Mal "einfach so" durch einen Musikkonserven feil bietenden Laden zu schlendern und sich das eine oder andere Album anzuhören, mutet in Zeiten von Download, Online-Shopping und sonstigem Digiblah schon beinah so nostalgisch an wie eine analoge Aufnahme. Von mir aus schimpfe man mich ein Fossil, aber in meinen Methoden des Albumkaufs bin ich in etwa so unverbesserlich, wie am Festhalten der Tatsache, ein Album in seiner Gesamtheit auch als solches wahr zu nehmen und zu hören.
Da flattern die Schmetterlinge
So geschah es denn auch kürzlich, dass mich während meiner Schlenderei durch die so genannte "Hard & Heavy" Abteilung (auch hierbei bin ich unverbesserlich) aus dem Fach "H Div." ein recht bunt und eigentlich sehr lieblich anmutendes Albumcover quasi anlächelte. Albumcover lächeln selbstverständlich eher selten, ja eigentlich gar nicht. Ich schon, und zwar 15 Minuten später sehr zufrieden nach einem relativ flotten Hördurchgang mit Harmfuls neuem Album "Sis Masis" in Händen an der Kassa stehend. Man kann sagen, dass es mich auf Anhieb gepackt hat. Wäre "Sis Masis" eine Frau, hätte ich mich offensichtlich auf den ersten Blick in sie verliebt.
Harmfuls Rock-Trio-Mischkulanz klingt so simpel wie sie gut ist. Schwerst treibender und böse bröselnder Bass trifft auf sich allzu viel Firlefanz ersparende, dafür um so massiv groovendere Schlagzeugrhythmik. Die teils Hardcore-Stakkato artigen, dann wieder einfach drauflos schrammelnden Gitarrenriffs und die über allen Dingen stehende Stimme von Aren Emirze tun ihr übriges. Chuck Palahniuk würde möglicherweise sagen: "Cool ist sicher das falsche Wort, aber das einzige, was mir dazu einfällt." Recht hätte er, der Herr Palahniuk, denn nach einem 20 Sekunden andauernden Intro namens "Sis" geht bei "Art Of Rebellion" nach ziemlich genau zehn Sekunden eine metallisch glänzende Noise-Pop Sonne auf, die so gleißend hell erstrahlt wie das eingangs erwähnte bunte Cover.
Gleißend hell
Diese Sonne gedenkt für die folgenden 39 Minuten nicht mehr unterzugehen, was auf dem Gipfel eines über 5000 Meter hohen Bergs ebenso wenig verwundert wie bei diesem Album, das zu Recht nach einem armenischen Bergmassiv benannt ist. In diesen 39 Minuten können Sie wahlweise Headbangen, mit dem Kopf nicken, auf der Couch liegend mit den Zehen mitwippen oder auch alles gleichzeitig machen. Harmful schaffen es, einem mit "Sis Masis" einen Gänsehautschauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen, den man nur von Alben aus der Abteilung "Offenbarung" kennt. Jede Nummer animiert den Zeigefinger in Richtung Back-Taste, um sie gleich noch einmal zu hören. Die ersten Takte der darauf folgenden verhindern dies. Was will man mehr?
Keine Angst vor großen Namen
Unter den Vorbildern Harmfuls finden sich große Namen wie Prong, Helmet, Black Sabbath oder die Queens of the Stone Age. Mitunter meint man schon mal die eine oder andere Reminiszenz zu finden, was völlig legitim ist. Harmful verkrampfen sich überhaupt nicht beim Versuch, ihre Einflüsse zu vermeiden und verkommen dabei in keinster Weise zu einem Plagiat, sondern agieren äußerst eigenständig und locker auf 14 Songperlen, von denen sich jede nach dem ersten Hören regelrecht ins Ohr brennt.
Harmful haben sich mit ihrem sechsten Album - beinah schon heimlich - zu einer Band entwickelt, die, wenn sie so weiter macht, noch größer wird als jener Berg in Armenien, nach dem das Album benannt ist. Es scheint, als hätten sie nach dem ewigen Labelhickhack nun endlich bei Nois-O-Lution eine würdige Heimat gefunden und Produzent Kurt Ebelhäuser von Blackmail hat eine ganz hervorragende Arbeit geleistet. Damit hat er etwas geschafft, was einem Produzentenkaliber wie Dave Sardy - immerhin bekannt für seine Zusammenarbeit mit den Red Hot Chilli Peppers, Helmet und Slayer - mit Harmfuls Album "Counterbalance" nicht so recht gelingen wollte.
Von Dauer
Mit solch einer musikalischen Liebe auf den ersten Blick kann es einem natürlich ebenso ergehen wie mit der "echten" auch, denn manchmal entpuppt sich das Objekt der Begierde einfach als hohle Nuss. Im Falle von "Sis Masis" bin ich zuversichtlich, dass wir sehr lange zusammen bleiben werden.