Es war ein kleines Moment des Triumphs, als ich zum ersten Mal meine blaue Badge umhängen hatte. Nicht, dass ich mich in diese Wichtigkeitsökonomie einfügen wollte: es ging mir lediglich um meinen Sieg über die Bürokratie des Filmfestivals (in Cannes).
Die zwei Tage seit meinem letzten Eintrag waren übervoll mit neuen Erfahrungen, neuen Bekanntschaften und neuen Filmen. Letztere werden hier wirklich noch mit Flair umgarnt, vom Meer umspült, von der Croisette bezirzt: Obwohl wenig andere Veranstaltungen dem Produkt Film ungenierter huldigen als das südfranzösische Fest - bei der Flaniererei über die Strandpromenade passiert man haushohe, dreidimensionale Werbetafeln für den Simpsons-Film, Jerry Seinfeld ließ sich zu Promotion-Zwecken für seine Stimmleihgabe an den neuen Dreamworks Animationsfilm Bee Movie im Insektenkostüm vom Dach abseilen - laden sich die für die offiziellen Schienen selektierten Werke geradezu unverschämt mit Bedeutung auf. Eine Weltpremiere hier in Cannes zu erleben, ist dann schon eine bedeutsame Sache. Oder greift da schon wieder das Kalkül des Festivals?
Hou: The Journey of the Red Balloon
Donnerstag Abend jedenfalls wurde die Nebenschiene Un Certain Regard mit dem neuen Film von Hou Hsiao-Hsien (Three Times) eröffnet: In The Flight of the Red Balloon - eine Hommage an Albert Lamorisses Klassiker Le Ballon rouge - schwebt zum Entrée ebenjener Luft gefüllte Flugkörper nebst einem Buben durch Paris und führt gleichzeitig die Figur seines neuen Kindermädchens Song (Fang Dong) ein. Simons Mutter Suzanne (gespielt von einer hinreißend uneitlen Juliette Binoche) ist Marionettenspielerin: eine Erzählebene, auf der Hou - ein Meister der nebenbei beobachteten Menschlichkeit - die Brücke zwischen westlicher und östlicher Kultur errichtet: in großen Teilen Asiens hat Puppentheater erhebliche kulturelle Bedeutung.
So überraschend kitschig seine erste französischsprachige Arbeit auch anmuten mag, so enttäuschend konventionell die Inszenierung der Gefühlswelten auch geraten sein mag: allein die eine Sequenz in der die Filmstudentin Song mit Simon die Eröffnungssequenz von The Flight of the Red Balloon inszeniert, ist meisterlich. Wie Hou den Arbeiter im grünen Anzug (um später digital aus dem Bild gelöscht zu werden) zeigt, der den roten Ballon an einer Angel führt, ist nicht nur eine Spielerei, sondern vor allem selbstreflexive Verortung: Hou Hsiao-Hsien als Puppenspieler der Jetztzeit (schöner Komplementärfilm: Hous The Puppetmaster von 1993).
The Flight of the Red Balloon
Assayas: Boarding Gate (+Asia)
Nicht nur wird im Rahmen der Cannes Classics der schillernde Horrorklassiker Suspiria von Dario Argento in Anwesenheit des Meisters aufgeführt, seine Tochter Asia - auch eine talentierte Regisseurin (Scarlet Diva, The Heart Is Deceitful Above All Things) - ist auch gleich in drei Filmen zu sehen. Einer davon, Olivier Assayas' Boarding Gate, feierte Freitag Nacht in der Mitternachtsschiene seine Weltpremiere.
Erzählt wird von der (über-)sinnlichen Ex-Prostituierten Sandra (Argento) und ihrem Pendeln zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Sadismus und Masochismus, zwischen Täter und Opfer. Ihr Gegenspieler in der ersten Hälfte ist Michael Madsen (Reservoir Dogs) als windiger, machistischer Entrepreneur Miles. Assayas, begnadeter Regisseur künstlerischer Genrefilme (demonlover, Clean), lässt in Boarding Gate die Hintergründe in Unschärfe ineinander laufen und suspendiert damit jegliche zusätzliche Orientierung für den Zuschauer. Vor diesen virtuell anmutenden Benutzeroberflächen (an einer Stelle spricht Sandra von ihrer Cyber-Identität Vortex) werden die langen Dialogsequenzen mit unglaublicher Körperlichkeit ausgespielt und installieren einen eigenartig kriechenden Rhythmus, der den gesamten Film prägt.
