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Wien | 2.3.2002 | 15:52 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Das schönste Ding UNSERER Welt
  Auch ich saß gestern natürlich
vor dem Fernseher. Bei Freunden in einer WG, Fernsehton weg, FM4 auf, Handies am Tisch. Ein Setup also, das dem p.t. Publikums hier wohlbekannt ist. Nun besteht ja das Publikumsgaudium in der Welt der WG's bei dem jährlich wiederkehrenden Songcontest gerade darin, wie sehr man das Abstimmverhalten einer irgendwie abstrakten Masse in Einbezug gewisser Faktoren bei der Mutter der virtuellen Medienereignisse logisch vorraussieht. Gestern war trotzdem alles irgendwie anders. Zumindest in unserer Welt.
 Die Hegemonie musste siegen und das ist vielleicht auch gut so
Foto: ORF/Ali Schafler
 
 
"Wir" und die "Anderen"
  "Unsere Welt" definiert sich ja als Gegensatz zur anderen, grossen, normalen Welt. Natürlich besteht "unsere Welt" aus vielen gegensätzlichen Welten. Und natürlich ist diese, "unsere Welt", nicht wirklich die besserere, klügerere oder ehrlichere Welt. "Unsere Welt" ist schon längst Teil von Zielgruppendefinierung und Kundensegmentierungen in den Managementetagen der anderen Welt. Und dumm wäre es zu glauben, dass die Alternative, ohne dem was sie entgegen steht, überhaupt bestehen könnte.
 
 
 
"Die Mehrheit der Minderheit"
  Auf alle Fälle standen wir (in besagter WG und darüber hinaus) diesmal nicht zynisch ausserhalb, sondern mittendrin. Auch wir hatten die Rechnung gestern, dass die grosse Welt sich auf 9 Mitbewerber verteilt, die Geschlossenheit, aber "unserer", kleinen Welt, vielleicht den Sieg bringen könnte. Wie gesagt, definieren wir uns als die Alternative zum normalen Tagesgeschäft und doch freut man sich über diverse Triumphe der Kleinen in der grossen Welt. Wenn ein ehemaliger Undergroundregisseur, ein Hollywoodbudget und- Publikum bekommt, zum Beispiel, oder wenn irgendein Act von "uns" auch in den normalen Charts hinaufklettert. Natürlich ist auch das alles im Plan, da auch Dissidenz im Grunde nur dem System nützt und das System dies auch immer gut zu nutzen wusste. Aber freuen tut man sich ja doch. Und als "das schönste Ding der Welt" plötzlich tatsächlich viele Punkte bekommen hatte, gab es das schöne artikulierte Gefühl in der WG: "Wir gewinnen ja wirklich!".

 "Irgendwie musste ich gestern an Karl Schranz denken"
 
 
"Das verstehst DU nicht (ätsch)"
  Nach der Sendung wurde dann ausgegangen und ich traf einen Freund, einem Angehörigen, der anderen Welt, trotzdem aber ein sehr netter Mensch. Der meinte: "Aber neu ist das ja nicht". Wir würden ja nur verspätet einem Trend nachlaufen, den die Deutschen ja schon vor Jahren mit der Ensendung von Guildo Horn und Stefan Raab erledigt hätten. "Nein, darum gehts ja nicht", erklärten wir, und "Das verstehst Du nicht, es geht um was ganz anderes". Und dies sagen zu können, ist ja das wahre Privileg "unserer, kleinen Welt". So gesehen ist der 2. Platz, das Beste, was passieren konnte.
 
 
 
Publikumsfrage:
  "Wie definierte sich Euer Wir-Gefühl gestern?"
 
 
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