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Wien | 13.9.2008 | 04:59 
Das (monochrome) Ende der Nahrungskette

HansWu, Trishes, Pinguin

 
 
Kreuz am Rand
  Tommy Schmidt ist Künstler aus München und Initiator des Projekts "Kreuz am Rand".

Tommy wird am Sonntag, den 14. September um 20 Uhr im Wiener metalab im Rahmen des paraflows-Festivals einen Vortrag halten. Ich habe ihn vorab schon mal ausgefragt.
 
 
 
 
 
Was ist "Kreuz am Rand"?
  "'Kreuz am Rand' ist ein Kunstprojekt. Im Mittelpunkt steht eine Google-Map für Unfallkreuze unter www.kreuz-am-rand.de."
 
 
 
Wie bist du denn darauf gekommen?
  "Ich fuhr auf einer Landstraße und sah plötzlich am rechten Straßenrand ein Unfallkreuz. Ich fragte mich: Was ist da passiert, wofür steht dieses Kreuz, für wen, was will es mir sagen? Und schon war ich ein paar hundert Meter weiter, hatte das Kreuz weit hinter mir gelassen. Klar, ich hatte ja ein Fahrziel, ich war Teil des fließenden Verkehrs und es gab auch keine Möglichkeit, einfach mal rechts ranzufahren um mir das Kreuz mal näher anzusehen. Ein Dilemma."
 
 
 
Das hat dir als Künstler natürlich keine Ruhe gelassen?
  "Richtig, damit musste ich mich auseinandersetzen. Mit diesem Dilemma einer geradezu aussichtslosen Kommunikation."
 
 
 
Das musst du erklären!
  "Das einzelne Kreuz ist ein Zeichen für ein individuelles Schicksal mit ganz individuellen Botschaften. Aber im Vorbeifahren sehen die alle gleich aus."
 
 
 
Also stellst du Nahaufnahmen der einzelnen Kreuze ins Netz, auf denen man die Fotos, Namen, Blumen, Engel, Kuscheltiere, alles, was diesen Kreuzen anhaftet, gut erkennen kann.
  "Ja. Auf der Google-Map 'fährt' der User mit der Maus die Straße entlang und kommt so zu den einzelnen Kreuzen. Seine Aufmerksamkeit ist dabei auf den Content gerichtet und nicht auf den Verkehr."
 
 
 
Hast du mit den Leuten, die die Kreuze aufgestellt haben, also Angehörige, Freunde, etc. Kontakt aufgenommen und sie gefragt, ob sie mit der Veröffentlichung von Abbildungen der Kreuze im Internet einverstanden sind?
  "Nein. Die Kreuze befinden sich ja schon im öffentlichen Raum. Wenn auch, wie gesagt, flüchtig, hat so ein Kreuz immerhin mehrere hunderttausend Sichtkontakte jährlich."
 
 
 
Rund sechzig Unfallkreuze sind bis jetzt auf deiner Website. Hast du die alle selbst dokumentiert?
  "Nein, nur etwa siebzehn habe ich mit meinem Sohn Louis (13) fotografiert. Weitere Kreuze kommen von Websitebesuchern, die eigene Fotos von Kreuzen hochladen."
 
 
 
Das heißt, Kreuz am Rand ist auch ein Web 2.0 Projekt mit "User generated Content"?
  "Das kann man so sagen, ja. Es werden nicht nur Fotos hochgeladen, auch Texte, zum Beispiel schreibt eine Mutter über Ihren verunglückten Sohn. Sie teilt sich auf diese Weise mit."
 
 
 
Auf diese Weise leistet ja das virtuelle Kreuz mehr als das Original.
  "So gesehen: ja. Nahaufnahmen, Texte, später auch -das ist noch in der Entwicklung- Kommentare. Das bedeutet, dass sozusagen 'am Kreuz' auch Dialoge stattfinden können."
 
 
 
Das heißt, ein Chinese kann sich mit einem Brasilianer an einem Unfallkreuz im Allgäu ?treffen?. An ein solches Maß möglicher Öffentlichkeit hat sicher keiner gedacht, der ein Unfallkreuz real aufgestellt hat.
  "Sicher nicht. Aber was in der Gesellschaft stattfindet, bekommt auch seine Entsprechung im Netz, so oder so. Ich denke, wir haben das Thema mit der angemessenen Würde verarbeitet. Das ist jedenfalls der Anspruch."
 
 
 
Das klingt alles wie eine ambitionierte, ehrenwerte Mission. Du bezeichnest es aber als Kunst.
  "Okay, jetzt wirds vielleicht etwas kunstphilosophisch: Für mich heißt Kunst machen, der Wahrheit eine Form geben, anders gesagt, meine Sicht der Welt zu artikulieren. Genau das mache ich hier: ein Phänomen, das sich am Rande der Straße und damit auch am Rande der Wahrnehmung befindet, mit ästhetischen Mitteln ins Bewusstsein zu bringen. Das ist gelungen, ich bekomme viele Rückmeldungen aus der Öffentlichkeit. Viele zustimmende, aber auch kritische oder auch solche, die von Ratlosigkeit und Zweifel gekennzeichnet sind."
 
