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Wien | 27.3.2008 | 10:04 
Snap your fingers, snap your neck.

Fuchs, Gerlinde, HansWu

 
 
Fünf für die A-, fünf für die B-Seite
  Tom Barman soll in Interviews angeblich launisch sein. Offen gesagt glaube ich mittlerweile, dass das ein Gerücht ist, denn Gerald Heidegger von orf.at und ich waren ebenso angenehm überrascht wie Ende 2005 Susi Ondrusova und Andreas Gstettner, als der Chef der belgischen Band dEUS uns höflich begrüßte, um anschließend blendend gelaunt unter anderem über die Antwerpener Szene, Mintzkov Sängerin Lies Lorquet, Einflüsse von Tool und selbstverständlich über den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit in Wien zu erzählen, nämlich dem demnächst erscheinenden neuen Album...
 
 
 
Vantage Point
  Für dEUS-Verhältnisse ist das neue Album, "Vantage Point", vergleichsweise "rasch" entstanden. Nur drei Jahre Pause im Vergleich zu den sechs Jahren, die zwischen "Ideal Crash" und "Pocket Revolution" lagen. Wieso ging das diesmal schneller?

Tom Barman: Tatsächlich waren es sogar nur zweieinhalb Jahre. Aber wir wollen noch schneller arbeiten. Die lange Pause vor "Pocket Revolution" hatte viele Gründe: Nachdem Craig (Ward) die Band verlassen hat, wollten wir nicht sofort nach einem neuen Gitarristen suchen. Eigentlich wollte ich eine Auszeit nehmen, dann kam aber der Film "Anyway the Wind Blows". Anstatt eines Kurzfilmes ist es ein ganzer Spielfilm geworden. Dann hatten wir einen schlechten Start, mit all den Problemen, die es beim Einspielen von "Pocket Revolution" gab. Leute haben die Band verlassen, sind wieder gekommen. Das hat ganz schön viel Zeit in Anspruch genommen. Zuletzt waren wir viel unterwegs, wir haben 150 Shows mit "Pocket" gespielt und schon am Tag nach der Tour haben wir mit dem Song-Schreiben für das neue Album begonnen. Wir haben uns unser eigenes Studio gebaut, mit der Absicht, dass wir in Zukunft strategischer auf Tour gehen, also dass wir nicht mehr einmal am Stück länger weg sind, sondern immer wieder dazwischen ins Studio gehen können. Das nächste dEUS-Album soll deshalb schon Ende nächsten Jahres erscheinen.

dEUS - Vantage Point
 
 
Dieses Setup muss zusammen bleiben
  War die letzte Tour so etwas wie eine Nagelprobe, ob das jetzige Setup für mehr als nur ein Album und eine Tour hält?

Tom Barman: Ja, hoffentlich. Die Atmosphäre ist sehr gut, jeder von uns scheint die Situation in der Band zu genießen und deshalb möchte ich alles tun, um dieses Setup beisammen zu halten.


Beim letzten Album sind Sie mit festen Song-Ideen ins Studio gegangen und jeder Song hat sich im Lauf der Studio-Arbeit zu einem kleinen Monster ausgewachsen. Diesmal sind die Stücke sehr kompakt, jeder Song klingt für sich sehr abgeschlossen und komplett. Was hat sich da geändert?

