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Wien | 22.3.2007 | 16:08 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Diagonale-Log #2
  Verbindungsstellen und assoziative Anknüpfungspunkte: notwendige Krücken, um durch Filmfestivaltage zu navigieren. Plötzlich scheinen Formen ineinander zu greifen, scheinen sich verschiedene Filme gegenseitig zu bedingen, scheint ein Muster im Chaos erkennbar. Klar: man ist Opfer seines eignen Hangs zur Einfachheit, seines Drangs zur Kategorisierung, aber: der Versuch, das Assoziative als vollwertigen Pfad durch ein Filmfestival wie die Diagonale (= Festival des österreichischen Films) zu installieren, könnte auch gängigere Orientierungshilfen wie Programmschienen oder Genre-Zuschreibungen ad absurdum führen, vielleicht gar suspendieren.
 
 
 
Wotsch Mi (Not!)
  Apropos Überwachungsgesellschaft: das kollektive Ächzen unter den vielgestaltigen Kunstaugen des Big Brother aktualisiert sich im jüngeren bis jüngsten österreichischen Filmschaffen mal als metallern-steriler, von Stuart Freeman narratierter Overview inklusive Michael Moore-Gestus (Every Step You Take von Nino Leitner), mal als avantgardistische Arbeit der Multimedia-Künstlerin Manu Luksch (Faceless). Beide siedeln ihre Arbeiten in London an, wo die strukturelle Überwachung der Zivilgesellschaft die extremsten Auswüchse angenommen hat.

Spaßig, dass die anachronistisch formulierte Schulmeisterlichkeit von Leitners (Diplom-)Arbeit in ihren Ergebnissen (dass das gesetzlich garantierte Recht der Zivilperson auf die Einsicht in Überwachungsmaterial von ihr selbst durch bürokratisch gestrickte Fallen zur Augenauswischerei wird) allein vom Bestehen der Luksch'schen Arbeit falsifiziert wird. In Faceless wird - in aufgeblähter, unausstehlicher Lyrik - eine Science-Fiction-Geschichte ausgebreitet, die in ihrer, durch das Überwachungsmaterial bedingten Single-Frame-Ästhetik an Chris Markers Geschichte-machenden Film-Comic La Jetée (1962) denken lässt. Luksch selbst hat sich in London an diversen Orten vor CCTV-Kameras produziert und die Bilder später auf bürokratischem Weg angefordert, wobei sie eben nicht in der Reihenfolge ihres Zustandekommens auch in Österreich eingetroffen sind und die Geschichte somit vom Big Brother umgeschrieben wurde. Faceless ist jedenfalls eine elektrisierend instrumentierte Reise durch die Hässlichkeit dieses Materials, zugleich die Ausformulierung eines neuen Typus des Filmhelden, der geschichtslosen Heroin nämlich, deren schlussendliche Sinnhaftig- oder Sinnlosigkeit von einem Apparat bestimmt wird.

 Faceless
 
 
ArbeiterInnen minus Fabrik
  In der Netzarbeit Workers Leaving The Factory (1996) hat sich Luksch bereits mit der merkwürdigen Synchronität von Daten- und/oder ArbeiterInnenströmen auseinandergesetzt und damit Louis Lumières gleichnamigen Pionierfilm von 1895 fortgeschrieben.

Selbiger muss auch Ursprung von José Luis Torres Leivas Obreras Saliendo de la Fabrica (zu deutsch: Frauen verlassen die Fabrik) gewesen sein, der hier in einem feinen Kurzfilm-Programm Joerg Burgers soliden Unter Beschlag vorbereitete wie einläutete. Das finale wie erlösende Meer-Rauschen des Ersteren findet im neapolitanischen Hafen des Letzteren sein raues Echo: dort liegt ein alter Kapitän mit seinem vom Rost zerfressenen Schiff vor Anker, dessen alte wie neue Besitzer dem Mann haufenweise Geld für seine Wartungsarbeiten schulden.

