Es ist schwer, das Gefühlszentrum des Filmfestivals von Locarno auszumachen: kaum eine Veranstaltung scheint schizophrener zu sein als das traditionsreiche europäische Fest zwischen seinem Liebäugeln mit konventioneller US-Ware und dem Ausheben von - teilweise tatsächlich radikalen - Erzählvorschlägen noch vollkommen unbekannter Talente.
Wenn ich nunmehr an meinem letzten Tag, wenige Stunden vor meiner Abreise, im Festivalzentrum mit seiner gläsernen Decke - Die Welt blickt auf uns! - sitze, kann ich nicht umhin mich entrückt zu fühlen: Das ist die Spielwiese der Organisatoren und Corporate Identity-Prüfer, der grau melierten, sonnengebräunten Filmkulturschickeria des kleinen Alpenstaats, derjenigen, die lieber Kaffee trinken und Martini gurgeln als Filme zu sehen.
Irgendwie auch nachvollziehbar: bei keinem anderen großen europäischen Festival (außer vielleicht Berlin) ist die durchschnittliche Filmqualität so schmerzvoll mittelmäßig, nirgendwo anders ist das Versäumen von Filmen schmerzloser als hier. Soweit die Fehleinschätzung: denn Locarno mausert sich in seinen hinteren Winkeln zur einer Fläche für ungewöhnliches, schwer kategorisierbares Kino.
Wiedergeburt auf japanisch
Nicht dass Kobayashi Masahiros Ai No Yokan (The Rebirth) - zu sehen im Internationalen Wettbewerb - nicht auch auf anderen Festivals hätte laufen können: seine vorige Arbeit "Bashing" wurde immerhin im Wettbewerb von Cannes gezeigt. Doch scheint die minimalistische, beinahe installative Organisation dieses komplexen, vielschichtigen Familienfilms gemacht für Locarno, das seinen Überhang in die Konvention - vor allem bei den Piazza Grande-Screenings - gerne damit kompensiert, radikale Filmemacher mit Anerkennung zu überschütten.
Ai No Yokan eröffnet mit zwei Gesprächen: der allein erziehenden Mutter Nokiro fällt es immer noch schwer über ihre Tochter zu reden, die eine Klassenkameradin erstochen hat. Auch Junichi, der Vater der Ermordeten, hat sich abgeschottet und erzählt von Fluchtgedanken. Ein Jahr später arbeitet er in einer Schwerfabrik auf Hokkaido. Kobayashi begleitet den schweigenden Junichi in den Supermarkt, auf sein kleines Zimmer, in die Kantine, in den Baderaum. Die Bilder sind ruhend, beinahe meditativ: jede Regung des Mannes wird vom Zuschauer notiert.
Der Effekt ist gewaltig und rhythmisierend: die Seelenreinigung hat begonnen. In diesem Prozess wird das Verdrängte zu Tage gefördert: Nokiro arbeitet als Küchenhilfe in Junichis Kantine. Kobayashis Film ist zwar rigoros formalistisch, gleichzeitig jedoch zurückhaltend und bescheiden; er definiert sich nicht über seine reduzierte Ästhetik: es scheint einfach die angemessene, selbstverständliche Form, um diese Geschichte zu erzählen.
Ai No Yokan (The Rebirth)
Bukkake für alle!
Nicht immer macht sich die Risikofreudigkeit des Festivals so bezahlt: im besonderen Videoarbeiten öffnen die rigide Festivalstruktur für junge Erzählstimmen wie die von Lior Shamriz. Ein schwuler Israeli, der mittlerweile in Berlin - man ist versucht zu fragen: Wo sonst? - lebt und im stark autobiographisch - man ist versucht zu sagen: Was sonst? - geprägten Japan, Japan seine idealisierten Vorstellungen vom Fernen Osten und seine mühsame Lebensrealität im Nahen Osten verhandelt.
Seine Inszenierung ist gewollt billig in ihrer Heimvideoästhetik, erinnert ab und an, allerdings zu selten an die Bilderstürze seiner Leidensgenossen Jonathan Caouette oder Cam Archer. Zu viel an "Japan, Japan" ist willkürlich: die verstörenden Ausschnitte aus einem Bukkake-Video, der New York-Ausflug seiner besten Freundin, der erigierte Schwanz, der immer wieder ins Bild hängt. Selbstausdruck als Fremdeindruck: hier nervt die exzentrische Perspektive.
