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Wien | 2.5.2007 | 19:49 
Das (monochrome) Ende der Nahrungskette

HansWu, Trishes, Pinguin

 
 
Die Crux des E-Voting
  E-Voting ist momentan in jeder Hinsicht "heiß": auf der einen Seite drängen viele darauf, die längst überfällige technologische Ersetzung der "altmodischen" Papierwahl anzugehen, auch mit Seitenblick auf die demokratiepolitischen Möglichkeiten von billigen und schnellen Abstimmungsverfahren (Online-Abstimmungen); auf der anderen Seite häufen sich Misstrauensbekundungen, die z.B. aus der horrenden (Un)Sicherheit dieser Geräte in der Praxis (USA, NL, D) abgeleitet werden.

Ich habe Dr. Peter Purgathofer vom TU-Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung, der am 4. Mai 2007 um 19:30 im Wiener Metalab einen Vortrag zum Thema halten wird, ein paar Fragen gestellt.
 
 
 
 
 
  Peter, du wirst am Freitag einen Vortrag über E-Voting halten. Wie wurde dein Interesse am Thema geweckt?

Peter Purgathofer: Die öffentliche Diskussion im Internet zum Thema Sicherheit von E-Voting hat mich hier in die Materie gezogen, weil ich diese Inhalte auch für die Lehrveranstaltung "Gesellschaftliche Spannungsfelder der Informatik" im ersten Semester der Informatik-Studien an der TU aufbereiten wollte. Dabei bin ich auf einen Diskurs gestoßen, der über die reinen sicherheitstechnischen Fragen weit hinausgeht und der mich fasziniert und gleichzeitig alarmiert hat.

 
 
  Was sind die großen Problemkreise im Bereich E-Voting?

Einerseits ist natürlich die Sicherheit der Technik ein Problem. Darüber hinaus ist User Interface Design eine sehr wichtige Frage. In Frankreich gabs grad massive Probleme, weil vier von sieben älteren WählerInnen an den Geräten scheiterten. Den Risikofaktor Mensch kann man bekanntlich nie ausschließen - siehe Ed Feltens zufälligen Fund von unbeaufsichtigten voting machines am Tag vor der letzten US-Wahl. Am wichtigsten für mich ist aber der demokratiepolitische Faktor: können wir es uns erlauben, die Transparenz und Nachvollziehbarkeit momentaner Wahlen und die daraus resultierende Glaubwürdigkeit für E-Voting über Bord zu werfen?
 
 
 
  Was kann man/frau dagegen machen, oder ist die digitale Welt einfach für Hacks prädestiniert?

Ich denke, dass die "Sicherheit" des Wahlprozesses, wie er momentan etabliert ist, für uns bereits zu selbstverständlich ist. Wir haben ein Vertrauen in diese Art, Wahlen abzuhalten, und sind bereit, diese auf neue Wahlformen zu übertragen. E-Voting kann dieses Vertrauen aber nicht rechtfertigen. Es ist ganz ohne Rückgriff auf Einzelbeispiele technologisch nachweisbar, dass es wirkliche Sicherheit beim E-Voting nicht geben kann. Die Frage ist, ab welchem "Restrisiko" sind wir bereit, unsere Demokratie aufs Spiel zu setzen.
Anders gesagt: man/frau sollte meiner Meinung etwas dagegen tun, dass E-Voting für wesentliche Fragestellungen eingesetzt wird.
 
 
 
  Wie wird die Gesellschaft mit diesem positiven Analog-Zwangs-Anachronismus fertig werden?

Wir gehen in vielen Situationen mit Analogzwang gut um, weil wir bestimmte Werte mit dem Analogen verbinden. Bücher beispielsweise werden uns noch lange nicht verlassen. Auch Essen in Restaurants werden wir lange analog bestellen. Insoferne ist es die zentrale Aufgabe der Kritiker von E-Voting, die Werte zu erklären, die mit dem analogen Ansatz verbunden wären. Ich bin jetzt wirklich kein Maschinenstürmer, wie alleine die Zahl der digitalen Durchdringung meines Arbeits- und Privatlebens belegt. Hier geht es aber wirklich um eine zentrale Frage: Wieviel ist uns Demokratie wert? Die Wahlen sind ein "Single Point of Failure" jeder Demokratie: Wenn die Wahl manipuliert werden kann, dann erstreckt sich diese Manipulation auf alles andere. Daher bin ich hier wirklich dafür, kompromisslos gegen E-Voting zu sein.

 
 
  Aber ist E-Voting nicht einfach sowas wie Briefwahl, nur digital?

Tatsächlich ist auch die Briefwahl umstritten. In Österreich beispielsweise gibt es einen verfassungsrechtlichen Widerspruch zwischen der geheimen Stimmabgabe und der Briefwahl. In Deutschland meinen Experten, dass die vorige Wahl alleine aufgrund des hohen
Briefwähleranteils anfechtbar wäre. Briefwahlen spiegeln den Widerspruch zwischen Sicherheit und Komfort gut wider. Wir wollen am liebsten so einfach als möglich wählen, gleichzeitig wünschen wir uns aber, dass die Wahl nicht manipuliert werden kann. Momentan überwiegt bei uns das Vertrauen in den Prozess, in anderen Ländern kann davon aber keine Rede sein. Die Möglichkeit zur Briefwahl stellt, wie auch Online-Wahlen oder E-Voting, einen möglichen (und sehr einfachen) Ansatzpunkt für Wahlmanipulation dar.
 
 
 
Wo findet der/die geneigte LeserIn weitere Informationen?
  Google :)
Wesentliche Informationen finden sich im RISKS-Forum der ACM (http://catless.ncl.ac.uk/risks), bei der EFF (http://www.eff.org) oder auch beim Chaos Computer Club (http://www.ccc.de).
 
 
 
 
 
Dr. Peter Purgathofers Vortrag über E-Voting...
  ...ist am 4. Mai 2007 um 19:30 in der Wiener HackerInnenzentrale Metalab im Rahmen des 3. Metaday zu sehen und/oder hören.
 
 
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