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Wien | 12.5.2002 | 14:41 
Das (monochrome) Ende der Nahrungskette

HansWu, Trishes, Pinguin

 
 
Eine Betrachtung zu >Sakropop<
  Starthinweis:
Außer Acht gelassen werden sollen hierbei aber all diejenigen Freiformen religiös-motivierter Popmusik, wie sie sich aktuell etwa bei Xavier Naidoo ausgeprägt finden. Religiosität bedeutet hier etwas völlig anderes als im kircheninstitutionellen Rahmen, der für den "Sakropop" konstitutiv ist. Es geht im folgenden also nicht um "Religion und Popmusik", sondern um Religion als Dogma im popmusikalischen Feld.
 
 
 
 
"Unsere Wüste findet sich auf keinem Atlas. Ihre Hitze kommt nicht von der Sonne. Wir glühen in der Glut unserer Friedlosigkeiten. Wir glühen und schreien nach Kühle. Ihre Kälte kommt nicht von den Nächten. Wir frieren im Eis unserer Lieblosigkeiten. Wir frieren und bitten um Wärme."
(Gruppe "Impulse")

 Bedeutungsschwangeres Symbol, z.B. für Autorückscheiben
 
 
Strenges aber herzliches Vorsprechen
 
 
In den Nachkriegsgesellschaften ...
  ... verlieren die Amtskirchen zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung und Einfluss, sie werden in ein Nischendasein abgedrängt.
"Religionsfreiheit" und die teilweise vollzogene "Trennung von Staat und Kirche" machen ihre politische Macht zunehmend unschädlich.
Ihre mittelalterliche Vormachtstellung in den Belangen der "Kunst" und "Kultur" wurde mit der einsetzenden bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts zurückgedrängt. Ihre inhaltlichen wie formalen Disziplinierungsmechanismen im Bereich Kunst und Kultur sind (analog zu denen einer höfischen Gesellschaft) durch diejenigen einer beginnenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung ersetzt worden.
Mit "Pop" ereignet sich ein weiterer gesellschaftlicher Paradigmenwechsel. Denn, durch "Pop" und die von ihm in Gang gesetzte Herausbildung subkultureller Formationen erreichte das Versprechen von der anarchischen Selbstverwirklichung der gesellschaftlichen Subjekte die gesellschaftlichen Subjekte selbst: sexuelle Befreiung, Drogen, politische Freiheits- und Emanzipationsbewegungen, hedonistische Diesseitsorientierung, "Glam" etc.
Der von den popkulturellen Subkulturen auszutragende gesellschaftliche Kampf ist in der Ära "Pop" nicht mehr der Kampf gegen eine lebens- und lustfeindliche Kirchenideologie, sondern derjenige gegen die Reglementierungen durch Ökonomie und Logik des Kapitalismus und seiner politischen Organe. Die Kirchen sind abgesunken in eine zunehmende kulturelle Bedeutungslosigkeit und die Verwaltung kulturhistorischer Altlasten.
Und: Die Popkultur infiltrierte die ohnehin von Existenz- und Legitimierungsnotständen geplagten Kirchen. Deren Nachwuchs artikulierte das Bedürfnis nach einer Hereinnahme der halbherzig verteufelten zeitgenössischen Semantiken von "Rock" und "Pop" in die überlebten gottesdienstlichen Abläufe.
 
 
 
Progressive Klerikale unterstützen ...
  ... die pop- und rockistische Frischzellenkur, zumal in der vielfältigen religiösen Kultur der USA ein Präzedenzfall vorliegt. Hier finden sich zahlreiche Formen christlich motivierter Popmusik (bis hin zum "White Metal", wie er v.a. durch die Gruppe Stryper bekannt gemacht wurde) und in afro-amerikanischen Gemeinden nimmt die Gospel- und Spiritual-Kultur eine ungemeine Bedeutung ein. Auch in Deutschland konnte sich seit den 50er Jahren das Phänomen kirchenreligiöser Pop- und Rockmusik voll ausdifferenzieren.

Das strukturbildende Problem von Sakropop ist, dass einer jeden Artikulation in ihrem Paradigma ein hochgradig diffuses Anspruchsarsenal vorgelagert ist.

