis zum Schluss etwas durchzuziehen, mit dem (in gewissem Sinn freiwillig aufgegebenen) Leben bezahlen, der eine stirbt mit der Schuld des Mörders, der Andere in Gewissheit, die Erlösung herbeigeführt zu haben - für Lowell gilt beides.
Er ist zornig, gewaltbereit und hochfahrend, keusch (er wird einmal als "celibate" verlacht) und persönlich bescheiden, besessen von einer Idee, deren Höherwertigkeit außerhalb der Diskussion mit anderen Menschen steht. Die Natur, die Schöpfung schätzt er höher ein als die soziale Interaktion, die Verwirklichung lässt ihn über Leichen gehen. Auch wenn die Morde an seinen drei Kollegen so unausweichlich und notwendig wie möglich dargestellt werden, ist man nicht im Zweifel, dass er sich zum Zeitpunkt der Tat im Recht fühlt, im Sinne einer "höheren" Idee.

Ganz Misanthrop bevorzugt er die Gesellschaft von stummen, Befehle ausführenden Robotern, die aussehen wie Schuhputzmaschinen, und die er nach Donald Ducks drei Neffen benennt [diese Kindlichkeit ist das einzig hippiehafte an der Figur], weil sie eine Art "Pflichtgefühl" besitzen und keinen Egoismus kennen, was dargestellt wird durch eine devot salutierende soldatische Greifarmstellung der Roboter am Ende jeder brav ausgeführten Arbeit.

Am Schluss überlässt er einem Roboter den Wald und greift somit selbst vor der Selbstaufgabe zur technokratischst-möglichen Lösung.
Und dazu johlt Joan Baez, wann immer man den "Wald" sieht, ob Lowell ihn nachdenklich durchschreitet oder der Roboter dort Bäume gießt.
 
 
 
 
 
Boris Jordan ...
  ... hält seinen Einführungsvortrag am Montag, den 15. März 2004 um 20:30 bei uns im monochrom-Raum im MQ (siehe Lageplan). Danach Screening des Films.
 
 
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