Hundemüde waren wir alle, als wir am Samstag gegen 11 Uhr am Festivalgelände des Southside ankamen. Wir hätten ja schon früher da sein sollen, aber der Körper braucht nach zehnstündiger Autofahrt und nächtlicher Ankunft um halb vier nun mal seinen Schlaf und so haben wir eben alle zusammen schlicht und ergreifend verpennt. Tja, soll vorkommen, war aber nicht weiter schlimm, denn das mitgebrachte FM4 Transparent fand trotzdem seinen Platz und die supernetten Kollegen vom deutschen Radiosender SWR 3 haben uns einen Arbeitsplatz in ihrem Container frei gehalten.
Ich soll mit zu Max Cavalera? Oh Gott!
Als die ersten technischen Fragen geklärt waren und Claudia Unterweger (Connected) sich auf ihr Interview mit Soulfly vorbereitete, kam die Idee auf, dass ich als Metal-Host da doch gleich mit solle, schließlich wäre ich in Sachen Sepultura und Soulfly ja bestimmt nicht unbewandert. Nun ja, Fan trifft es auf alle Fälle. Dagegen sprach eigentlich nur, dass mir bei dem Gedanken an ein Gespräch mit Max Cavalera (ja genau, DEM Max Cavalera) das Herz und sonstiges quasi in die Hose zu rutschen drohte. Ist halt so, aber entgehen lassen wollte ich mir die Gelegenheit natürlich auch wieder nicht und nach kurzem Brainstorming mit Claudia, was wir Herrn Cavalera fragen würden, war der Termin für das Interview auch schon da. Allerdings weder der zu befragende Herr noch sonst irgendwer, der halbwegs nach Soulfly aussah. Ja was für ein Stück Glück, dass sich der erste nach der Band befragte Herr als deren Tourmanager herausstellte und uns auch gleich zum Tourbus brachte.
The Soulfly-Tribe on Tour
Da saß er uns nun gegenüber, Max Cavalera, Frontman von Soulfly, der früher bei Sepultura lautstark gegrunzt und die Gitarre mit seinem "4 Chords Guitarplaying" (Zitat Cavalera) bearbeitet hat. Die Temperaturen im Tourbus ließen jede Sauna alt aussehen, was mir wegen meiner Nervosität aber herzlichst egal war. Nervös hätte ich nicht sein müssen, denn Max Cavalera ist die Freundlichkeit in Person, bot uns eiskaltes Coke an und beantwortete Claudia und mir geduldig eine halbe Stunde lang unsere Fragen. Für ihn gebe es während einer Tour keine Unterbrechung seines Familienlebens, erzählte er uns. Neben seiner Frau (und Managerin) hat er auch noch alle Kinder, die Eltern seiner Frau und ein paar Freunde mit auf Tour genommen. "We're a family like band" und er mache das immer so. Während des ganzen Interviews tüftelte er so nebenbei an der Songauswahl für den Auftritt ein paar Stunden später, womit er sowieso viel früher dran wäre als mit den sonst üblichen fünf Minuten vor dem Gig. Der "Soundguy" hier wolle das eben so. Von Soundchecks halte er sowieso nichts, denn wenn der gut wird, "the show is a crap". Sowieso klar, dass der Sieg von Brasilien über England am Vortag von ihm entsprechend gefeiert wurde. "I had to, because a lot of people from England gave me shit. Brazil had to do the thing. Brazil had to win." Was Max Cavalera zu seinem kürzlich erschienenen Album "3" zu sagen hatte, erscheint in den nächsten Tagen in meinem Bericht über dieses Album.
Max Size
Nach diesem für mich persönlichen Highlight jetzt mal zu den musikalischen. Der Soundcheck von Soulfly muss unglaublich schlecht gewesen sein, denn was Max Cavalera & Co hier ablieferten, löste bei den Anwesenden vor der Bühne Headbanganfälle und Hüpforgien aus, die ihresgleichen suchten. So gehört sich das und genau so soll das bei einem Konzert von Soulfly gefälligst auch sein. Zwei Tage später hatte ich immer noch Nackenschmerzen und meine Brille hat es auch überlebt. Nebenbei bemerkt, Soulfly spielen am 27. Juni in Wien im Planet Music. Wer's versäumt ist selbst schuld.
Soulfly, der härteste Act des Southside 2002.
Und so schaut das aus, wenn Soulfly loslegen. Glückliche Menschen beim kollektiven Auszucken.
Queens of the Stone Age mit wuchtigster Trommelunterstützung
Die Queens of the Stone Age geigten erwartungsgemäß perfekt auf und Dave Grohl (Foo Fighters, früher Nirvana) machte seinem Ruf als Spitzendrummer alle Ehre. So wie der in die Felle haut verwundert es, dass das Schlagzeug den Mann jeden Abend überlebt. Josh Homme wirkte nicht ganz so zugekifft wie sonst und der durchgeknallte (zumindest tut er immer so) Nick Oliveri sprang mitsamt seinem Bass gleich in den Graben. Im August gibt es endlich das neue Album "Songs for the Deaf" und wenn es insgesamt so gut ist, wie die beim Southside zu Gehör gebrachten Stücke, darf man sich auf ein Spitzenalbum freuen.