Da wäre zunächst das "Mitmachdogma", das die Musik in bezug auf ihre kommunikative Funktion in der Gemeinde einer Reihe formaler Vorgaben unterwirft. Besagtes "Mitmachdogma" schlägt sich auch in der Konsolidierung von Sakropop-Bands selbst nieder, da diese in der Regel als "Miniaturen" des Prinzips der "Gemeinde" konzipiert sind.
Das bandpolitische Selbstverständnis des Sakropop macht also ein wesentliches Differenzmerkmal zum Bandkonzept "normaler", marktgängiger Rock- und Popgruppen aus. Die Mitgliedschaft in einer Sakro-Formation wird wesentlich vom Mitmachen-Wollen und Mitmachen-Sollen des einzelnen her bestimmt und nicht so sehr von technischer und handwerklicher "Kompetenz".
Daher kann es durchaus sein, dass etwa ein/e SaxofonistIn, die dieses Instrument erst seit einem Jahr spielt, mit "versierten" Musikern zusammenwirken muss, soll und darf, was wiederum ein Auseinanderklaffen des Endproduktes bewirkt, dessen Komponenten zwischen könnerhaftem Vortrag und stümperhaftem Dabeisein-ist-alles oszillieren.

 Mitmenschen
 
 
Dies führt zu einer ...
  ... Aufrauung der ästhetischen Benutzeroberfläche, in der "nichts" stimmt, d.h. stimmig zusammenläuft, sondern in der sich die Ausdrucksintention und die Ausdruckskompetenz der einzelnen Beiträgern fluchtlinienartig voneinander wegbewegen. Die ästhetische Andersartigkeit des Sakropop gründet damit in seiner konzeptuellen Andersartigkeit. Dies schafft Nähe zu ähnlichen Organisationsformen von "Band" gerade innerhalb linker Subkulturen der 70er Jahre, singenden Winzern, und ihrem Protest gegen das AKW Whyl, "Kommunenkrautrock" á la frühe Amon Düül etc.
Jedoch muss gesagt werden, dass der "Komm-rein-in-unseren-Kreis"-Gedanke im Sakropop in einer derart unhinterfragten Penetranz vorliegt, wie sie nicht mal von den ausgedachtesten musikalischen Zusammenkünften der Spontiszene erreicht wird, zumal die dort noch (im Sinne eines naturhaften Musizierens und des Selbstausdrucks) gepflegte Kategorie des "Grooves" im Sakropop durch völlige Absenz glänzt.

Das "Mitmachdogma" stellt sich bei näherem Betracht als Unterfall eines generellen regelpoetischen Wahnsinns dar. Schon von der ersten Sekunde an ist der Sakropop völlig überdeterminiert; und hierin unterscheidet er sich wesentlich von "organischen" Formen einer religiös motivierten Musik, etwa dem Gospel. Die dogmatische Struktur der christlichen Religionen ist aber nicht nur zum zweiten Ich der Musik geworden, auch aufseiten der Kirche, die ihren Frieden mit dem Sakropop machen musste, wird so einiges eingefordert.

 Liberale Christin mit stilisierter Hostie
 
 
"Bei Verwendung einer Beatband in der Lautstärke auf die Gemeinde und den Raum Rücksicht nehmen!"
  In einem solchen Diktum spricht sich natürlich eine generelle Kastrationslust insbesondere des katholischen Glaubens aus.
Die "Ekstase" jedenfalls bleibt die "verbotene Zone" des Sakropop. Popkulturelle Lebensaspekte vor allem der 60er und 70er Jahre wie "Drogen", die Neu-Kartografierung des Körpers durch Experimente mit deregulierten Sexualpraktiken, "Aggression gegen ein >falsches Leben<", "Aussteigertum", Ausschluss-Kommunikation als Element eines Abgrenzungsbedürfnisses, das Einreißen und Ausloten und das bewusste Überschreiten gesellschaftlicher Tabusphären, Selbstermächtigung, der Glam-Aspekt als hedonistisches Selbstbestimmungsrecht der Körper und ihrer Individuen, das alles (und noch viel mehr), möchte der Sakropop unter den Altar kehren: "Nicht das musikalische Material, bestimmte Stile oder Formen als solche sind für mich als Christ tabu, sondern ein unangemessener Umgang mit ihnen", so Peter Bubmann, der 'Martin Büsser' der Szene.
Im Sakropop-Diskurs wird somit ein wesentliches Mittel zur Disziplinierung "herrschaftsfreier" Diskursivität erkennbar. Indem nämlich einer Kunst und Lebenspraxis, die man nicht mehr ignorieren oder "verteufeln" kann, das Desiderat eines verantwortungsvollen Umgangs mit den freigelegten Möglichkeiten implementiert wird, findet eine reterritorialisierende Umkehrbewegung zur statthabenden Deterritorialisierung statt. Verräterisch in diesem Sinne die bei Bubmann aufgeworfene Frage: "Wie sieht ein sinnvoller Gebrauch der mir geschenkten Freiheit aus?"; und für den Einsatz von Rock- und Popmusiken im Religionsunterricht wird als Lernziel formuliert:
"Die Schüler sollen mit den Möglichkeiten musikalischer Alltagskultur verantwortlich umgehen können."

