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Wien | 26.4.2007 | 09:58 
Das (monochrome) Ende der Nahrungskette

HansWu, Trishes, Pinguin

 
 
Hurentaxi: Aus dem Leben der Callgirls
  Fünf Monate lang hat Martin Auer bei einer der größten Wiener Callgirl-Agenturen - deren Besitzerin inzwischen wegen mutmaßlichen Menschenhandels in Untersuchungshaft musste - als Fahrer gearbeitet und aufgeschrieben, was er dabei erlebt hat und was ihm die Mädchen während der Fahrt von einem Kunden zum anderen erzählt haben.
 
 
 
Martin Auer?
  Martin Auer wurde 1951 in Wien geboren. Er hat an der Universität das Studium von Germanistik und Geschichte geschwänzt und stattdessen Theater gespielt. Hat eine Band gegründet. Ist als Liedermacher aufgetreten. Hat die Weltrevolution vorbereitet (gratis). Als Texter für Werbung und Public Relations Übertriebenes, Unwahres und Einseitiges verbreitet (für Geld). Für Zeitungen gearbeitet. Sich zum Zauberkünstler ausgebildet. Hat über vierzig Bücher publiziert. 2005 wurde ihm für Verdienste um die Republik Österreich der Berufstitel Professor verliehen, was er ehrend, aber auch irgendwie lustig findet.
 
 
 
 
 
  Ich habe Martin ein paar Fragen gestellt...
 
 
 
Martin, du bist ein sehr vielseitiger Autor, nicht zuletzt auch von Kinderbücher. Dein jüngstes Projekt würde ich fast als literarischen Journalismus bezeichnen. Worum geht es?
  Ja genau, es ist ein Reportage-Roman mit dem Titel "Hurentaxi". Um dafür zu recherchieren, habe ich fünf Monate lang als Fahrer für die damals größte Wiener Callgirl-Agentur gearbeitet. Mein Job war es, die Mädchen zu den Kunden nach Hause oder ins Hotel zu bringen und sie danach wieder abzuholen, das Geld von ihnen zu kassieren und mit der Agentur abzurechnen. Was ich in dieser Zeit gesehen habe, was mir die Mädchen erzählt haben, daraus besteht das Buch. Du weist auf meine Kinder- und Jugendbücher hin: Nun, ich hatte sogar überlegt, dem Buch den provokanten Untertitel "Ein Jugendbuch" zu geben. Viele der Mädchen waren 18, 19 Jahre alt, einige waren auch erst 16.

 
 
Wie war dein Einstieg? Wie findet man (und "man" ganz gezielt, ich gehe mal nicht davon aus, dass es weibliche Fahrerinnen gibt) so einen Job? Hast du im Vorfeld schon viel recherchieren müssen?
  Hier ist ein Outing fällig. Ich habe das auch im Buch geschrieben: Ich bin ja einer von den ungefähr 75% aller Männer, die gelegentlich die Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch nehmen. Ich habe in meinem Leben schöne, weniger schöne, enttäuschende, beschämende und auch beglückende Erlebnisse mit Prostituierten gehabt. Eines Abends - ich war damals nicht in einer Beziehung - wollte ich ein Mädchen buchen. Dabei bin ich auf dieses Inserat auf der Homepage einer Agentur gestoßen: "Aushilfsfahrer gesucht - Gute Wienkenntnisse Voraussetzung". Ich habe gedacht: Das ist jetzt eine Gelegenheit, die andere Seite kennen zu lernen. Wie ist das Leben dieser Mädchen, denen ich da manchmal so intim und doch so flüchtig begegnet bin?
Als Kunde, Freier oder Gogl, wie es in Wien heißt, spürt man ja diese Grenze, die man nicht überschreiten kann, und wenn das "Service" noch so gut ist: Ich bin hier, ich bin nett zu dir, ich gebe dir eine schöne Stunde, aber wie's mir dabei geht, geht dich gar nichts an.Wenn ich selbst auf einer Bühne stehe und die Leute unterhalte, ziehe ich eine ähnliche Grenze: Ich bin da für euch, ich bringe euch zum Lachen, zum Nachdenken, zum Weinen, aber ich gebe euch so viel von mir, wie ich für richtig halte, und der Rest gehört mir.
Wer ins Theater geht, verspürt den Wunsch, hinter die Kulissen zu schauen. Wer ins Konzert geht, träumt davon, eine Backstage-Karte zu bekommen. Nach dem Film will man in der Illustrierten noch über den Star "ganz privat" lesen. Man will von den Menschen, die einem eh schon so viel gegeben haben, noch mehr bekommen.
Ich glaube, so ist es mir auch gegangen. Für mich war dieser Job die Backstage-Karte.
Die Ergebnisse der Recherche wollte ich eigentlich für einen Roman verwenden, an dem ich damals gearbeitet habe und noch immer arbeite.
Dass ein eigenes Buch daraus wird, hat sich erst später ergeben.
 
