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Wien | 30.12.2002 | 07:50 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Naked Petty Borgeousie
  Auch ich habe mir dieses Jahr ein Jamie Oliver Kochbuch gekauft. So wird seither dem täglich Brot meiner Kleinfamilie an manchen Tagen Rosmarinzweige, Bockshornklee oder Curryblätter beigemengt. Und auch beim morgigen Jahreswechsel soll nach "naked" Methode aufgekocht werden.

Auch ich dachte mir: "Endlich ein Fernsehkoch für meine Zielgruppe!". Handkamera, Outfit, Soundtrack, Locations, der Freundeskreis und natürlich die "naked" Kochkünste. Das perfekte Sujet einer seit Jahrzehnten beschworenen jungen Urbanität in der Version 3.0. Oder nennen wir es einfach Bürgerlichkeit, denn urban war der Bürger, auch der Kleine, schon immer.

Vorab: dies soll kein Jamie Oliver Bashing sein! Der "Naked Chef" wird hier nur als Verbildlichung missbraucht, um etwas darzustellen, das mich das ganze letzte Jahr beschäftigt hat. Um was es eigentlich geht, war mir selber nicht klar, und wird mich wahrscheinlich auch im kommenden Jahr noch beschäftigen.
 Der Naked Chef kocht auch für die Herrschenden (Tony Blair)
 
 
 
 
Starter
  Beginnen wir bei der einfachen Verbildlichung. Was gefällt am Naked Chef? Das Rezept, das uns bei diesem Sujet schmeckt: Lässiges Expertentum und hedonistischer Lebenstil wird mit dem Stabmixer verrührt, dazu eine gute Prise Qualitätsanspruch und ein kleiner Schuss rotziger Popkultur, kurz aufkochen, schmeckt wunderbar unkonventionell und kreativ mit einen angenehmen Beigeschmack von Erfolg. Mir schmecken seine Rezepte, aber ich esse, wie der aufmerksame Leser hier weiss, unter jeder Sau. Aber wie gesagt, es geht ja um was ganz anderes. Auf alle Fälle hat der Käse in der eigenen Küche zu stinken begonnen.




 
 
Main Dish
  Wir kommen zur Zielgruppe. Ohne bürgerliche Kultur keine Gegen-Popkultur. Als Dissidenz dazu und weil die Hauptakteure, trotz aller Working Class Mythen, allzu oft selber aus den Mittelschichtsgaragen herausgekrochen sind. Dies muss in diesem Forum nicht weiter erläutert werden.

Was widerte den Kritiker immer am Bürgertum an? Verkürzt gesagt: Das Selbstverständnis über die eigene Position und Handeln und den daraus ergebenden Anspruch auf Herrschaft über alle Aspekte des Lebens. Ein Selbstverständnis, das sich liberal und aufgeklärt bezeichnet und der gesamten Gesellschaft seine Leitbilder und Themen aufzwingt. Dies gilt noch immer und mehr als je zuvor, wenn das Marketing besagter Leitbilder erstaunlich flexibel auf neue Kundenbedürfnisse reagiert hat.

Anlässlich des Grissemann-Stermann-Songcontest thematisierte ich "unser" Wir-Gefühl. Das Wir hinter dem Gefühl, so wollte ich verstanden werden, ist schwer zu benennen, am ehesten noch mit einem Gefühl vergleichbar, dissident gegen das ebenso schwer zu deklariende "große Andere" zu sein. Doch auch das stimmt eigentlich nicht, Alltagsdissidenz konsumieren auch die "Anderen", man höre sich nur Radio Comedies bei Ö3 an. In der Fabrik namens Gesellschaft ist auch Dissidenz zur Ware geworden.

Zu Jamie Oliver sei noch zu bemerken, dass die Rezepturen eigentlich gar nicht so "naked", also einfach und improvisiert sind. Auch wenn es so verkauft wird, man sehe sich nur die Resourcen an: "Da hab ich doch zufällig am Rückweg bei meinem Fischhändler diese zwei Langusten mitgenommen" oder "Jeder sollte sich einen Kräutergarten zulegen". Und eigentlich geht es oft nur um herkömmliche Gerichte, wie Chilli con Carne, Curry (sehr empfehlenswert) oder Spaghetti Bolognese, mit dem Unterschied, das alles mit viel Kräuterbeiwerk aufgemotzt wird.

 
 
Dessert
  Das Kräuterbeiwerk für den aufgeklärten, urbanen Jungbürgerlichen heißt: Popmusik aus dem FM4 Sortiment, das Abonnement einer kritischen Stadtzeitung, Literatur von Houellebecq und Murakami und manchmal auch ein ungelesenes Empire von Negri/Hardt im Regal. Das Modethema lasse ich aus absoluter Inkompetenz bewusst aus. Um nicht missverstanden zu werden: Dies alles (außer Houellebecq und das Modethema) befinden sich auch in meinen mühsam angelegten Kräutergarten. Gegen all dies ist nichts einzuwenden. Irgendwann einmal hatten aber Kräuter, wie Rosmarin, Thymian oder Oregano den Zweck der Heilung und nicht der Geschmacksaufbesserung.

Das Selbstverständnis des neuen Bürgertums definiert sich also durch die Zutaten. Die Speisen sind im Grunde gleich geblieben. Es bleibt also die Frage nach der Rolle in unserem Herrschaftssystem. Und diese ist, wie immer, so einfach nicht zu beantworten.

Vielleicht funktioniert Herrschaft heute wirklich anders. Wir arbeiten hart am eigenen Subjekt und produzieren dadurch für eine Industrie, die schon längst die Fabriksmauern verlassen hat. Kommandoketten sind unsichtbar. Und auch die Gewerkschaft erfüllt brav den Plansoll.

Und eigentlich freue ich mich auf das morgige Kochen und den Jahreswechsel.

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