Das große Vau, die Viennale, startet am Freitag, den 13. (Oktober) ihre aktuelle Ausgabe und serviert Filmfreunden ein Menü, an dem man sich fast zwei Wochen lang delektieren kann. Dabei sind ein Kaurismäki (Lights in the Dusk), ein Linklater (A Scanner Darkly), ein Altman (A Prairie Home Companion) und ein Frears (The Queen) nebst Tonnen an Beilagen und noch unentdecktem Augenschmaus.
Um dem geneigten Vau-Freund ein wenig Orientierungshilfe zu geben, möchte ich im Vorfeld auf einige Höhepunkte des diesjährigen Filmfests hinweisen. Es sind dies Wunderdinger, die ich im Laufe des Jahres irgendwo in einem Kino gesehen habe - also dort, wo sie gesehen werden müssen, um als das empfunden zu werden, was sie nun mal sind: Filmfilme.
Bobby
Sympathieträger Emilio Repo Man Estevez liefert mit diesem klassischen Ensemblestück einen der interessantesten biografischen Filme der letzten Jahre ab, da er nicht einmal versucht, dem ikonisierten Senator und JFK-Bruder Robert Bobby Kennedy (RFK) über Psychologisierung und Über-Stilisierung beizukommen (siehe Capote und Ray), sondern dessen enigmatische Persona in ihrem Wirken auf Joe und Jane Jedermann einfängt.
Estevez fokussiert das Ambassador Hotel - in dem der politische Hoffnungsträger vieler Minderheiten und großen Teilen der 68er-Bewegung erschossen wurde - und dessen Belegschaft. Bobby ist in dieser Hinsicht beinahe als proletarisches Kino zu bezeichnen: Telefondamen (Heather Graham), Köche (Laurence Fishburne) und Türsteher (Anthony Hopkins) sind ebenso nervös und vorfreudig wie Hotelmanager (William H. Macy), Frauen von Hotelmanagern (Sharon Stone), Sängerinnen (Demi Moore) und ein junges Hochzeitspaar (Elijah Wood und Lindsay Lohan). Allesamt bezeugen sie jenes Blutbad, in dem nicht nur mehrere Leben, sondern auch Euphorie, Hoffnung und der Glauben an die Demokratie ihr einstweiliges Ende finden mussten. Bobby ist übermütig, komplex, pathetisch, klassisch, meisterlich.
William H. Macy in "Bobby"
Ça Brûle
Claire Simons farbintensives, sinnliches Coming of Age-Schmuckstück zeigt Livia beim vorsichtigen bis aggressiven Erfahren ihrer Umwelt und ihres Körpers: ein naturgewaltiges, wortkarges Mädchen in einem modernen Märchen, durchaus vergleichbar mit Pawel Pawlikowskis My Summer of Love, Lucile Hadzihalilovics Innocence oder Lucrecia Martels La Niña Santa. Wäre da nicht das 30-minütige, infernalische Ende, welches in gewisser Hinsicht als einzigartig in der Filmgeschichte gelten muss, wäre Ça Brûle einer unter vielen und nicht der beste Jugendfilm des Jahres 2006.
Ça Brûle
A Short Film About The Indio Nacional (Or The Prolonged Sorrow of Filipinos)
Einer der besten philippinischen Filme der letzten Jahre, erdacht und ausgeführt von Raya Martin, einem fröhlichen Mittzwanziger. Die erste Szene von A Short Film About The Indio Nacional (Or the Prolonged Sorrow Of Filipinos) dauert beinahe zwanzig Minuten und zeigt nicht viel mehr als schlafende Menschen in einer Hütte, von denen einer nach seinem Erwachen eine Geschichte erzählt. Aus dieser mündlichen Überlieferung wird ein schwarz-weißer Stummfilm, in dem - um Schlagworte herum arrangiert - bisher Unsichtbares, weil lediglich über Worte Vermitteltes, zum Laufbild wird, in dem mit größtmöglichem Respekt die Historie des Landes zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Leben erwacht. Mit diesem Film empfiehlt sich Raya Martin als eine der interessantesten, intelligentesten Figuren des Weltkinos.
A Short Film About The Indio Nacional (Or the Prolonged Sorrow Of Filipinos)
Cigarette Burns
Genre-Meister John Carpenter produzierte dieses atmosphärisch dichte Über-Meisterwerk für die Fernseh-Reihe Masters of Horror: Darin lässt er einen Detektiv im Auftrag eines exzentrischen Millionärs nach dem gefährlichsten Film der Welt suchen.
Carpenter, selbst eine Ikone, erarbeitet sich einen Mythos, holt in Zeiten der Fließbandproduktion die Magie des Schreckens in sein Boot, feiert die Macht des Kinos. Cigarette Burns ist einer der besten Filme zum Film, zum transgressiven Potenzial des Schockers.