Wiewohl über dieses Schicksal eine gewisse Systemkritik formuliert wird, zeigt Burger großes Interesse für seine Lebenswelt, kriecht mit ihm in den Bauch des kaputten Kahns - es entsteht über diesen Fall das Sinnbild eines unerwünschten Europäers, dem eine finanzielle Grundversorgung verunmöglicht wird.

 Workers Leaving The Factory
 
 
Kern
  Hier stellt sich dann der Tod maritimer Romantik ein, von der Jean Genets Meisterwerk Un Chant d'Amour (1950) noch so viel bezog. Peter Kern, großer österreichischer Allround-Künstler und (auch) begnadeter Filmregisseur, verweist auf den schreibenden und inszenierenden Franzosen als einen seiner Lebensbegleiter und maßgebliche Inspirationsquelle.

Tatsächlich ist seine neue Arbeit Die toten Körper der Lebenden eine Fortschreibung von Genets Kurzfilm. Die damals eingesperrten Liebenden brechen bei Kern aus und wiederum ein in das Leben einer alten Schauspielerin, die mit ihrem domestizierten Gatten in einem andersweltlichen Lokal im ersten Wiener Gemeindebezirk hockt und auf den Tod wartet.

Der Regisseur arbeitet darüber ein gewaltiges Denken über Schönheit, Hässlichkeit, das Gute und das Böse heraus, das - eingelassen in das gewohnt eklektische, stilisierte Universum des Autors - zu einer brutalen, und gerade darin bestechend klaren Beschau eines jetzigen Österreichs zwischen fremdbestimmten Lebenswegen und selbstbestimmter Xenophobie, zwischen Romantisierung des Vergessens/Verfalls und Abschaffen des Erinnerns wird. Es steht zu erwarten, dass Die toten Körper der Lebenden der beste neue Film auf der Diagonale bleiben wird.
 
 
 
Scharang (+Transsylvanien)
  Erinnern tut sich auch Elisabeth Scharang in ihrer aktuellen Dokumentation Meine liebe Republik: Darin gibt sie dem Wiener Friedrich Zawrel, den sie bei den Recherchen zu ihrem Geschichtsdrama Mein Mörder kennen gelernt hat, eine Bühne, um seine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen. Als schwer erziehbares Kind in die NS-Euthanasieanstalt Am Spiegelgrund eingewiesen, wird er nach seiner Flucht eingesperrt und führt fortan ein Leben zwischen versprochener Freiheit und eigentlicher Gefangenheit, bis er - nach einem begangenen Diebstahl - seinem ehemaligen "Arzt" und Peiniger Heinrich Gross begegnet.

Während es einem Scharang nachgerade empfiehlt, in ihren Film mit sämtlichen Emotionen einzusteigen und eineinhalb Stunden lang mitzufahren, hat Gerald Igor Hauzenberger einen gewagteren Erzählfokus: Im ehemaligen Siebenbürgen, nunmehrigen Transsylvanien in Rumänien, porträtiert er zwei ältere Menschen, beides Nachkommen von vor Jahrhunderten ausgewanderten Österreich-Ungarn. Verfällt man anfänglich einem tätschelnden Humanismus ("Mei liab, de Oidn"), zwingen tiefere Einblicke in den Charakter des Mannes zu einer Gefühls-Korrektur, offenbart sich doch seine gusseiserne Natürlichkeit als getragen von faschistischem Gedankengut. Hier, im ewigen Grün, scheint die Zeit nach 1945 stehen geblieben zu sein, insofern ist Einst süße Heimat - Begegnungen in Transsylvanien beinah ein historisches Dokument.

 Einst süße Heimat - Begegnungen in Transsylvanien
 
 
Am kommenden Samstag:
  Eine Rückschau auf die Diagonale 07, Gedanken zum österreichischen Film und eine Liebeserklärung an das Augartenkino in Graz.
 
 
 
"shorts & skirts - die lange nacht des kurzen films"
  Heute Donnerstag, 22. März, gibts ab 22.50 Uhr in ORF 1 ein nächtliches Filmfest im Rahmen der "Donnerstag Nacht". Dieter Moor präsentiert fünf Stunden lang 39 Kurzfilme aus verschiedenen Ländern.
 
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