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Berlin | 30.9.2002 | 12:42 
East of the West. Zwischen Prager Frühling, Steirischem Herbst und Brandenburger Tor.

Gollackner, Marc, Reiser

 
 
Ljubljana
  Einige Wochen ist es nun schon her, dass ich mich entschloss, die Hauptstadt unseres Nachbarlandes, das man (vor allem als Bewohner der grünen Mark) herkömmlicherweise nur zum Tanken, Zigaretten kaufen oder als Autobahn Richtung Kroatien nutzt, zu besuchen. Lockte doch die Einladung einer slowenischen Freundin und auch die Fahrzeit von 4 Stunden klang erträglich, wenn nicht sogar genau richtig für einen Wochenendausflug.
 
 
  Dass dann doch nichts so nah ist, wie es auf der Karte vielleicht aussieht, merkte ich spätestens, als der Zug 10 Minuten, nachdem er den Grazer Hauptbahnhof verlassen hat, auch schon wieder stehen blieb. 'Bitte alle aussteigen. Die Schienenersatzverkehrbusse warten auf dem Bahnhofsvorplatz', hallt es nicht besonders vertrauenserweckend durch die bereits menschenleeren Waggons. Alle ortskundigen Pendler drängen sich bereits auf den Stiegen, um die besten Plätze im Postbus zu ergattern. Also wieder hinaus. Über die Gleise hechten - der Menschenmasse den Weg abschneiden und die zwei vordersten Sitzplätzte erkämpfen. Unser Busfahrer kann uns zwar nicht sagen, wie weit die Strecke gesperrt ist, sieht aber immerhin aus wie Reno Raines - eine kleine Entschädigung. Eine Stunde später und einige Eindrücke von Einkaufszentren in der Südsteiermark reicher, kommen wir endlich in Spielfeld an. Dort erwartet uns in einem kleinen Bahnhof ein dicker Mann, der lässig im Türrahmen lehnt und den Vorbeieilenden in einem Tonfall zwischen Resignation und einem letzten Rest an Wachsamkeit 'Mehrwertsteuer, Mehrwertsteuer...' zuruft. Keiner bleibt stehen. Also schleichen auch wir uns vorbei. Nicht ganz sicher, ob wir nicht gerade ein steuerliches Verbrechen begehen.

 
 
  Ljubljana lässt sich vielleicht am besten anhand der Gegensätze beschreiben. Zum einen Hort der Meisterwerke des slowenischen Nationalarchitekten Joze Plecnik, der, wie es mir scheint, so ziemlich jede Brücke der Stadt gestalten durfte. Zum anderen Standort eines ganzen Areals an besetzten Häusern - 'Metelkova Mesto'. Auf dem Gelände einer ehemaligen Militärkaserne der jugoslawischen Volksarmee befinden sich heute unabhängige Kulturvereine und Künstler-Werkstätten.

 
 
  Bei unserer Ankunft dort bewahrheitet sich leider die Prophezeiung eines Freundes, der mich noch vor meiner Abreise davor warnte, dass Ljubljana im Sommer ziemlich ausgestorben sei. Das einzige Gebäude, in dem an diesem Abend etwas los zu sein schien, war eine kleine Bar. Zielstrebig darauf zusteuernd, fanden wir uns wenig später auf sehr schicken, an die Wand geschraubten Autositzen wieder. Der Raum war klein und gemütlich, jedoch leider immer noch keine Spur vom pulsierenden Künstlerleben. Als einzige Gäste, mit einem DJ, der eine experimentelle Freejazz Platte nach der anderen in ohrenbetäubender Lautstärke auf den Plattenteller warf, nuckelten wir leicht betrübt an unseren Cola Flaschen. Halt. Falsch. Cockta Flaschen. Das slowenische Pendant zum amerikanischen Softdrink-Hersteller wirbt mit seinem einzigartigen Geschmack aus Hagbuttenextrakt. Wirklich begeisternd ist jedoch weniger der Geschmack, sondern viel mehr das Verpackungsdesign.

 
 
  Besonders stark auch der Gegensatz zwischen gemütlicher Innenstadt, wo ich besonders die charmanten Cafés Macek und Nostalgija empfehlen kann, und dem modernen Kongresszentrum 'Cankarjev Dom'. Dort wird zwar leider gerade umgebaut, aber wenn man sich trotzdem ins Untergeschoss schleicht, glaubt man sich plötzlich in einen Stanley Kubrick Film versetzt oder mindestens in den Palast der Republik der ehemaligen DDR - wer das Vergnügen einmal hatte: eine gänzlich ursprünglich anmutende Atmosphäre im Stil der Fünfziger Jahre. Natürlich realsozialistisch. Eine ausgewogene Mischung aus ledernen Wandsofas und einem imposanten Beleuchtungsapparat, optional in Chrom oder Plastik. Eines ist klar, die Betreiber sogenannter Szene-Bars würden für so eine Einrichtung sterben... aber, da ja gerade umgebaut wird, besteht wenig Hoffnung, dass das so bleibt, denn auch in Slowenien kann man dieses charmante Ambiente fast nur noch in Bars und Cafes bewundern. Wie zum Beispiel in der 'Tru Bar', einer Mischung aus Porno, Kitsch und Retro - sehr angesagt unter den jungen Reichen der Stadt und merklich teurer als andere nettere Lokale in Ljubljana.

 
 
  Wirklich Ursprüngliches kann man dann doch noch erleben, wenn man zum Beispiel am Wochenende die Festung über der Stadt erklimmt. Dort bietet sich vor allem im Sommer ein illustres Bild aus unzähligen Hochzeitsgesellschaften, inklusive Hehrscharen an Fotografen. Und da jeder mit dem Auto hinauffährt, hat der Parkwächter alle Hände voll zutun. Ein kleines bisschen Chaos, was - wenn man will - ein wenig vom Balkan ankündigt.

Nach dem abschließenden Hochgenuss der weltberühmten Bleder Cremeschnitten geht's zurück nach Hause, was letztenendes gar nicht so weit entfernt ist.
 
 
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