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Wien | 21.5.2007 | 14:37 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Sexarbeit und Skatermalaise
  Die zweite Woche der 60. Internationalen Filmfestspiele in Cannes hat begonnen: etwas mehr als ein Drittel der Wettbewerbsfilme war bereits zu sehen, die Kritikerstimmen sprechen von einem souveränen Jahrgang.

Neben dem rumänischen Quasi-Echtzeit-Drama 4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage von Cristian Mungiu, das in seiner formalen Konzeption und Inszenierung eine Verwandtschaft zu Cristi Puius Moartea domnului Lazarescu aufweist, wird vor allem das lakonische Krimidrama mit Westerneinschlag und Humorinfusion der Coen-Brüder, No Country for Old Men, als Favorit gehandelt. Inwiefern Ulrich Seidls Import Export in diese inoffizielle Hit-Liste platzen kann, ist schwer einzuschätzen: am Applaus nach der gestrigen Pressevorführung gemessen, wird er zumindest viel Anerkennung mit nach Hause nehmen.
 Moartea Domnului Lazarescu
 
 
Import Export
  Eben diese Heimatfrage stellt Seidl in seinem - nach eigenen Aussagen - zweiten fiktiven Film und eröffnet ihn mit einem Tableau aus der Ukraine: ein Mann steht im Schneegestöber und versucht mehrmals, sein Moped zu starten. Auch die Leben der beiden Protagonisten - die Krankenschwester Olga (Ekateryna Rak) aus der Ukraine, der Arbeitslose Paul (Paul Hofmann) aus Wien - scheinen nicht anspringen zu wollen und so frohlockt die junge Blonde, als ihr eine in Österreich lebende Freundin per Brief einen Job anbietet. Olga wird nach Wien importiert, wo sie zuerst als Hausmädchen die Launen ihrer bürgerlichen Chefin (Petra Morze) ertragen muss, später als Putzfrau in der Geriatrie von der Schwester (Maria Hofstätter, die Autostopperin aus Hundstage) angefeindet wird. Währenddessen exportiert Paul mit seinem ebenfalls arbeitslosen Vater eine Flippermaschine in die Ukraine: auf ihrer Reise ergehen sie sich im Elendstourismus und bezahlen eine junge Frau für sexuelle Dienstleistungen.

Das Drehbuch von Seidl und Veronika Franz arbeitet sich über zahlreiche Spiegelungen hin zu einer beiläufigen dialektischen Betrachtung von Arbeitswelten der Jetztzeit, wobei diverse Pflegeskandale der jüngeren Vergangenheit die Erzählung aus österreichischer Perspektive zusätzlich kontextualisieren und auffetten. Verglichen mit "Hundstage" wirkt "Import Export" weniger episodisch in seiner Struktur, weniger kompilierend in seiner thematischen Fächerung: zwar bleiben die Seidl-typischen, geometrisch anmutenden Figuren-Tableaux die Regel, doch überschattet die Positionierung zwischen Dokumentation und Fiktion nicht die sich ausbreitende Erzählung.

 Import Export
 
 
Zoo
  Der US-Amerikaner Robinson Devor hatte in diesem Jahr das zweifelhafte Vergnügen, der Regisseur des Filmes zu sein, über den bereits vor seiner ersten Aufführung das gesamte Festival Bescheid wusste. Ausgehend von einem -im ersten Moment tatsächlich unglaublichen - Fall von Zoophilie/Sodomie in den Vereinigten Staaten, nahm Devor die sensationalistische wie moralistische Berichterstattung zum Anlass, um zu den Hintergründen zu recherchieren.

Über das Internet fand er Anschluss an eine klandestine Community, die sich - wenn nicht virtuell - an geheimen Plätzen fernab von Öffentlichkeit trifft. Zoo (läuft in der Nebenschiene Quinzaine des Realisateurs) startet mit der Fahrt aus dem Stollen eines Minenschachts und versinnbildlicht damit schon die Öffnung, die auch der Zuseher während des Films hinsichtlich seiner moralischen Überzeugungen eingehen muss. Im Stil einer Dokumentation sprechen Zeugen und Experten sowie Betroffene zu einer suggestiven Montage aus Vogelflügen über grüne Landschaften, naturmächtigen Aufnahmen und surreal ausgeleuchteten Tableaux. Vor allem die Tonebene mit ihren surrenden bis wabernden elektronischen Meloldien taucht die Fake-Investigation in traumähnliche Stimmungen, die den Zuseher sehr schnell einsaugen.

Das zuvor Bestialische der Sodomie wird zu einem Liebesgeständnis und darüber zu einem zutiefst menschlichen Akt: Devor verhandelt in "Zoo" eben nicht nur den Fall jenes US-Amerikaners, der nach vollzogenem Verkehr mit einem Pferd an einem eingerissenen Darm gestorben ist, sondern von oben herab geäußerte Zuschreibungen und die politische Instrumentalisierung von Schicksalsgeschichten zum Zweck eines moralischen Urteils.

 Zoo
 
 
Paranoid Park
  Auch Gus Van Sants Wettbewerbsfilm Paranoid Park hat einen Unfall zum Thema. Der 16-jährige Skater Alex (Gabe Nevins) lebt in Portland die prototypische Malaise eines Teenagers aus zerrüttetem Elternhaus, bis er an einem Wochenende den Tod eines Sicherheitsbeamten verschuldet. Basierend auf Blake Nelsons gleichnamigem Buch verwehrt Van Sant wie in seinen früheren Filmen - vor allem Elephant - jegliches moralische Urteil und taucht über Einsamkeits- und Flaneursbilder in die Sinnenwelt des Buben ein.

Wong kar-wais bevorzugter Kameramann Christopher Doyle - bekannt für seine kinetische Kameraarbeit - fing die dynamischen 35mm-Bilder ein, Van Sant fügte dem Material noch 8mm-Filme hinzu, die der Ästhetik von privaten Skate-Videos sehr nahe kommen. Über das außergewöhnliche Sound-Design - bestehend aus Originalsongs, vor allem aber aus einem Mix von Soundtracks, klassischer Musik, Jazz und experimenteller Elektronik - webt er einen hypnotischen Tonteppich: die zuvor jugendkulturell geprägten Bilder verbinden sich darauf zu einer Tragödie, die mit einem Coming of Age-Film nichts mehr gemein hat. Ähnlich antiken Stoffen schleudert pure Schicksalsgewalt das Leben des Jungen aus der Bahn: in einer Duschsequenz steigert sich die offenbare Reinwaschung über die anwachsende Musikintensität ins Rituelle.

Wie schon in "Elephant" und "Last Days" scheint die Montage von "Paranoid Park" eher einem verinnerlichten Muster als einer linearen Erzählung zu folgen: Schlüsselszenen wiederholen sich, schrittweise summiert sich das Faktische zum Tatbestand, die Gefühlskurve des Zuschauers folgt längst keiner Dramaturgie mehr. "Paranoid Park" ist für mich bisher der beste Film des diesjährigen Wettbewerbs in Cannes.

 Paranoid Park
 
 
Go! Go!
  Am Mittwoch sind an dieser Stelle meine Gedanken zu Abel Ferraras Go Go Tales, Quentin Tarantinos Death Proof und Harmony Korines Mister Lonely zu lesen.
 
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Cannes 2007
   
 
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