Tom Barman: Wir haben diesmal mit Dave McCracken, einem englischen Produzenten zusammengearbeitet. Die Engländer sind einfach sehr Song-orientiert. Als wir mit Eric Feldman, der mit den Pixies und Captain Beefhart gearbeitet hatte, im Studio waren, war das anders, das war ein Produzent aus einer total künstlerischen, wilden Ecke. Bei "Ideal Crash" war mit David Botrill ein Produzent da, der mehr die Aufgabe eines Band-Psychiaters hatte, der ständig schauen musste, dass sich nicht alle die Köpfe einschlagen. Mit Dave McCracken war das anders, der hat diese Liebe zum Pop-Song. Und deshalb sind die Songs wohl so kompakt geworden. David hat klare Anweisungen gegeben, das sei zu stark, das lieber weg - und wir sagten: Wer zum Teufel bist du? Um am Ende fest zu stellen: Ja, er hat Recht. Es ist immer eine Art Glücksspiel mit einem Produzenten zu arbeiten, weil er dir das ganze Ding natürlich auch aus der Hand reißen kann. Er kann dein Ding töten, ohne dass du es merkst. Aber in diesem Fall ist es sehr gut gelaufen. Wir wollten etwas Kompaktes haben, das man live gerne spielt. Wir wollten etwas haben, das dir direkt ins Gesicht fährt. Eigentlich ist "Vantage Point" das Album, das "Pocket Revolution" hätte werden sollen.

dEUS
 
 
Alles war schwierig an Pocket Revolution
  Bei "Pocket Revolution" hatte man ja eher das Gefühl, dass jeder Song ein Album für sich ist.

Tom Barman: "Pocket Revolution" war letztlich ein nach innen gerichtetes Album. Es war von dem Gefühl geprägt, dass man sich von der Welt abkapselt, sich einschließt und dauernd mit sich selbst beschäftigt. Alles war schwierig an diesem Album. Es ist insofern sicher nicht das kohärenteste, aber von der Entwicklung betrachtet wahrscheinlich das wichtigste Album. "Vantage Point" hingegen wurde in einer viel spielerischen, energetischeren Umgebung hergestellt.
 
 
 
Elektronik Vibe
  Das Album hat einen sehr elektronischen Puls in Ergänzung zu den klassischen Songwriting-Qualitäten, die man von der Band kennt.

Tom Barman: Das ist eigenartig. Denn nur bei einem Song ist ein Synthesizer dabei. Wir haben alles live eingespielt, ohne Computer-Nachbearbeitung - bis auf "The Architect". Aber es ist nicht das erste Mal, dass man mich auf den Elektronik-Vibe des Albums anspricht. Wahrscheinlich ist das auch der Einfluss von Dave McCracken. Er kommt, etwa durch seine Arbeit mit Depeche Mode, von dieser electro-sequenzgenerierten Musik.

Tom Barman
 
 
Der Synkopen und Brüche müde
  Als dEUS das erste Mal in Wien spielten, war das Konzert ja eine kleine Orgie von Brüchen, Synkopen und ähnlichen Elementen.

Tom Barman: Ja, aber das hat uns mit der Zeit wirklich gelangweilt. Zur Zeit von "Worst Case Scenario" haben wir wirklich einige schlechte Shows gespielt, weil wir dauernd improvisieren mussten. Das hatte damals schon seinen Charme, wir haben ja auch gute Sachen gemacht. Aber irgendwann hat man es einfach satt. "Ideal Crash" bedeutete schon die Abkehr von dieser freien Art von Musik. Jetzt hatten wir 150 Shows in den Beinen, sind ins Studio gegangen und haben die Sachen einfach auf den Punkt gebracht. McCracken hat uns dabei ständig angespornt. Er war fassungslos, eine Band zu erleben, in der alle derart dicht aneinander sind.
 
 
 
10.000 Days
  Wird dEUS live bei dieser kompakten Struktur bleiben oder werden die Songs dann, wie gewohnt länger?

Tom Barman: Nein, nein, die sind schon jetzt alle um zwei Minuten länger.... Don't worry. "Is a Robot" ist in der Live-Version schon sehr Progrock-artig und das passt in dem Fall natürlich auch zum Thema.

In der Mitte geht "Is A Robot" ja noch mal ziemlich nach vorne...

Tom Barman: ...ja, das ist die Wirkung von der letzten Tour. Jede Nacht, bevor wir auf die Bühne gegangen sind haben wir Tool aufgelegt...

...Tool?!