"Japan, Japan"
God Loves You!
Nicht viel besser: Johnny 316 von Erick Ifergan, mit Vincent Gallo und Seymour Cassel immerhin attraktiv besetzt. Gedreht Ende der 90er, kommt die Aktualisierung von Oscar Wildes Salome jetzt in der Nebenschiene Play Forward zur Aufführung.
Das Bild bebt vor Egomanie und Virilität: Vincent inszeniert sich als Straßenprediger im weißen Anzug, wird von Ifergan in sakrale Posen kommandiert und untersichtig aufgenommen. Der Gottesmann hat kurzen Körperkontakt mit der Frisörin Sally, die ihm bald vollkommen verfällt. "Johnny 316" ist eine Raserei durch religiöse Bilder, eine zynische, schwelgerische Abrechnung mit der krypto-religiösen Verehrung von Hollywood-Stars (ein Einbeiniger putzt die Sterne am Walk of Fame).
"Johnny 316"
Child Scare!
In meinem letzten Bericht hatte ich angekündigt, an dieser Stelle die neue Stephen King-Verfilmung 1408 zu besprechen. Da dieser aber absolut misslungen und außer ärgerlich gar nichts ist - und das trotz John Cusack! - empfehle ich hier lieber einen Horrorfilm weiter, der in Locarno im Internationalen Wettbewerb zu sehen gewesen ist: Joshua von George Ratliff.
Nach seiner Premiere beim Sundance Festival drohte der Film - wie so viele gescheite Genrefilme - im Niemandsland der DVD-Auswertung verloren zu gehen. Mit seiner Programmierung in Locarno steigen jedoch die Chancen, dass er doch noch in den Kinos zu sehen sein wird. Die Geschichte lässt zunächst an Polanskis Paranoia-Sause "Rosemary's Baby" denken: eine junge Familie aus der oberen Mittelschicht bewohnt ein schickes New Yorker Apartment und komplettiert die Familienplanung mit der Geburt von Tochter Lily. Sohn Joshua - ein ausdrucksloser Neunjähriger mit eiskaltem Blick und perfektem Seitenscheitel - scheint gar nicht erfreut: bald treiben mysteriöse Vorkommnisse Mutter Abby (am Ende ihrer Nerven: Vera Farmiga) in den Wahnsinn.
Plakat zu "Joshua"
Eine Angstgesellschaft
Gleich in der ersten Sequenz konkretisiert Ratliff die Stoßrichtung seines Films: Vater Brad (großartig: Sam Rockwell) ruft an einer stark befahrenen Straße ein Taxi herbei, um in das Krankenhaus zu seiner neu geborenen Tochter zu fahren. Sohn Joshua bleibt zurück und versetzt mit einem Schritt nach vorn (auf die Straße!) seinen Vater in Schrecken: er weiß, wie einfach es ist, Menschen über ihre Ängste zu kontrollieren.
Darin wird "Joshua" zu einem relevanten Film zur momentanen Weltbefindlichkeit: mit der Figur der evangelikalen Großmutter - die im Übrigen zur humoristischen Auflockerung des Stoffs wunderbar lächerlich gemacht wird - fügt sich eine religiöse Komponente in die überzeugende Gleichung ein. "Joshua" ist nicht perfekt, wirkt ab und an sogar plump und einfältig. Dennoch ist Ratliffs Film der bisher überzeugendste US-Horrorfilm des Jahres: er beschwört seine Geister aus der Seele der Gesellschaft herauf.
Sam Rockwell in "Joshua"
Weg!
Am Sonntag gehen die 60. Filmfestspiele von Locarno zu Ende, bereits am Samstag Abend werden die Preise verliehen. Im Rennen um den Goldenen Leopard ist im Übrigen auch ein (misslungener) österreichischer Film: Freigesprochen von Peter Payer. In der Branche und vor allem darüber hinaus haben die Preise kaum Wirkkraft: die eigentlichen Entdeckungen macht man in Locarno sowieso woanders.
Filmfestival Locarno 2007
Die Locarno-Identität Ein Festival sucht sich selbst und findet außergewöhnliches US-Kino.
Hinter dem Glanz Locarno in Gefahr! Schwule Israelis, dämonische Kinder und Vincent Gallo