 
 
  Ich habe in dieser Nacht schlecht geschlafen. Ich habe ja nicht gewusst, auf was ich mich einlasse. Gleich am nächsten Vormittag habe ich angerufen, ich habe gewusst, wenn ich's nicht gleich mache, mache ich's überhaupt nicht. Ich bin gleich für den selben Tag zu Mittag ins Agentur-Büro bestellt worden, das zufälligerweise nur zwei Gassen von meiner Wohnung entfernt war. Dort bin ich nur gefragt worden, ob ich ein Auto und einen Führerschein habe und mich in Wien auskenne. Auf die Frage, was ich bisher gemacht habe, habe ich gesagt: "Ich mach ein bissel Webdesign, aber das geht momentan nicht so gut", und das war alles. Ich habe natürlich geglaubt, ich bewege mich jetzt in der Unterwelt. Tatsächlich habe ich während der fünf Monate, die ich da gearbeitet habe, nie eine Waffe gesehen, und der einzige Gewalttäter unter den Fahrern war ich selber: Ich habe einem Kunden, der nicht zahlen wollte, die Tür eingetreten. Das heißt, er hat dann eigentlich schon aufgemacht, bevor ich sie ganz eingetreten habe.
Übrigens: Eine Zeitlang hat auch eine Fahrerin bei uns gearbeitet.
 
 
 
War deine selbstgewählte Rolle eine eher beobachtend-zurückhaltende, oder hast du dich auch oft direkt eingemischt?
  Ich hatte vorgehabt, nur zu beobachten, aber das war nicht möglich. Ich konnte zum Beispiel nicht einfach nur zusehen, wenn Mädchen gemeint haben, sie müssten "Ohne" arbeiten, das heißt ohne Schutz, ohne Kondom, um mehr Jobs zu bekommen. Ich habe mit allen, die "Ohne" gearbeitet haben, über die gesundheitlichen Risken gesprochen, habe ihnen gesagt, wie viele AIDS-infizierte heterosexuelle Männer in Wien herumlaufen, habe ihnen vorgerechnet, wie hoch die Chance ist, einem von ihnen zu begegnen. Das Unwissen mancher Mädchen war erschreckend. Auch die Chefin der Agentur hat ziemlich seltsame Vorstellungen gehabt. Einen gröberen Streit hatte ich mit der Chefin, als sie ein Mädchen zwei Tage nach einer Abtreibung schon wieder arbeiten lassen wollte. Da hätte ich beinahe meine Deckung aufgegeben und ihr mit einem Zeitungsartikel gedroht, wenn sie nicht schon vorher nachgegeben hätte. Einmal konnte ich einem Mädchen helfen, wenigstens einen Teil ihres Geldes vor dem Zugriff ihres Zuhälters zu bewahren. Ein Mädchen konnte ich dabei unterstützen, ihrer Zuhälterin davonzulaufen. Ein Mädchen konnte ich vor der Abschiebung bewahren, indem ich ihr rechtzeitig einen Anwalt besorgt habe (dessen Honorar dann die Chefin bezahlt hat). Diesen letzten beiden Mädchen habe ich seither auch geholfen, ihre Schulbildung abzuschließen.
 
