Im Rahmen unseres monochrom'schen kunsthandwerklichen Installationsaufenthaltes in der Republik Brasilien waren wir nicht nur in Sao Paulo bei der Biennale zugegen (siehe Tagebuch, das jetzt endlich auch Fotos aufzuweisen hat), sondern waren auch nahezu zwei Wochen an der Küste und im Nahlandesinneren unterwegs.
So begab es sich, dass uns ein deutscher Hotelbesitzer im Küstenstädtchen Paratii mit seinem roten Jeep in den Dschungel kutschierte um uns die paradiesischen Wasserfälle zu zeigen.
Im Zuge dieser Jeepfahrt erzählte er beinahe beiläufig eine Geschichte, die uns in ihrer kontextualen Drastik so bewegte, dass wir beschlossen eine Moritat zu dichten.
Ort in Frage
Einer der Haupthandlungsträger
Hört liebe Leut, ...
... hört die Geschicht,
Die wirklich einst geschah.
Und wenn wer sagt: "Das glaub ich nicht!"
Ich schwör euch, es ist wahr!
Atlantik hieß der Ozean,
Paratii hieß die Stadt.
Die Stadt liegt in Brasilien,
Wo man viel Urwald hat.
Man geht drei Stunden von der Stadt
Durch Flora und durch Faun'.
Und wer sich nicht verlaufen hat,
Stößt dann an einen Zaun.
Der Zaun umschließt ein großes Gut,
Das lange dort schon steht.
Das kaufte einst ein reicher Mann,
Um den dies Lied sich dreht.
Der Mann war stark, der Mann war stolz,
Gab Arbeit und gab Lohn.
Er liebte Vögel, liebte Holz,
war Öko-Ökonom.
Er legte einen Tierpark an
Mit Tiger, Löwe, Gnu.
Und wehe, wer verging sich dran!
Die Schöpfung war tabu!
Der Vogelschutz, bereits erwähnt
War ihm ein groß` Pläsier
Doch mancher Knecht sich nicht dran hielt
Und fing so manches Tier.
Die Knechte nämlich waren arm,
Der Lohn war zu gering.
Die Vögel brachten gutes Geld,
weswegen man sie fing.
Der Mann, von jetzt ab Chef genannt
War bös und dachte sich:
Den nächsten, der das wieder tut
Bestraf ich fürchterlich!
Und wenig später wurd' - o je -
Ein Vogeldieb erspäht.
Der Chef brüllt: tretet alle an!
Sollt sehn, wie's dem jetzt geht.
Mündiger Bürger und sein Instrument
Er nahm die Flinte, ...
... hielt sie dann
Dem Delinquent ans Ohr.
Und zog aus seinem Gutsherrnrock
Ein Vogelvieh hervor.
"Du frisst jetzt diesen Vogel auf
Samt Fuß und Federschopf
Und wenn Du auch nur einmal würgst,
Schieß ich Dir in den Kopf!"
Der Bursche schwitzt und beißt voll Graus
Den armen Vogel tot.
Er kaut und schluckt und wird ganz grün.
Vom Munde tropft es rot.
Drei Wochen lag der Bursche krank
Vor Ekel, Schmach und Pein
Er nahm die Flinte aus dem Schrank.
"Das wird der Chef bereu'n!"
Und als der Chef im Walde ging,
Allein und wohlgemut,
Da saß der Bursche im Geschling
Und harrte voller Wut
Beim alten Baum mit Feigen groß
Am Weg zum Wasserfall
Da saß der Chef. Ein Schuss ging los!
Traf ihn mit lautem Knall.
Der Bursche warf`s Gewehr in Fluss
Und rannte weit weit fort.
Vom Berge hallte lang der Schuss
Als Echo noch vom Mord.
Und als die Witwe dort im Blut
Die Leiche schließlich fand,
Sprach sie: "Jetzt mach ich aus dem Gut
Ein nettes Restaurant."
So war die G'schicht und klingt sie auch
Sehr alt, so ist doch wahr:
Das ganze fand vor kurzem statt -
Im vierundneunz'ger Jahr
Und die Moral von der Geschicht
Hat bisschen was von Brecht:
Die Armut und der Umweltschutz
Was ist hier gut? Was schlecht?
Abstrakt
Nach dem Besuch beim Hotelier-empfohlenen Wasserfall (wo wir beinahe ersoffen wären weil das tosende Etwas regenfallbedingt in wenigen Minuten enorm anschwoll) kehrten wir dann noch zwei Stunden in besagter Fazenda ein und ließen uns gebackenes Schwein und Huhn mit schwarzen Bohnen und Maniok kredenzen. Durch Fotografien und Gemälde an den Wänden (siehe die obige fotooptische Ablichtung) bekam der Chef nun ein Gesicht und wir erkannten, dass es die Witwe war, die uns zügig bediente.
Wir kauften ein paar Gläser Marmelade und wurden dann vom Personal auf ihrem Pick-Up ins Dorf gebracht. Abendmahl mit Getränken. Schlaf.
Eine musikalische Adaption ...
... des feudalenvironmentalen Bänkelsangs mit zwei unauffälligen Versingern und dezenter Kaffeehausatmo möchte ich dennoch hier oder hier loswerden. Herzlichen Dank an den Kollegen Richard und den Kollegen Roman. Remixe oder Coverversion sind erwünscht. Aber es ist jeder Person selbst überlassen was sie in ihrer Freizeit tut.
title: die moritat von paratii artist: monochrom length: 5:30 MP3 (3.962MB) | WMA