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Wien | 25.7.2003 | 08:30 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Flash Mobs: Fluch oder Segen?
  Die Nachrichten haben bereits darüber erzählt (ORF ON News vom 23.7.). 'Flash Mobs' nennen sich spontane Menschenansammlungen auf diversen öffentlichen Plätzen, die sich nach 10 Minuten wieder auflösen. Organisation und Choreographie der Zusammenrottung erledigen E-Mail, Handy und Flyer. Ein kommunizierbares Anliegen haben diese Aktionen scheinbar nicht.
 
 
 
Flash Mob in New York
 
 
  Aus New York berichtete man von Flash Mobs. In weiteren amerikanische Städten ereignete sich ähnliches. In Osaka und Tokio rotteten sich Menschen mit schwarzen Sonnenbrillen und Anzügen zusammen um Szenen aus 'Matrix Reloaded' nachzuspielen. Und in einem römischen Buch-Megastore fragten gestern Hunderte Flash-Mobber nach Büchern von einem gewissen Claudius Zamboni, einem Autor, der schlichtweg nie existierte.
 
 
 
'Matrix' Mob in Japan
 
 
  Frau E. hat recherchiert, dass die Idee der synchronisierten, scheinbaren Spontan-Zusammenrottung, nicht ganz so neu, erst recht nicht amerikanisch ist und weder 'Flash' noch 'Mob' war. 'Radioballett' nennt sich zum Beispiel eine Aktion der freien Radiogruppe 'Ligna', die sich vor mehr als einem Jahr am Hamburger Hauptbahnhof zugetragen hat. 300 Menschen führten unter Anleitung aus dem Radiowalkman eine Übung in nicht bestimmungsgemäßem Verweilen auf. Dabei wurde die "die Grauzone zwischen 'erlaubten' und 'unerlaubten' Gesten" erforscht. Eine Hand zum Gruß: erlaubt. Eine Hand ausgestreckt: nicht erlaubt (Bettelei).

Großbahnhöfe in Deutschland wandeln sich immer mehr zu Shoppingmalls und werden für den ungestörten Fluss von Transport und Konsum privatwirtschaftlich überwacht. Gegen Obdachlose und andere "störende Elemente" wird daher immer rigoroser vorgegangen. Diese Thematik war der Hintergrund des Radioballetts, das im Juni am Leipziger Bahnhof eine Wiederaufführung erlebte.

 Radioballett in Hamburg
 
 
Aktivismus?
  Im Gegensatz zum 90-minütigen Radioballett lebt der Flash Mob, wie der Name schon sagt, vom schnellen Effekt.

Atomuhrgenau wird der Platz besetzt, irgendetwas "Sinnloses" gemacht und auf die Sekunde genau zerstreut sich alles wieder. Vordergründige Inhalte gibt es - im Unterschied etwa zum Radioballett - keine. Die technische Abwicklung der Aktionen ist nichts Neues: Antiglobalisierungsaktivisten organisieren ihre Proteste schon seit langem flexibel per Internet und Handy, und auch die Demonstranten beim österreichischen Regierungswechsel vor Jahren handelten sich wegen ihrer nomadischen Kommunikation den Titel 'Internetgeneration' vom Bundeskanzler ein.

Die Inhaltslosigkeit der Flashmobs verwirrt und bringt sommerliche Überschriften ein. Kein Wunder, wenn diverse Medien vom neuen Freizeittrend schreiben. Als "Freizeittrend" ohne ersichtliche Message wird die gute, alte "künstlerische Intervention im öffentlichen Raum" massentauglich. Das Ansinnen, den Alltag und seine verborgenen Mechanismen zu verstören und vorzuführen, verbreitet sich als userfreundliche Variante. Der Flash Mob soll dem Teilnehmer Spaß machen und bedient sich dabei vielleicht den verborgenen, banaleren Motivationen, warum Leute wegen politischen und anderen Anliegen auch auf die "Straße gehen":

"Ich möchte viele sein, ich möchte irgendwie subversiv sein, ich möchte Teil einer Bewegung sein".

