Bist du normal oder anders? Nein, ich bin dazwischen.
Das hört man gar nicht gern in einer Gesellschaft, in der Mann dort aufhört, wo Frau anfängt und in der arme Weltregionen als Entwicklungsländer bezeichnet werden. Was wirst du, wenn du einmal groß bist? Ein Industrieland!
Tintenfischalarm
Alex ist intersexuell, soll heißen er wurde mit Merkmalen beider Geschlechter geboren. Im Alter von sechs Jahren wird ihm der Penis amputiert, mit zehn werden ihm seine Hoden entfernt. Eine Scheidenplastik soll das Dazwischen eliminieren. In einem kleinen oberösterreichischen Dorf als Mädchen erzogen, schlittert Alex während der Pubertät in eine schwere Identitätskrise. Mittlerweile lebt er als gefühlter Mann in Wien.
Elisabeth Scharang nahm 2002 im Jugendzimmer einen Anruf von Alex entgegen, wenig später lud sie ihn zu sich in die Sendung ein. Zwischen den beiden entwickelte sich eine intensive Beziehung. Schon damals entstand die Idee zu einem gemeinsamen Filmprojekt, fast vier Jahre wird die Produktion von "Tintenfischalarm" dauern. Entstanden ist ein Porträtfilm, der über sich selbst hinaus weist und -wächst.
Elisabeth Scharang und Alex in "Tintenfischalarm"
Private Chronik
Vielfach befindet sich Alex allein mit der Kamera im Raum. Mal hier, mal dort, aber immer in Zwiesprache mit einem noch unsichtbaren Publikum. Immer, wenn ihm danach ist, erzählt er aus seinem Leben; zuerst noch zögerlich, doch nach einiger Zeit zeichnet der Apparat auch Intimes auf. Dieses Videotagebuch ist die Wirbelsäule von Scharangs Film, die zuweilen unangenehm private Chronik eines Grautons in unserer schwarz/weißen Welt.
"Tintenfischalarm" ist aber auch Ergebnis und zugleich Verlängerung der Zwiegespräche zwischen zwei Menschen. Oft sitzt die Regisseurin mit im Bildausschnitt, redet mit Alex und wird selbst zum Objekt des Interesses. Dafür wird sie und wurde sie schon kritisiert, solch Involvierung wird nicht goutiert. Letztlich ist ihre Präsenz jedoch nicht selbstherrlich sondern selbstlos, da sie sich aus ihrer Machtposition heraus löst und betrachten lässt. Diese Gespräche sind die Seele des Films.
Sehenswert
Dann sind da noch die Reisen: in die Niederlande und die USA. Alex trifft dort auf Partners in Destiny, auf andere intersexuelle Menschen, die ihn zum ersten Mal aus seiner emotionalen Isolation befreien. Scharang beobachtet und zeichnet auf. Diese Bewegungen sind das Fleisch von "Tintenfischalarm". Diese drei Elemente werden durch geschickte Montage und schöne Übergangsmusik der Burgenländer-Band Garish miteinander verbunden. All das geschieht so selbstverständlich und vermeintlich mühelos, dass das Ergebnis auch abseits jeder gesellschaftspolitischen Relevanz ein sehenswertes ist.
Der Film möchte die Mitleidigen nicht füttern; diejenigen, die sich nach aufrüttelnden, brisanten Filmen mit trister Miene bei gegenseitigem Schulterklopfen versichern, dass die Welt wirklich so schlimm ist. Vielleicht möchte er einfach nur zeigen und ein Phantom sichtbar, ein Dazwischen erkennbar machen. Wie ein Mikroskop. Wie ein Teleskop. Vielleicht auch wie eine Dechiffriermaschine.
Tickets zu gewinnen!
Die FM4 Kinopremiere von "Tintenfischalarm" findet am 4. April 2006 um 20 Uhr 15 im Village Cinema, Landstraßer Hauptstraße 2a, 1030 Wien statt.