 Mut zur Covergestaltung: Die Würzburger Musikgruppe "Taktwechsel"
 
 
Dies ist übrigens eine typische ...
  ... und in ihrer Perfidie und Abgeschmacktheit kaum noch zu überbietende Strategie geordneten kirchlichen Rückzuges: Immer dann, wenn ein amtskirchlich bestimmtes Diskursfeld von der gesellschaftlichen Entwicklung und einer bestimmten Form der Aufklärung überrannt wird, wird die schwindende Definitionsmacht noch einmal befestigt, indem man den betreffenden Gegenstand unter den höchst diffusen Bann eines eingeforderten "verantwortlichen Umgangs damit" stellt. So etwa zu Zeiten der eigenen Pubertät: als nämlich die Freisetzung sexueller Diskurse der 70er Jahre gesellschaftlich durchgesetzt hatte, dass Masturbation völlig normal und gesund, ihre Unterbindung und Dämonisierung jedoch durchaus schädlich ist, wurde uns im upgedateten Religionsbuch ein "verantwortlicher Umgang" mit jenem nur halbherzig namhaft gemachten Umstand angetragen, ohne freilich näher darzulegen, was das denn jetzt bitteschön genau meint.
Das Freiheitsversprechen des Pop, das noch der letzten Thüringischen Volksmusikinterpretin anhängt, erweist sich als getilgt. Die zumindest scheinhafte Selbstermächtigung (etwa als "Star"), die im Zentrum der Idee von Pop steht und die sich auch nicht mehr durch hochkulturelle Kategorien (wie Könnerschaft und "Bildungswissen") legitimieren muss, sondern gerade durch andere, zumeist körperhafte Qualitäten muss von den demutsseligen Vertretern des Sakropops in den Klischees einer 70er-Jahre-"Sozialkritik" diffamiert werden.
 
 
 
Was uns am Sakropop fasziniert, ...
  ... ist sein Scheitern-Müssen und dessen spezifische ästhetische Qualität, ohne damit gleich ein 80er-Jahre-Zynismus-Bierzelt an den Sollbruchstellen von Sakropop errichten zu wollen. Natürlich muss man an einigen Stellen herzhaft, erschrocken, pikiert, haltlos, erbost oder erleichtert lachen. Doch geht es nicht nur um die Ausstellung von Versagenshandlungen, sondern für die sorgfältige und wohlerwogene Auswahl der Titel war ebenso wichtig, dass die betreffenden Stücke auf verquere Weise gerade wegen oder manchmal eben auch trotz ihrer Missratenheit Ohrwurmqualitäten entfalten.
Natürlich sind einige Stücke einfach nur lächerlich, etwa "Ich kann mit meinem Gott über Mauern springen" oder der "Reli-Lehrer-Rap", die aber trotzdem einfach mal dokumentiert werden mussten, bevor sie sich in den endlosen Räumen der Popgeschichte verliert.

 
 
Kein Interessenskonflikt
 
 
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Hyperlink ... Amen
  ---> Der IV. Teil unseres monochrom-Hausmacher'schen Lashcore Sampler-Zyklus dient als didaktisch-verwertvolles Sakropop-Gemenge-Package und spirituoinformelle Einstiegsdrogerie. Unter dem Titel "Alle Welt soll es erfahren" brachten wir so einen 90-Minuten-Kassettensampler mit 40seitigem Beiheft per Handfertigung ins Sein. Auf der Homepage gibt es auch ein paar Musikbeispiele im altbekannten mp3-Format. Die ganze Kassette mit dem Infoheft gibts zum Selbstkostenpreis; ein Drittel addieren wir, das geht in ein Nicaragua-Soli-Projekt. Wir denken, das ist eine gute Umverteilung.

Frank Apunkt Schneiders Text "Sakropop. Christliche Popmusik, der Zwang zur Friedfertigkeit" (eine überarbeitete Kurzversion des Lashcore IV Liner Essays) ist in testcard #9 erschienen. (Anmerkung: Wer weiterführende Info über 'testcard' möchte, der kann sich Sonjas Kurztext ansehen. Von 'testcard' wird demnächst auch die neue Ausgabe erscheinen. Jeden Euro wert, jeden.)

 
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