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Wien | 20.3.2007 | 16:48 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Diagonale-Log #1
  Blickt man eine Woche lang auf Bewegtbilder, so muss man die vermeinte Quintessenz des Films mitdenken: die BEWEGUNG eben, auf deren Wirkung auch bei der zehnten Ausgabe der Diagonale, dem Festival des österreichischen Films, vehement verwiesen wird, die aber nach der gestrigen Eröffnung eher als Konzept denn als Umsetzung vorhanden zu sein scheint. Somit muss eine Unterscheidung getroffen werden zwischen der Bewegung als solche (Ja, die Diagonale bewegt sich; irgendwie) und eben der Wirkkraft derselbigen (Nein, die Diagonale bewegt nichts).
 
 
 
Eh klar: Kluger Kluge
  Starr-steif, wie immer bei der gemeinsamen Abfeierung relevanter kultureller Veranstaltungen, standen in der trotz einer architektonischen Frischzellenkur wahnwitzigen Industriecharme versprühenden Grazer Helmut-List-Halle am gestrigen Montagabend diverse Wichtigmenschen dekorativ in der Gegend, bis sich die Pforten zum Glück (die sich später als Höllenvorhof entpuppen sollten) verspätet, aber dennoch öffneten.

Nach 30-minütiger Hinhockzeit schwebte Intendantin Birgit Flos schwarz gewandet gen Rednerpult und startete ihre Eröffnungsrede - programmatisch - mit einem Exzerpt aus Alexander Kluges weisen Schriften zum Film. Die Präpotenz einer solchen fadgasigen Aneignung fremden Gedankenflusses steht außer Frage, zumindest hielt sich die lyrische Extravaganza der Filmfest-Ausrichterin dieses Jahr in angenehmen Grenzen. Nach vollbrachtem, bedeutungsschweren Monolog - vom Pulikum sowohl abgenickt wie abgeklatscht - stellte sich die erste Überraschung der Eröffnung ein.

 Diagonale-Intendantin Birgit Flos
 
 
Tanz mich!
  Dass die notwendige Choreografie von Bewegung im Laufbild eine formale Nähe zum Tanz, insbesondere zum performativen, aufweist, sollte einem der Hausverstand flüstern, dennoch mutet es exotisch an, ein Filmfestival mit einer Performance zu eröffnen. Just als die Flos in die Dunkelheit entschwebte, erhellte der Lichtkegel eine junge Frau mit porzellanfarbenem Gesicht und Körper, die sich alsbald - mal geschmeidig, mal verkrampft - bewegen und von einer computerisiert anmutenden Stimme synchronisiert werden sollte.

Stephanie Cumming, Mitglied des vom Österreicher Chris Haring initiierten Projekts Liquid Loft, als prototypische heroine - so auch der Titel der Performance - die sich zwischen Fremdbestimmung und Selbstverortung zu verlieren scheint, deren Stimme sich in ihrer digitalisierten Form auflöst. Darin war die Diagonale dann im Moment, antizipierte bereits den Debattenschwerpunkt des Festivals, der auf strukturellen und sonstigen Änderungen in der österreichischen Filmverwertung liegt und stieß (sichtbar!) einigen Wichtigmenschen vor den Kopf.

 Liquid Loft
 
 
Eröffnung: 42plus
  Es folgte die eine (und einzige!) aufgrund des zehnjährigen Bestands realisierte Rückschau auf die Festivalgeschichte in Form der Trailer 1998 - 2006, deren Qualität von solid und konsequent (Panorama von Lisl Ponger, 1998) über stimulierend materialistisch (Frontale von Sigfried A. Fruhauf, 2002) hin zu zeitgeistig steril (Toast von Jessica Hausner, 2006) reichte. Abgeschlossen wurde dieses Programmsegment von einem Zusammenschnitt all dieser Kurzfilmarbeiten, realisiert von Niki Mossböck.

Dann, endlich (!?), der Hauptfilm des Abends: 42plus von Sabine Derflinger, einer in Auftreten und Idiom geerdeten Frau, deren bisherige Arbeiten wenn schon nicht gut, so mindestens beherzt waren. Jedenfalls eröffnet ihr Lebenslustspiel mit einem Shot auf das Wiener Filmmuseum, was gleich die Lebenswelt ihrer Protagonisten umrahmt, die sie dann in einer Postkartenlandschaft auf Ischia versammelt, um sie eine Liebesgeschichte durchspielen zu lassen.
 
 
 
Viel Bewegung um Nichts
  Geschrieben von Derflinger und dem Dänen Mogens Rukov - der immerhin Vinterbergs Das Fest verfasst hat - fährt sich die Ambition zu bald in der Leere zwischen großem Wort und großer Tat fest: ungleich Valeska Grisebachs bescheidenem, dafür umso größeren Liebesfilm Sehnsucht plärren sich talentierte Fernsehgesichter (Claudia Michelsen) und talentierte Filmgesichter (Petra Morzè) überstilisierte Dialogzeilen zu, während das Drehbuch nach anfänglichem SommerSonneMeer-Bonus schon nach wenigen Minuten gen ewigen Folterkeller rast. Spätestens wenn sich die Mama von einem kiffenden Buben durchnudeln lässt, während sich die Tochter via Vespa und feschen Buben italienische Gefühle einverleibt, während der Papa seine Liebe zur Mama wiederentdeckt, während der Zuschauer dreimal eingeschlafen ist, wird klar, dass die Diagonale-Intendanz mit diesem Eröffnungsfilm viel Bewegung um Nichts macht.

 42plus
 
 
Schönheiten
  Was bleibt ist die Vorfreude auf einige vermutlich sehenswerte Sonderprogramme: so lässt einem das vierteilige Tribut an Wolf Suschitzky, ein in seiner Heimat Österreich nahezu unbekannter, international arbeitender Kameramann und Fotograf - allein aufgrund der vielleicht einmaligen 35mm-Sichtungsokkasion des Krimiknallers Get Carter des Briten Mike Hodges das Wasser im Maul zusammen laufen. Außerdem: ein Special des Filmarchiv Austria zu einem der ersten hiesigen Modernen der Cinephilie, Herbert Holba, die Ergebnisse dessen Umtriebigkeit nun erstmals ausgestellt werden, und zwar in drei Programmen.

Die zehnte Diagonale lud auch Constantin Wulff und Christine Dollhofer, deren gemeinsame Intendantenschaft die Diagonale maßgeblich aufbaute, deren plötzliche Absetzung durch Nichtverlängerung des Vertrags zu den maßgeblichen kulturpolitischen Fauxpas der schwarz-blauen Regierung zu zählen ist, ein, Programme zu gestalten. Dollhofer, nunmehrige Intendantin des Crossing Europe-Festivals in Linz, welches im April stattfindet, präsentiert vier ausgewählte Höhepunkte aus der noch jungen Geschichte ihres Fests, während Wulff via Carte Blanche herausragende dokumentarische Arbeiten von Avi Mograbi bis Johan van der Keuken selektiert hat.

 Wolf Suschitzky
 
 
KernKraftWerk!
  Der nächste Bericht zur Diagonale folgt am Donnerstag: dann mit Besprechungen zum neuen Film von Peter Kern mit dem famosen Titel Die toten Körper der Lebenden und zur Dokumentation Meine liebe Republik von Elisabeth Scharang. Bewegt euch!
 
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