Tom Barman: Ja, wir hörten immer wieder "10.000 Days", bevor wir auf die Bühne gingen. Das musste sich irgendwie festsetzen. Tool sind einfach großartig.
 
 
 
Slow, der Schlüsselsong
  Auf der dEUS-Website debattieren Fans schon über die Bedeutung des Begriffs "Vantage Point", der ja im Song "Slow" vorkommt und auch darüber, ob die Zeile "If you can slow up, I can slow up too..." positiv oder negativ gemeint ist.

Tom Barman: Ich habe einen Artikel eines niederländischen Soziologen gelesen, der sagte, wenn dir klar ist, was in der Welt abläuft und du einen gewissen Grad an Intelligenz besitzt, dann entwickelst du mit dem Alter ein gesundes Maß an Distanz zu den Dingen - das nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist. Ich fand das erstaunlich, denn ich bin das totale Gegenteil, ich muss immer sofort reagieren. Das macht mich manchmal ganz schön fertig. Eigentlich ist "Vantage Point" ein Song über unseren Gitarristen Mauro (Pawlowsky). Ich bewundere die Art, wie gewisse Dinge einfach an ihm vorübergehen. Wenn ich sehe, dass ein Glas von einem Tisch fällt, würde ich mich darauf stürzen, nur um das Glas aufzufangen. Ein anderer, wie eben Mauro, schaut dem Glas beim Runterfallen zu und denkt sich: "Oh... Shit". Eigentlich geht es in dem Song darum, eine stoischere Einstellung, ein bestimmtes Maß an Distanz, zu entwickeln. "Slow up" ist natürlich ein Wortspiel. Außerdem ist es auch der Name der Plattenfirma unseres ersten Produzenten.

Tom Barman
 
 
  Ist das also Ihr "vantage point"?

Tom Barman: Ja, es ist in gewisser Weise eine Frage, wie man Dinge betrachtet, wie man Sachen sieht. Man kann Songs darüber schreiben, wie man ist, wie andere Leute sind. Man kann auch Songs über Kaffeemaschinen schreiben. Und man kann natürlich darüber schreiben, was man gerne versuchen oder erreichen würde. Für uns als Band ist der Song insgesamt sehr wichtig, weil der erst am Ende entstanden ist und wir ihn zusammen geschrieben haben. Es macht einen Unterschied, auch beim Singen, wenn der Song beim Jammen entstanden ist. Insofern ist "Slow" ein Schlüsselsong, weil man nach bestimmten Regeln gemeinsam spielt und dann so ein dauerhaft haltender Song entsteht. Noch dazu singen wir zum ersten Mal alle zusammen in einem Song.
 
 
 
Lies Lorquet
  Der Song "Eternal Woman" ist zusammen mit Lies Lorquet von Mintzkov entstanden.

Tom Barman: Ja, sie war schon bei "Pocket Revolution" dabei. Ich habe über Jahre hinweg nach ihr gesucht. Bei uns wollen alle wie Beyoncé singen - nichts gegen eine Beyoncé, aber ich habe nach einer klaren, schönen Stimme gesucht, im Stil der 90er Jahre, so wie bei Juliana Hatfield oder Kim Deal von den Pixies. Lies Lorquet hat sie und ab jetzt wird sie bei jedem Album dabei sein. Sie ist einfach nett und straight forward und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Wir lieben sie alle.

Lies Lourquet
 
 
Neue Generation
  Hat dEUS eine Art typischen Sound geschaffen, den nun die nächste Generation in Flandern, wie etwa Mintzkov, weiter trägt?