Dave Grohl und Josh Homme schwerst am werkeln.
Glatte Chilli Peppers
Nachdem die Ärzte mit ihrem üblichen "Wir sind die beste Band der Welt" und sonstigem Bla Bla fertig waren, warteten alle gespannt auf die Red Hot Chilli Peppers. Nun ja, ich mag die Band an sich recht gerne und die Show war ziemlich perfekt, aber irgendwie eben zu glatt und heruntergespult. Viele waren begeistert, viele andere überhaupt nicht. Im Publikum wurde es auch noch recht stressig, weil offensichtlich alle unbedingt den ach so hübschen Sänger sehen wollten. Mühsam und eher enttäuschend die ganze Sache. Interviews gaben sie auch keine, weil man ist ja jetzt Superstar.
Sympatische Dover, verzweifelte Sportfreunde
Für mich die Überraschung des zweiten Tages waren Dover aus Spanien. Eine absolute Live-Band, die durch ihren Auftritt ganz sicher eine Menge Fans gewonnen haben. Unter anderem mich, denn deren Album hatte mich bisher nicht so sehr überzeugt. Die Sportfreunde Stiller mussten sich in der ersten Hälfte ihres Sets mit technischen Problemen herumplagen. Ohne Gitarre ist es doch ein wenig fad, aber sie nahmen es mit Humor und machten das beste daraus.
Dover hatten sichtlich Spaß und dem Drummer war so heiß, dass er sich splitternackt auszog.
Intrumente zerstören, cool
Die Herren von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead spielten erwartungsgemäß kernig auf. Auch die Erwartungshaltung nach dem Zerstören der Instrumente wurde erfüllt. Na sehr arg. Noch nie gesehen. Ja wenn die meinen. Sind eine klasse Band und haben solchen Schmarren echt nicht notwendig, aber bitte.
Zum Glück nicht so gespielt wie sie aussehen
Hätten die Breeders so gespielt, wie die Deal Schwestern jetzt aussehen, wäre das ein desaströses Konzert geworden. Kim Deal war schon ein wenig traurig anzuschauen, als sie aber den ersten Ton spielten bestand kein Zweifel, die Damen haben den Rock noch drauf. So zugekifft und besoffen können die wohl gar nicht sein. Letzteres dürfte auf Kim Deal bei der Menge an Bier, die sie während dem Konzert vernichtet hat, am Schluss durchaus zugetroffen haben. Hoffentlich fängt sich die Frau wieder mal. Die angespielte Coverversion von AC/DCs "Highway to Hell" war auch nicht von schlechten Eltern. Schade, dass sie den Song nicht zu Ende gespielt haben, aber der Gitarrist verweigerte den Gesang.
Frau Deal hat zwar schon mal weniger fertig ausgesehen, der Auftritt der Breeders war aber einer der besten des Southside.
New Order, der krönende Abschluss
An sich habe ich mir von der letzten Band New Order erwartet, dass sie sich angezipft hinstellen und ihr aktuelles Album "Get Ready" herunterspulen würden. Weit gefehlt, denn davon gab es gerade mal "Crystal" und "60 M.P.H.". Peter Hook ist immer noch der beste E-Bass Poser der Welt und Bernard Sumner nahm sich dann selber mit seinem Herumgehüpfe Marke "Tanzbär auf LSD" selbst großartigst auf die Schaufel. Aber dann wurde es ernst. Es gab "Ceremony", einen der letzten Songs von Joy Division und die allererste New Order Single. Ich war überrascht. Die werden doch nicht etwa... und dann verkündete Bernard Sumner: "This is an old song, this is Transmission". Mein Herz blieb stehen. Die spielten glatt einen "richtigen" Joy Division Song. Ich konnte es nicht glauben. Was war da los? Was kommt da noch? Es blieb nicht nur bei dem einen. Nach "She's Lost Control" (ich dann auch), "Digital" und "Love Will Tear Us Apart" kündigte Herr Sumner sein von ihm komponiertes Lieblingsstück an: "This is another song from Joy Division, this is Atmosphere. We're not Joy Division." Jetzt war's bei mir ganz vorbei. Vor lauter Gänsehaut muss ich ausgesehen haben wie ein gerupftes Huhn und ich gestehe, dass ich leicht glasige Augen bekam. Wer dieses Lied nur ein einziges Mal gehört hat, wird das verstehen. Als allerletzte Zugabe dann noch der New Order Hit "Blue Monday", der aber zum Großteil aus der Konserve kam. Macht nichts, den kann man sowieso nicht wirklich live spielen.
Ein abschließendes "Danke" an...
...Claudia Unterweger für die Verhinderung meines Nervenzusammenbruchs vor meiner Begegnung mit Max Cavalera.
...Mathiaz für die lässigen Fotos.
...die deutsche Autobahn, die zur Abwechslung mal ohne Stau ausgekommen ist.
...New Order, weil ich fast Joy Division live gesehen habe.