 
 
Das heißt es haben sich wirkliche Freundschaften entwickelt?
  Ja. Freundschaften, die mein Leben verändert haben. Wenn man so eng in das Schicksal von jemandem verwoben wird, kann man nicht unbeteiligt bleiben. Das sind Menschen, die aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Das Mädchen, das im Buch Adriana heißt, hat kürzlich geheiratet und erwartet ein Baby. Das ist, als ob ich ein Enkelkind dazu bekäme.
 
 
 
Gibt es Dinge, die du gezielt nicht in dein Buch einfließen hast lassen?
  Ich habe natürlich alle Namen von Personen und Orten verändert und auch sonst versucht, die Umstände etwas zu verschleiern, so dass Personen nach Möglichkeit nicht erkannt werden können. Aber ich habe nichts verharmlost und auch nichts aufgebauscht. Und ich habe auch Erlebnisse, bei denen ich selber nicht so toll aussehe, nicht weggelassen.
 
 
 
Du hast dich ja als Teil der 75% geoutet. Bist du immer noch Teil der 75%, oder hat sich das durch deine Erlebnisse nun verändert?
  Inzwischen bin ich wieder in einer Beziehung, also stellt sich die Frage für mich persönlich jetzt nicht. Aber wenn ich sagen würde: "Männer, geht nicht zu Huren, ihr macht euch mitschuldig am Elend dieser Frauen", dann wären meine Freundinnen, die noch immer im Gewerbe sind, nicht sehr erfreut. Wer etwas an diesen Verhältnissen ändern will, der muss zu seiner Gewerkschaft gehen und sagen: "Leute, euer Job ist es nicht, unsere Arbeitsplätze gegen Eindringlinge von außen zu verteidigen, sondern euer Job ist es, euch mit den Gewerkschaften in diesen Ländern zusammenzutun und dafür zu sorgen, dass dort vergleichbare Löhne und Gehälter gezahlt werden wie hier."; der muss zu den Politikern gehen und verlangen, dass sie sich für einheitliche soziale Mindeststandards in der EU einsetzen, und dass sie die wirtschaftliche Macht der EU einsetzen, um auch in anderen Ländern, mit denen wir Handel treiben, bessere soziale Zustände einzufordern.
Von den Agenturen, Barbetreibern, Laufhausbetreibern sollte man vor allem verlangen, dass sie die Frauen und Männer, die sie vermitteln. eingehend aufklären über gesundheitliche Risken und über ihre rechtliche Situation. In Wien zum Beispiel kann man sich auch ohne sich als Prostituierte/r anzumelden kostenlos und auch ohne rechtliche Folgen im Ambulatorium für Geschlechtskrankheiten in der Neutorgasse untersuchen lassen. Die wenigsten wissen das.
 
 
 
  Wo es um Zwangsprostitution und Menschenhandel geht, muss man vor allem verlangen, dass die Opfer dann nicht auch noch Opfer der Justiz werden, während die Täter ungestraft davonkommen. Wenn die Opfer von Abschiebung bedroht sind, können sie natürlich nicht gegen ihre Zuhälter oder Schlepper aussagen, weil sie dann in der Heimat Vergeltung
befürchten müssen. LEFÖ und IBF fordern ein umfassendes Zeugenschutzprogramm für die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution.
Der individuelle Freier kann natürlich auch einiges tun, um die Begegnung für beide so angenehm wie möglich zu machen. Da gibt's ein paar einfache Regeln: Wasch dich ordentlich und putz dir die Zähne! Deo und Kaugummi oder Pfefferminzzuckerl sind zusätzlich zu empfehlen, aber kein Ersatz. Wenn du jemanden zu dir nach Hause einlädst, biete ihr oder ihm eine saubere Umgebung und ein frisches Handtuch. Sei freundlich und höflich. Sag schon am Telefon genau, was du willst, dann ersparst du dir Enttäuschungen und unangenehme Szenen. Es gibt fast für jede Vorliebe SpezialistInnen mit einem entsprechenden Angebot. Bezahl, was verlangt wird oder verzichte halt auf den Handel. Versuch nicht, etwas zu kriegen, was nicht ausgemacht war. Frag nicht: "Warum macht ein so nettes Mädchen wie du so einen Job?". Glaub nicht, weil du jung und fesch bist, muss das Mädel oder der Junge sowieso verrückt darauf sein, es mit dir treiben zu dürfen. Versuch nicht, das Mädchen oder den Jungen zu "retten". Mach keinen ungeschützten Verkehr, auch wenn es dir angeboten wird. Denk mit. Und bedank dich am Schluss.
 