Tom Barman: Ach schön, ich wusste gar nicht, dass man Mintzkov in Österreich kennt. Ich glaube, dass da gerade eine ganz neue Generation entsteht. Einige von ihnen sind mehr Dance-orientiert, wie etwa Goose. Weil immer wieder nach dem Antwerpen-Faktor gefragt wird: Die Leute rufen immer gern bestimmte Szenen aus. Ich glaube eher, dass die Leute zusammen arbeiten, weil das Land so klein ist. Obwohl das in Belgien schon anders ist als in Holland, wo jeder mehr für sich selbst hinwerkt. Also ist es vielleicht doch eine belgische Sache sein. Es gibt natürlich auch Bandleader, die sehr eifersüchtig sind, wenn Leute in anderen Bands spielen. Ich muss sagen, ich liebe das, so lange klar ist, dass dEUS für sie das wichtigste ist. Wenn wir nicht gerade an einem Album oder einer Tour arbeiten, dann soll klarerweise jeder noch bei seinen anderen Herzensprojekten arbeiten.
 
 
 
Keine Verbote für andere Projekte
  Also kann Mauro Pawlowsky weiter an den Love Substitutes arbeiten?

Tom Barman: Ja klar. Er macht das ja gerade im Moment, nachdem ja ich die ganze Promo-Arbeit mache. Er hat die Zeit. Und ich würde ihn niemals stoppen.


Möglicherweise kommt der Eindruck einer "Antwerpener Szene" auch deshalb zu Stande, weil bestimmte Leute immer wieder auftauchen. Etwa Rudy Trouvé, der im Video zu "Ideal Crash" als Polizist auftritt.

Tom Barman: Ich bin da recht loyal. Rudy Trouvé etwa ist ein großartiger Künstler. Leute wie Rudy waren für mich sehr wichtig. Als ich mit dEUS angefangen habe, war ich recht jung, Rudy war schon 30 und hatte alle Informationen, die er mit in die Songs brachte. Er war schon ziemlich wichtig. Es wäre lustig, wieder zusammen zu arbeiten, obwohl er es vielleicht weniger als Spaß empfinden würde, mit mir zu arbeiten.

Tom Barman
 
 
Die Ordnung der Songs
  dEUS hat recht früh auf einer DVD mit zusätzlichem, nicht veröffentlichtem Multimediamaterial gespielt. Denken Sie daran ähnlich wie Trent Reznor oder Radiohead Alben im Internet zu veröffentlichen?

Tom Barman: Ich bin nicht so technologieorientiert. Ich verfolge diese Dinge, das heißt, ich lese über sie. Leute fragen mich oft, was sich in den letzten 15 Jahren verändert hat. Es hat sich gar nicht soviel geändert. Wir machen immer noch Alben, promoten sie, spielen diese live. Nur auf Seiten der Plattenfirma weiß man halt nicht mehr, ob die Person, mit der man im derzeit zu tun hat, noch in zwei Wochen da sitzt. Wir haben nie besonders viel Geld mit Plattenverkäufen verdient, denn das, was wir reingekommen ist, haben wir meist wieder in die Musik gesteckt. Es wird immer und überall gute Musik gemacht, Leute gehen mehr denn je auf Konzerte. Das einzige, was ich bedaure ist, dass das Album als Format verschwindet. Dass junge Menschen das Gefühl nicht mehr kennen, mit einem Album unter dem Arm nach Hause zu gehen, in die Wohnung zu kommen, die Mutter zu ignorieren, weil man direkt in sein Zimmer muss um die A- und dann die B-Seite zu hören - dann ist das ihr Verlust. Ich verteidige einfach das Konzept des Albums. Immerhin geht es ja auch um Dinge wie die Ordnung der Songs, was Gegenstand ständigen Streits in der Band ist.

Dann ist es doch noch das Beste Vinyl zu verwenden.

Tom Barman: Ja, in der Tat. Deshalb machen wir zehn Songs. Fünf für die A-, fünf für die B-Seite.
 
 
 
dEUS live!
  dEUS sind live zu sehen im Rahmen des LinzFests auf der FM4 Bühne im Donaupark am Samstag 10.05.2008. Weiters mit dabei auf der FM4 Bühne sind Gustav, Jennifer Rostock und Nneka. Der Eintritt ist frei!
 
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