 
 
Das heißt, ein Kunstwerk mit gesellschaftlicher Relevanz
  "Das gerne auch politische, seelsorgerische, soziale Ausprägungen annehmen kann, ja."
 
 
 
Du hast ja die Kreuze auch gefilmt. Für mich sind die Filme sehr aussagekräftig und in diesem Sinne auch sehr künstlerisch.
  "Danke, ja, ich war selbst von der Wirkung überrascht. Ich wollte das Spannungsmoment zwischen der Stille des Ortes, der kennzeichnet, wo ein Lebensweg zum Stillstand kam, und der Geschwindigkeit, die ursächlich ist für die Existenz dieses Ortes, zeigen."
 
 
 
Filme, Website, Konzept, Öffentlichkeitsarbeit, das machst du doch alles nicht allein.
  "Richtig, es ist eine Teamarbeit. Ich arbeite erwerbsberuflich in einer großen Werbeagentur. Da habe ich unglaublich viel Unterstützung bekommen. Programmierer, Webentwickler, Screendesigner, mit Birgit Merk eine phantastische engagierte Content-Moderatorin und natürlich mein Sohn, der immer wieder mitmacht. Außerdem Post-Production und Öffentlichkeitsarbeit. Und das alles mit der Förderung des Agenturgründers und des Geschäftsführers."
 
 
 
Fantastische Bedingungen. Warum machen die das?
  "Zum Einen, weil wir bei 'Kreuz am Rand' fortschrittliche Mittel und Techniken nutzen, die auch in der Produktkommunikation mehr und mehr eine Rolle spielen, z.B. Google-Maps, es geht also um Synergien. Zum anderen, weil Agentur und KollegInnen sich auch gerne mal mit etwas anderem beschäftigen als mit Marken, Produkten und Unternehmen ..."
 
 
 
Du meinst, mal was anderes, als immer nur Schokoriegel?
  "Ich möchte es anders ausdrücken: das Thema 'Unfallkreuze' hat absoluten Tiefgang, es berührt. Und die Art und Weise, in der wir mit dem Thema gestalterisch umgehen, ist naturgemäß kompromisslos und dient nur ihrem künstlerischen Zweck. Das begeistert Beteiligte und Publikum."
 
 
 
Wie geht das Projekt weiter?
  "Hm. Ich selbst werde mich in absehbarer Zeit wieder anderen künstlerischen Herausforderungen stellen, "Kreuz am Rand" ist für mich keine Lebensaufgabe. Aber es gibt noch einiges für mich zu tun, zum Beispiel die Durchführung eines Workshops im Metalab in Wien anlässlich der Paraflows 08. Außerdem werden die Videos im Herbst in der Lothringer 13/SPIEGEL, einer angesehenen städtischen Galerie für Videokunst in München, präsentiert. Zur Eröffnung veranstalte ich eine Podiumsdiskussion mit sehr interessanten Teilnehmern: Die Autorin des Buches 'Unfallkreuze', eine Tageszeitungsredakteurin, die eine mehrwöchige Strecke zum Thema gebracht hat, eine Krankenschwester aus der Intensivmedizin, die "Kreuz am Rand" hunderte selbst aufgenommene Fotos von Unfallkreuzen zur Verfügung gestellt hat, sowie Betroffene, die selbst Unfallkreuze aufgestellt haben."
 
 
 
Beachtlich. Schätze, so bald kannst du dich da nicht rausziehen.
  "Tja ..."
 
 
 
Und www.kreuz-am-rand.de?
  "Da wird natürlich noch weiter programmiert, z.B. muss die Kommentarfunktion unbedingt noch implementiert werden. Der Content allerdings, der muss von den Usern kommen. Unfallkreuze sind ein weltweit verbreitetes Phänomen. Vielleicht wird die Website bald tausende Kreuze abbilden, vielleicht bleibt es überschaubar. Künstlerisch ist das nicht von großer Bedeutung, aber es würde uns natürlich freuen, wenn unser Angebot in großem Umfang wahrgenommen wird."
 
 
 
  Tommy Schmidt - live und auf FM4

* 14. September 2008, 20 Uhr im metalab in Wien (Rathausstraße 6) im Rahmen des Digitalkunst-Festivals paraflows 2008.

* 14. September 2008, FM4 Im Sumpf (21-23 Uhr)
 
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  Das paraflows-Festival 2008 auf fm4.ORF.at
   
 
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