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Berlin | 27.4.2004 | 13:06 
East of the West. Zwischen Prager Frühling, Steirischem Herbst und Brandenburger Tor.

Gollackner, Marc, Reiser

 
 
Deutsche Küche
  Kulinarisches Berlin Teil II
 
 
 
  Dass im Ausland das Essen im Supermarkt anders aussieht ist klar. Dass es aber im benachbarten Deutschland Produkte im Lebensmittelregal zu finden gibt, von deren Existenz man selbst als fleißiger Kabelfernseh-Benutzer nicht einmal zu träumen wagt, ist eine andere Sache. Zwar nennen wir Kinder und Männer manchmal liebevoll "Bratmaxe" und suchen im Supermarkt verzweifelt nach der Backmischung für russischen Zupfkuchen und Wurst in Mühlenform, doch deshalb anzunehmen, die deutsche Warenvielfalt wäre uns auch nur im Ansatz vertraut, ist ein bedauerlicher Irrtum.

 Bratmaxe
 
 
Brutto
  Vielmehr eröffnet sich dem geneigten Exil-Österreicher beim Betreten des Supermarktes seiner Wahl ein wahres Eldorado an neuen Geschmacksrichtungen. Vor allem die Fraktion "Wurst im Glas" ist sehr häufig und in den unterschiedlichsten Varianten erhältlich. Von rosé bis dunkelbraun und von fein bis (sehr!) grob gibt es hier alles, was das karnivore Herz begehrt. Besonders obskur: die Mecklenburger Landputenklopse. Eine hellgraue Masse, die sich, nach ausführlichem Studieren der Packungsbeilage, als Putenfett zu erkennen gibt, in der sich mittelgrosse, rosafarbene Klumpen tummeln.

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Kurzer Einschub: Die Muse
  Tag für Tag ging ich an ihnen vorüber. Schlich manchmal nah an sie heran. Nahm sie zärtlich in die Hand und studierte mit dem Erstaunen von Schliemann, beim Anblick des sagenumwobenen Trojas, den Inhalt des schlichten Glasbehältnisses. Nie konnte ich einen der Klopse ganz betrachten. Immer wieder hüllten sie sich in das sie umgebende Fett und ließen ihre wahren Ausmaße nur schemenhaft erahnen. Doch jedesmal, wenn ich kurz davor war, meinem Forscherdrang nachzugeben, hielt eine unbestimmte Furcht mich plötzlich zurück und beschämt stellte ich das Glas wieder an seinen Platz. Bis, ja bis eines Tages eine unheimliche Idee von mir Besitz ergriff, die manch einem noch im Rückblick Magenkrämpfe bereitet: German Food Laboratories - die ultimative Testreihe:

 Oh ihr zarten Klopse, wer könnte euch widerstehen...?
 
 
Deutsche Hausmannskost auf dem Prüfstand
  Man nehme: ein Hochsicherheitslabor, 5 Testpersonen, 14 Gerichte und Brian Eno.
 
 
 
Das Labor
  ...natürlich keimfrei...
 
 
 
 
 
Die Ausrüstung
  Kontrastmittelbehälter, Hygiene-Haarnetz, Handschuhe, Laborregeln und Hasebrink Weizenkorn zur Beruhigung des Verdauungstraktes.
 
 
 
 
 
Die Testpersonen
  Altersschnitt: 26,2
Nationalitäten: Österreich, Deutschland, Norwegen.
 
 
 
09:00 PM
Jeannette 'Analytica' Merker (D), Christoph 'Pille' Theußel (A), Hedi 'Il Organisatore' Lusser (A), Georg 'Butcher' Springer (A) und Siren '007' Wilhelmsen (N). (v.l.n.r.)
 
 
Die Kriterien
  Die Gesamtnote setzt sich aus

a.Verpackung (Optik, Originalität und Ehrlichkeit) und

b.Inhalt (Optik, Geruch und Geschmack) zusammen.

Desweiteren wurde getestet, ob das Produkt den Probanden bereits bekannt war, ob sie es kaufen würden und wenn ja, zu welchem Anlass. Der Punkt "Wer dieses Produkt mag könnte auch.....mögen" forderte zum freien Assoziieren auf.

Bewertet wurde nach dem Schulnotensystem von 1-5, wobei 1 die Bestnote und 5 die schlechteste Note darstellt.

 Konzentriertes Ausfüllen des Testbogens...
 
 
Die Testreihe
  Wobei zu erwähnen bleibt, dass die Auswertbarkeit der Testbögen mit fortschreitender Stunde und zunehmendem Hasebrink-Konsum rapide abnahm...
 
 
 
Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Fragebogen...
(Achtung: Der junge Mann versucht hier unauffällig seine Marke zu plazieren...!)
 
 
...wurde als erstes der leckere Brathering serviert...
 
 
Er ist der beste Beweis dafür, das Geschmack und Optik nicht immer causal zusammenhängen müssen. Das, was hier wie Fischabfall aussieht, schmeckt erstaunlicherweise sogar ganz gut....
Trotzdem nur Platz 9 für unseren Freund im Branntweinessigsud.
 
 
Sodann ging es munter weiter mit dem "Delikatess Sülzkotelett aus dem Land zwischen den Meeren" (wo immer das sein soll).
Man beachte den eleganten Reißverschlussaufdruck...
 
 
...sowie die nicht minder ansprechende Rückseite...
 
 
Für soviel Engagement (Schinken in Steakform gepresst, auch als Wandbehang einsetzbar, riecht wie Weihnachten in Norwegen) vergibt die Jury prompt Platz 4. Einziger Kritikpunkt: Der Geschmack!
 
 
Gruppenbild mit Eisbein (Noch ist die Freude groß)...
 
 
Doch von Nahem betrachtet, spottet das Original Thüringer Eisbein jeglicher Beschreibung...
 
 
Die Jury empfiehlt getönte Gläser und vergibt aufgrund von unzumutbarer Optik eine klare 5. Einzig die schlichte Glasform und die durchgreifende Ehrlichkeit der Verpackung können Assoziationen wie "rohes Saurierhirn" ein wenig abfedern. Deshalb: Platz 11.
 
 
Von der sanften Blumenwiese auf der Verpackung leicht irritiert (werden hier Kühe mit besonders zarter Eigenhaut gezüchtet?)...
 
 
...wunderte man sich noch mehr über die Anwendung von fast schon roher Gewalt, die vonnöten ist, um die zarten Saftbockwürste aus ihrem Glas zu befreien...
 
 
Einstimmiges Urteil: viel zu weich und nur mit Senf und Brot genießbar. Trotzdem (vielleicht auch einfach im Vergleich zum Eisbein): Platz 6.
 
 
Wird das Putenfett siegen?
  Wie schneiden die "Mecklenburger Landputenklopse" ab? Was können "Brockentröpfchen"? Und hält die "Über Rübe" wirklich, was sie verspricht?
Zum Endspurt der Testreihe geht's [hier].
 
 
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