 
 
Wie ist das Buch aufgebaut, wie funktioniert es literarisch?
  "Literarische Reportage" oder "Reportageroman" trifft es wohl am besten. Ich berichte nur authentische Ereignisse, auch die Dialoge sind sehr wortgetreu, aber ich habe doch versucht, der ganzen Geschichte einen durchgehenden Erzählfluss zu geben. Ich habe eine sehr einfache, lakonische Sprache gewählt, die der gesprochenen Sprache sehr nahe kommt. Ich denke, in der Hörversion, im Podcast, merkt man das besonders deutlich. Die einzelnen Personen sind vor allem durch ihre Sprechweise charakterisiert. Ich habe keine versteckten Tonaufnahmen gemacht, aber ich habe immer sehr schnell die Gespräche aus dem Gedächtnis protokolliert. Während ich auf ein Mädchen gewartet habe, das beim Kunden war, habe ich im Auto oder im nächsten Beisel auf meinem kleinen Handheld-PC schon getippt, was wir vorher gesprochen haben. So habe ich die verschiedenen Dialekte, Akzente, Ausdrucksweisen recht gut einfangen können. Gespräche, die auf Englisch oder auf Polnisch stattgefunden haben, habe ich natürlich übersetzt. Wenn Polnisch geredet wird, bin dann ich es, der gebrochen spricht.
 
 
 
  Das Buch ist ein Mosaik aus vielen Episoden, doch es gibt eine Hauptfigur, um deren Geschichte herum das Buch komponiert ist. Das ist Gosia, eine sehr zarte, empfindsame junge Frau aus Polen, die besonders unter dem Job gelitten hat. Sie und ihre drei Freundinnen aus dem Erziehungsheim stehen im Mittelpunkt. Ich war zuerst Gosias Kunde, dann ihr Fahrer, dann hat sie fünf Monate lang bei mir auf der Couch geschlafen und ich habe versucht, ihr zu helfen, sich als Putzfrau durchzuschlagen. Als das misslungen ist, ist sie nach Polen zurückgekehrt und ich habe sie dann dabei unterstützt, die Schule fertig zu machen. Jetzt hat sie die Matura. Im letzten Kapitel des Buches erzähle ich auch von unserer Fahrt in eine triste polnische Provinzstadt, wo wir ihre ebenso deprimierende Familie besucht haben. So wird der Hintergrund ihrer Geschichte sichtbar. Aber es werden nicht nur traurige Geschichten erzählt. Ich schildere auch Frauen, die Freude an dem Beruf haben und sich dazu berufen fühlen. Wie im richtigen Leben passiert Lustiges und Trauriges, Verrücktes und Abenteuerliches in unberechenbarer Abfolge. So glaube ich, dass das Buch recht spannend zu lesen ist. "Ein Buch das ich nicht aus der Hand legen konnte", hat eine Rezensentin geschrieben.
Die Hörversion gehört momentan zu den meistgehörten deutschsprachigen Podcasts, vielleicht wird auch ein Hörbuch auf CD erscheinen. Eines ist das Buch jedenfalls nicht: Es ist keine Wichsvorlage.
 
 
 
Gibts nochwas, dass du den zielgruppentechnisch doch eher jungen Leuten auf der FM4-Page sagen möchtest?
  Kondome sind geil! Was glaubt ihr, warum es soviele Latexfetischisten gibt?
 
 
 
Herzlichen Dank, Martin.
 
 
 
 
 
 
  Erschienen im LIT Verlag. 305 Seiten. 24.90 EUR, br., ISBN 3-8258-9939-X

Link: http://hurentaxi.kwikk.info/
 
 
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