Thomas Vesely schrieb im Jahre 2000 auf 25frames.org folgendes über Sidney Lumets Satire "Network":
Der erfolglose Fernsehsender UBS wird allmählich von einem anderen Unternehmen, der CCA, übernommen. Ein neuer Ton wird angeschlagen, d. h. die Hemmschwellen von Ethik und Moral werden von den neuen Managern stark gesenkt. Es zählen nur noch die Einschaltquoten. Als erstes benachrichtigt man Howard Bale (Peter Finch), den langjährigen Nachrichtensprecher, dass er wegen seiner zu niedrigen Einschaltquoten entlassen werde. Verzweifelt kündigt Bale in seiner live übertragenen Sendung an, er werde morgen zum Schluss seiner Laufbahn live vor der Kamera Selbstmord begehen und sich "das Hirn rauspusten". Diese Ankündigung bewirkt zur Freude des Senders eine Erhöhung der Einschaltquoten. In seiner letzten Sendung widerruft Bale seine Selbstmordabsicht. Er erklärt, ihm sei "die Scheiße ausgegangen", die er so täglich über das Fernsehen verbreite. Jede Nachricht, die er während seiner Laufbahn über den Sender erzählt habe, sei entweder wirklich geschehen oder erfunden. Da Bales letzte Sendung noch höhere Einschaltquoten ergibt, entscheidet sich der Sender, Bale doch nicht zu feuern. In der nächsten Sendung schreit der zunehmend unberechenbare Bale seinen Frust über den die aktuelle politische Lage und die Depression über den Äther, und fordert die Zuschauer auf, dasselbe zu machen. Tatsächlich schreien die Leute in allen Städten dasselbe aus den Fenstern: "Ich bin verdammt wütend und ich mache das nicht länger mit!" (I'm mad as hell and I'm not going to take it anymore!). Die Folge ist ein rekordverdächtiger Anstieg seiner Einschaltquoten. Daraufhin bekommt Bale seine eigene Show, in der er täglich als "wütender Prophet des Äthers" über ein Thema wettern kann, welches ihm auf dem Herzen liegt.
In seiner ersten Show erklärt er den Zuschauern die Absurdität des Fernsehens und fordert sie auf, den Fernseher auszuschalten. Die Zuschauer sind begeistert und Bales Einschaltquoten steigen weiter. Schliesslich beginnt Bale gegen die Übernahme des Fernsehsenders zu protestieren. Er fordert die Zuschauer auf, Telegramme ans Weiße Haus zu senden, um das Geschäft platzen zu lassen. Als dieser Deal tatsächlich aufgrund Bales Aufforderung auf Eis gelegt wird, erkennt die Sendeleitung die Macht, welche von Bale ausgeht. Doch wie kann der Sender den rasenden und unkontrollierbaren Zuschauermagneten stoppen ohne die Zuschauerzahlen zu verlieren? Wie kann das Geschäft des Senders dennoch abgewickelt werden? Wie weit wird das Unternehmen gehen, um weiterhin hohe Einschaltquoten zu erhalten?
Springen wir ins Jahr 1974 ...
15. Juli 1974.
Chris Chubbuck, Moderatorin des Morgenmagazins "Suncoast Digest" des Senders WXLT-TV bestreitet ihre Moderation nach dem Relaunch des Sendeformats; statt direkt in Gespräche mit Gästen einzusteigen wurde ihr von der Sendeleitung die Moderation eines Nachrichtenblocks überwiegend sensationalistischer Natur "nahegelegt". Als
ein technischer Fehler die Zuspielung eines Filmes unterbricht schaltet die MAZ zurück zu Chubbuck. Diese lächelt und erklärt in die Kamera:
"In keeping with Channel 40's policy of bringing you the latest in blood and guts and in living colour, you are going to see another first - attempted suicide."
Bevor einer der anwesenden Techniker reagieren kann zückt die 30jährige Journalistin einen Revolver und schießt sich in die Schläfe. Im folgenden Tumult ist einer der Anwesenden geistesgegenwärtig genug die Übertragung
zu unterbrechen. Zu spät - die Sendung wird live ausgestrahlt.
Dies ist wirklich passiert. Es ist Fernseh-Zeitgeschichte.
Aber nun zurück zu Sidney Lumets "Network".
Manhattan, 1976.
Der abgeschasselte prime time-Moderator Howard Beale (Peter Finch) zieht vor seinem Redakteur (William Holden) verbal vom Leder:
"I'm going to kill myself ... I'm going to blow my brains out right on the air, right in the middle of the seven o'clock news. You'd get a hell of a rating, I'll guarantee you that. A fifty share easy...We could make a series out of it. Suicide of the Week. Oh hell, why limit ourselves? Execution of the Week."
Sein Redakteur zeigt sich wenig überrascht von der Idee. "I love it! Suicides, assassinations, mad bombers, Mafia hitmen, automobile smash-ups. The Death Hour! A great Sunday night show for the whole family. We'll wipe
fuckin' Disney right off the air!"
Network (Sidney Lumet, USA 1976) ...
... entstand zu einem Zeitpunkt, als der liberal-demokratische Enthusiasmus gegenüber den Medien als Agenten des bürgerlich Rechts auf Transparenz (in Folge der wichtigen Rolle, die sie in der Beendigung des Vietnam-Krieges und der Aufdeckung des Watergate-Skandals gespielt hatten) einem bedrückenden Pessimismus gewichen war. Die Paranoia der 70ies und ihre filmischen Symbolbilder eines klandestinen, totalitären (Medien-)Regimes "at home" (monolitische Wolkenkratzer, mysteriöse, kaum mehr greifbare und hochgradig vernetzte corporate structures) trifft in Lumets Film auf jenen bürgerlichen Sarkasmus, mit dem ein (bequem gewordenes) Medien-Establishment den Ausverkauf der
eigenen Ideale (der beruflichen wie der privaten) kommentiert: Lumets Medienmenschen (Howard, der Redakteur Max, die Sendeleiterin Diane) sind müde und zynisch geworden, empfinden Ohnmacht gegenüber der eigenen Bildproduktion, und sehen sich doch außer Stande, noch an die früheren Ideale anzuknüpfen. So bleibt bloß Sarkasmus, eine ostentativ vorgetragene
Erschöpfung ob der gewalttätigen wie banalen Natur der Bilder, die das Fernsehen von der Welt entwirft: Ölkrise, arabischer Terrorismus, radikale im eigenen Land, Bomben, domestic violence, etc. Howards verzweifelt-lächerlicher Akt wird so zum zwiespältigen "politschen" Akt; aber dass
diese Form "radikalen" Situationismus auch nicht mehr vermag, als den status quo zu perpetuieren, ist wohl wenigstens uns - den ZuschauerInnen - mit Ende des Films klar geworden.
Vortrag und Filmvorführung
Michael Loebenstein wird am Sonntag, den 23. Mai 2004 um 20:30 im monochrom-Raum im Museumsquartier (siehe Lageplan) eine Einführung geben. Danach wird gemeinsam der Film geglotzt.