Vielleicht ist es aber gerade das Nichtfassbare und das Spontane der "harmlosen" Flash Mobs, die die Ordnungen des Alltags genauso verstören vermögen, wie der Obdachlose am Hamburger Hauptbahnhof das Einkaufserlebnis.
 
 
 
Empowerment?
  Zum Thema Flashmobs wird in den Mediengeschichten auch oft Howard Rheingold zitiert. Der ehemalige Autor der Zukunftsnetzpostille 'Hotwired' und bekannte Internetvisionär erzählt seit vielen Jahren vom humanistischen Fortschritt durch Kommunikationstechnologien. Waren früher Online-Communities für ihn die virtuelle Speerspitze zu einer neuen Praxis des demokratischen Zusammenlebens, so sieht er heute die Emanzipation durch die Nutzung von Handys und Weblogs fortschreiten. Flash Mobs passen hier natürlich in Rheingolds Vision im Empowerment der Massen zur Selbstorganisation und Kollaboration gut rein.

Dass die verbreitete Nutzung von modernen Kommunikationsmitteln die Selbstorganisation und Kollaboration verbessern, soll nicht in Abrede gestellt werden. Dass daraus soziale Revolutionen entstehen, ist eher die Sicht des noch immer euphorischen 'Wired'-Klüngels. Tatsache ist, dass sich Online-Communities meistens mehr wie feudale Schrebergartensiedlungen gebähren, als wie eine Grassroot Kommune. Und genauer betrachtet ist der Ablauf eines Flash Mobs kein spontanes Ereignis, sondern das Ergebnis einer militärisch genau vorgegebenen Kommandoliste. Schrebergarten und Atomuhr sollen hier natürlich nicht als böse gewertet werden, revolutionär ist es aber auch nicht.

 Howard Rheingold träumt auch von der "Emergent Democracy"
 
 
Für wen?
  Die Methode zum Flash Mob ist gut, weil einfach. Und gerade deswegen gleich geeignet für emanzipatorische Effekte als auch für Instrumentalisierung. Die Frage bleibt, wer das Instrument bedienen wird. Vielleicht wirklich die Stefan Raabs dieser Welt. Vielleicht doch die vielen Anliegen und Aktivisten ebendieser Welt. Der geplante Flash Mob in London soll ja dezidiert den Überwachungsstaat thematisieren. Vielleicht verbreiten sich auch die Meme diverser künstlerischen Avantgarden, die Frage nach dem nichtexistenten Autor in Rom erinnert ein bisschen an neoistische Namenspiele ('Google'-Stichwort: Luther Blissett).

Wahrscheinlich aber die Aktivisten der Branche, die seit 20 Jahren von Dynamiken, Mythen und Symbolen emanzipatorischer Bewegungen am meisten gelernt haben: das Marketing. Empowerment gegen das bedrohliche Große, gegen das Angepasste und Alltägliche sind Thema im Verkauf von Apple Computer und Avril Lavigne. Die 'Matrix' Flash Mobs in Japan sind sowohl eine passende Intervention in den spezifischen öffentlichen Raum (eine japanische Großstadt eignet sich für die Inszenierung eines distopischen, popkulturellen Themas am besten), als auch, gewollt oder ungewollt, eine Werbeaktion für einen Film. Inszenierung im öffentlichen Raum bedarf keiner Medienplanung, um die Zielgruppe zu treffen. Der Flash Mob als Werbeeinschaltung in der Öffentlichkeit, als Popup auf realen Raum. Mal sehen.

Es bleibt die Methode über, auch wenn keine Webgeschichte mehr über den Hype geschrieben wird.

P.S.: Sollte ein Werbefachmann bis hierher gelesen haben: 'Terminator' Flash Mobs in der Grazer Herrengasse und Fett-Weg-Mobilfunk-Männchen-Ballette in der Wiener Kärntnerstrasse: BITTE NICHT !!!

P.P.S.: In Wien soll Gerüchten nach heute Nachmittag der erste österreichische Flash Mob stattfinden.
 
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