Grad hock ich im Zug gen Linz und muss daran denken, dass mir irgendjemand mal den Vergleich zwischen einer Kino-Leinwand und dem Fenster eines fahrenden Zuges empfohlen hat. Blödsinn. Ich steh' noch am Wiener Westbahnhof, draußen träufeln Elende vorbei, neben mir hat sich grad eine krampflustige Reisegruppe nieder gelassen: und so soll ich arbeiten?
Aber am Reiseziel wartet das vermutlich lässigste Filmfestival der Alpenrepublik, das von Christine Dollhofer künstlerisch und organisatorisch geleitete Crossing Europe(Path to Glory!), das der Viennale mittlerweile jedenfalls qualitativ das Wasser reichen kann. Von der Chefin positioniert als Bühne für junges, eigenwilliges, europäisches AutorInnenkino (sic!) mit gesellschaftspolitischem Anspruch erweist sich auch die diesjährige Selektion als gescheiter und vertretbarer Querschnitt durch jenen Eurofilm, der aufgrund scheußlicher nationaler Distributionspolitik viel zu selten Projektorlicht sieht.
Der Wettbewerb
Einige dieser Arbeiten kann ich bereits ungetrübten Auges empfehlen: nicht weil ich sie vorab im Heimkino gesichtet habe, sondern weil ich das ein oder andere von Christine D. Ausgewählte auf anderen Festivals im Kino sehen durfte. Obwohl auch das XE in der Wettbewerbsektion, die 12 Filme umfasst, am schwächsten, weil konsensgetrieben - wieder: eine Mutmaßung - erscheint, nagelt die Auswahl jene ungestüme Jugendlichkeit an die Wand, die das Festival so stark macht: Hier stehen Premieren von Großfestivals wie Cannes oder Venedig (etwa Red Road(Link mit Produktionsnotizen) von Andrea Arnold oder Body Rice(nette Filmseite) von Hugo Vieira da Silva) neben Premieren von kleineren Festivals (wie Solange du hier bist von Stefan Westerwelle) und Erstlingsfilmen (wie Die Unerzogenen von Pia Marais).
Body Rice
Die Unerzogenen
Letzterer hatte seine Erstaufführung im Wettbewerb von Rotterdam und konzentriert sich in seiner Erzählung auf das Mädchen Stevie, das mit seinen anarchischen Eltern ein sehr unruhiges Leben zwischen Drogenexzess und Alltag führt. Marais inszeniert sensibilistisch, lässt die Lebenswelt der jungen Frau erfahrbar werden und reiht sich damit in eine Bewegung des europäischen Kinos ein, die manchem schon wieder als zu abgegriffen erscheint und vermutlich in Christian Petzolds Die Innere Sicherheit ihren Höhepunkt fand: Erzählungen von jungfräulichen Sinnenwesen in unsteten, weil vergangenen, familiären Systemen, die zwischen Ausbruch und neuem Konservativismus pendeln.
Auch ein anderer Film im Wettbewerb des XE formuliert eine Jugend der (Un-)Abhängigkeiten: Westerwelles Solange du hier bist erzählt in starren Bildern von der destruktiven Beziehung eines älteren Herrn zu einem feschen Stricher.
Die Unerzogenen
Ferien(bilder)
In der Sektion Panorama versammeln sich im heurigen Jahr neben exzentrischen Entdeckungen auch eine Handvoll Arbeiten von etablierten Autorenfilmern: vielleicht ein Indiz für die wachsende Bedeutung des Festivals. Darunter: Thomas Arslans neuer Spielfilm Ferien(= ein sehr guter Film!), einer meiner persönlichen Favoriten der diesjährigen Berlinale. Einmal mehr feingliedriger Sensiblismus in einer einfachen Familiengeschichte rund um ein Landhaus: erinnert zuerst an naturmystische Ästheten wie Bertolucci, wird dann jedoch zu einem ungemein tiefen, intensiven Katalog der präzisen Alltagsbeschreibungen. Ein großes Werk.
Bruno!
Freuen darf man sich auch auf den neuen Film des Franzosen Bruno Dumont, der nach seinem Grundsatzwerk L'Humanitè mit dem kalten 29 Palms ins Kreuzfeuer der Kritik geriet und dessen Flandres nun nicht minder polarisierte. Uraufgeführt in Cannes 2006, beschreiben ihn einige als schlichtweg deppert, andere als Fortführung von Dumonts Grundthemen. Das XE mausert sich damit auch zu jenem österreichischen Festival, das Kontroversen programmiert, anstatt sie zu diskutieren.
Von meiner Seite auch noch eine Empfehlung für Peter Liechtis formschönen Konzertfilm Hardcore Chambermusic, indem er eine irrsinnige Aktion der Kombo Koch-Schütz-Studer filmt, die in einem Impro-Klub eine 30-tägige Impro-Sause veranstalteten. Und noch zwei Granden finden sich im Panorama-Programm: Kader des neben Nuri Bilge Ceylan momentan wohl präsentesten türkischen Kunstkino-Regisseurs Zeki Demirkubuz und Transe der Portugiesin Teresa Villaverde.
Hardcore Chambermusic
*Schmacht*fetzen
Meine persönlichen Highlights - also das, was ich schon kenne oder das, von dem ich mir viel erwarte - möchte ich hier auch noch kurz erwähnen: Zum einen - mein Hauptgrund, nach Linz zu reisen - die erste Schau zum Spanier Marc Recha, von dem ich bisher zwei Filme gesehen habe. Dann: mein Lieblingsfilm vom diesjährigen Rotterdam-Festival, für dessen Inklusion ins XE-Programm ich Christine D. nicht genug danken kann. Laurin Federleins Build a Ship, Sail to Sadness erzählt in grindigen Digitalbildern von einem, der auszog, um Freude zu bringen. Und zwar mit einer mobilen Disko in einem ländlichen Teil Schottlands: müßig zu sagen, dass die dort ansässigen Personen vom Mehrwert einer solchen Einrichtung erst überzeugt werden müssen, was der junge Mann gern mit dem ein oder anderen selbst komponierten Lied tut. Build a Ship, Sail to Sadness ist exaltiertes, selbstbewusstes Eurokino, wie man es selten zu sehen bekommt, ein spaßiges Kleinod auf dem diesjährigen XE.
Build a Ship, Sail to Sadness
Manoel!
Und dann ist da noch Manoel de Oliveira, jener 99-jährige Altvater des portugiesischen Autorenkinos, der erst in den 70er-Jahren begonnen hat, in Regelmäßigkeit literarische Wuchtbrummen zu verfilmen und seitdem ein Fixpunkt der Filmfestivalkultur, leider aber nicht der Kinokultur geworden ist. Gerade arbeitet der Meister an drei neuen Projekten (darunter ein Langfilm zu Christopher Columbus!), sein letztes Werk, eine wunderbar konzise Paraphrase wie Erweiterung von Luis Buñuels Belle de Jour, augenzwinkernd mit Belle toujour betitelt, ist in Linz als Double Belle (WORTWITZ!) zu bewundern: 38 Jahre nach den sündigen Eskapaden der bourgeoisen Séverine (damals: die Deneuve, heute: Bulle Ogier) trifft sie in einem abgedunkelten Hotelzimmer auf Henri (damals wie heute: Michel Piccoli).
Bahnhof.
So weit, so gut: Ich hock immer noch im Zug, die laute Reisegruppe ist mittlerweile verschwunden, es bleibt mir nur der Blick aus dem Fenster und die Gewissheit, dass das eigentliche Kino erst noch kommt.