Auch durch eine Nebenrolle von Kim Gordon stimuliert, ist Boarding Gate hinsichtlich seiner merkwürdigen Erzählstruktur vielleicht eher wie ein Sonic Youth-Song wahrzunehmen: tatsächlich erinnerte mich dieser Tanz zwischen Kontraktion und Ausdehnung an die treibende Melodie von Song for Karen (vom Album Goo): "You are never going anywhere" könnte man auch Asia Argentos Sandra zusingen.
Boarding Gate
Die Coens: No Country for Old Men
In kontinuierlicher Bewegung sind auch die stoischen, in Jahrzehnten gefühlter, weil erfahrener Filmgeschichte gewälzten Figuren aus No Country for Old Men von Joel & Ethan Coen: der texanische Jäger Llewelyn Moss (Josh Brolin) findet einen Haufen toter Männer, einen Pickup-Truck und zwei Millionen Dollar in bar. Dass er das Geld nimmt, ist dabei ebenso klar, wie dass er damit zuerst in ein Hotel flüchtet, wie dass ihm jemand auf den Fersen ist. Im Besonderen dieser lakonische Verfolger Anton Chigurh (fantastisch: Javier Bardem) dürfte es in den Olymp der Coen-Figuren schaffen: mit einer beeindruckenden, selbst gebastelten Luftdruckpistole bewaffnet, reist der schwarz gekleidete, wortkarge Gangster naturgewaltig durch das US-amerikanische Hinterland. Letzter Teil im Dreimann-Spiel ist Sheriff Bell, von Tommy Lee Jones erwartungsgemäß souverän verkörpert, dessen Autorität sich auf pointierte Einzeiler beschränkt.
Dieses für die Coens prototypische Ensemble breitet innerhalb guter zwei Stunden eine so künstliche wie griffige Erzählung aus, die trotz ihrer Überstilisierung eine profunde Verhandlung zu Fatalismus und Selbstbestimmtheit beinhaltet, die sich in der Vollstrecker-Figur Chigurh - der gut zwei Dutzend Menschen ermordet - kristallisiert. Genau dann, wenn der in einen Autounfall verwickelt wird, verstehen es die Coens fantastisch, jegliche Bedeutungsschwere zu entlasten, und an dessen Stelle postmodernes Augenzwinkern zu setzen. Ab und an sind's der Schmähs zu viele, trotzdem ist No Country for Old Men nach dem misslungenen Ladykillers mit Blood Simple, Fargo und The Big Lebowski der beste Film von Ethan & Joel Coen.
No Country for Old Men
Moore: Sicko
Der vermutlich heißeste Film des Festivals ist - das war abzusehen und wurde durch einen gut getimten Hype stimuliert - Michael Moores Gesundheitssystems-Doku Sicko: zu einem betont lakonisch-sarkastischen Voice-Over eröffnet der stattliche US-Amerikaner seinen neuen Film mit Bildern einer offenen Wunde, die vom Verwundeten selbst genäht wird, geht über das Faktische zu Fallbeispielen, die er - dramaturgisch effizient - zu kleinen und großen Leidensgeschichten abrundet.
In der zweiten Hälfte schließlich reist Moore zuerst nach Kanada, später nach Großbritannien, Frankreich und Kuba, um die dortigen Gesundheitssysteme mit dem US-amerikanischen abzugleichen: das Ergebnis ist so wenig überraschend wie der gesamte Film. Unterhaltsames Moore'sches Formelkino mit garantierter Zugänglichkeit und garantierten Lachern: etwa wenn er festhält, dass die USA im weltweiten Gesundheitssystems-Ranking auf Platz 37 hinter Slowenien sind. So filmisch uninteressant und formal anspruchslos Sicko auch sein mag, eröffnet er den vermutlich lange anhaltenden Diskurs zum unmoralischen Business mit der Krankheit: dass sich Politiker von Versicherungen und/oder Medikamentenherstellern schmieren lassen, dass Hillary Clinton in einer Medienkampagne diskreditiert wurde, als sie ein nationales Gesundheitssystems implementieren wollte, dass das jetzige Gesundheitssystem vom Watergate-Präsi Richard Nixon und dem Krankenversicherungs-Unternehmer Kaiser installiert wurde, dass das unterschwellige Narrativ immer noch die Angst vor dem Sozialismus durch Verstaatlichung ist, das seinerzeit von Schauspieler Ronald Reagen via Schallplatte verbreitet wurde; All das sind Behauptungen/Fakten mit Explosionspotenzial.
Sicko
Und:
Am Montag finden sich an dieser Stelle Gedanken zum österreichischen Wettbewerbsbeitrag, Ulrich Seidls Import Export, Gus Van Sants Skater-Drama Paranoid Park und Michael Winterbottoms A Mighty Heart.