Wenn zum Ende der Erde schrecklichster Film durch den Projektor rattert, der Detektiv gemeinsam mit uns auf die Leinwand blickt und den eigenen Untergang erwartet, dann ist das kristalline Veranschaulichung der ewigen Schaulust, des Peeping Tom in jedem einzelnen Zuschauer. Spätestens, wenn man sich nervös umdreht, um zu überprüfen dass der Kinotraum nicht zum Albtraum wurde, dass der Typ aus der hinteren Reihe keinen Hammer schwingt, mit dem er (m)einen Schädel zertrümmern könnte, dann weiß man, dass Cigarette Burns eine Stunde voll unumstößlicher Weisheit ist.
Cigarette Burns
Nue Propriété
Ein Gesichtsfilm: Die Huppert leidet unter ihren erwachsenen Söhnen, mit denen sie ein feines Landhaus in Frankreich bewohnt. Der Belgier Joachim Lafosse inszeniert die Figuren in Nue Propriété über ihre Körper, ein Jungmann defensiv, der andere offensiv, dazwischen die zwischen Lebenslust und Lebensfrust mäandernde Mutter. Es kommt zum unweigerlichen Bruch, unversehens mutiert das Kammerspiel zu einer Tragödie, deren Einschlag gewaltig, deren Nachwirkung verheerend ist.
Nue Propriété
Sehnsucht
Harter Stoff von Valeska Mein Stern Grisebach: Sehnsucht ist ein Spiel mit Laien, ein Alltagsdrama, dessen gewaltige Figuren alsbald so nah sind, dass es unerträglich wird. Die Geschichte einer Beziehung, die mutiert, ein Gefühlsfilm, ein gefühlter Film. Wieder ein Schock mit nachhaltiger Wirkung; durchaus schlüssig und nachvollziehbar, gerade deshalb so erschütternd.
Sehnsucht
Heart, Beating in the Dark (Original Version + New Version) und London Calling
Drei Filme von Nagasaki Shunichi, einem hierzulande noch viel zu unbekannten japanischen Pop-Poeten: Heart, Beating in the Dark, das war ein 8mm-Film aus den 80ern, die unerträglich intensive und beklemmende Geschichte eines jungen Paars zwischen Aufschwung und Absturz, zwischen Verstümmelung und Heilung, zwischen Ekstase und Depression.
Heart, Beating in the Dark ist auch Neu-Beschau des alten Films, nochmaliges Durchleiden mit frischen Gesichtern, während die Alten in Gastauftritten zu sehen sind, während der Regisseur beim Drehen zu sehen ist. London Calling ist schließlich Momentaufnahme der britischen Metropole aus den 80ern: Nagasaki wartet auf die Vorführung seines Films. Herzen, in der Dunkelheit schlagend, der Rhythmus des Kinos.
Heart, Beating in the Dark
Hamburger Lektionen
Einer der wichtigsten deutschen Regisseure des Gegenwartskinos, Romuald Karmakar, lässt in Hamburger Lektionen den großen Zapatka vor kahlem Hintergrund vorlesen. Es sind Transkriptionen von Lektionen, die Imam Mohammed Fazazi in einer Hamburger Moschee gegeben hat: Drei 9/11-Attentäter haben diese Veranstaltungen regelmäßig besucht. Durch totale Reduktion (ein Stuhl, ein Tisch, ein Rezitator) erreicht Karmakar maximale Entemotionalisierung eines überhitzten Themas: die zu hörenden Worte kreisen für lange Zeit im Kopf des Zuschauers. Der Effekt ist gewaltig.
Hamburger Lektionen
Tarachime
Leben und Sterben im Film: die japanische Dokumentaristin Kawase Naomi zeigt in Tarachime in unheimlichen Privataufnahmen die Geburt ihres Kindes und den Tod ihrer Großmutter. Über Persönliches schält sich das Allgemeine heraus: nach der Fokussierung von Anfang und Ende bleibt nur der kontinuierliche Zeitfluss. Ein Meisterwerk.
Tarachime
Les Signes
Extremitäten statt Gesichter: Der Franzose Eugène Green zeigt so konzentriert wie verspielt das Warten einer Familie auf den verlorenen Vater. Der fuhr zur See und kehrte nie mehr wieder, ein Fenster blickt zum Meer, davor brennen Kerzen. Les Signes ist ein choreografischer Film, jede Bewegung, jeder Blick, jede Einstellung ist anti-naturalistisch gedacht, wirkt theatralisch und unecht: ein halbstündiges Monument.
Das sind ...
... zehn Filme, in denen Welten stecken, unbedingte Empfehlungen,
Einblicke in die Möglichkeiten des Kinos,
Augenöffner.
Ab 15. Oktober gibt es hier natürlich wieder ein ausführliches Festivaltagebuch.