Wenn das Gehirn von einem Bildersturm überwältigt wird, fällt es oft schwer, einen Film als Arbeit wertzuschätzen, die in eine Vielzahl von Richtungen weiterwuchert, sich nicht nur auf Inhalt und Form beschränkt, sondern an emotionale, kulturelle, politische, gesellschaftliche Diskurse andockt. Bei durchschnittlich fünf Filmen pro Tag hängen Bilder, Geschichten und Figuren zuweilen von der einen Geschichte in die folgende hinein. Im positivsten Fall lösen sich die Begrenzungen der jeweiligen Narration auf und überantworten die Einzelteile der Geschichte einem Bildstrom, der Konventionen unterspült und sich referenzmächtig im Unterbewussten festsetzt.
Ich bin nicht da
Insofern ist schon der Titel des neuen Films von Todd Haynes programmatisch: I'm Not There. Inspiriert von den vielen Leben einer popkulturellen Leitfigur des 20. Jahrhunderts, Bob Dylan, unternimmt er den Versuch, das inszenatorische Strickmuster des Biografischen aufzulösen. Statt der begreifbaren Life in a Can-Struktur tritt Todd Haynes Film einen gegenläufigen Prozess los: die Trennung des Individuums in mehrere Ichs ist im Hyperinformations-Zeitalter einer Subversion gleichzusetzen.
Diese startet mit einem musikalischen Buben (Marcus Carl Franklin; in Bälde auch in Michel Gondrys neuer Produktion Be Kind, Rewind zu sehen), in einem leeren Zugwaggon. Woody (nach Dylans frühem Vorbild Woody Guthrie) kämpft für die Organisation des kleinen Mannes, singt auf Verandas, plaudert mit Hobos und erhält bald die Empfehlung: Sing about your own time! Später wird er am Krankenbett seines Idols hocken, während ihm Tränen über die Wangen laufen. Haynes Kameramann Ed Lachman zeigt sich angestachelt von den intensiven Sommerstimmungen und badet in einer farbgewaltigen Technicolor-Palette.
Jude
Das körnige Schwarz-Weiß-Bild der eindrucksvollen Stadtfahrten durch New York greift zurück auf die Meisterregisseure des Direct Cinema, wie etwa D. A. Pennebaker. In den Sechzigern hat sich mit diesem dokumentarischen Stil ein neuer Wahrnehmungsmodus von Realität im Film etabliert: in I'm Not There führen die Bilder hin zu Arthur Rimbaud (eine literarische Zentralfigur für Dylan wie Haynes), der vor einer Kommission Dylan rezitiert und später zur ausgeprägten Interpretation des Sängers als Jude (groß: Cate Blanchett).
Letzterer wird eingeführt durch ein Konzert, bei dem er von der Bühne gebuht wird: in den 60ern bricht Dylan mit der Folk-Szene und vollzieht einen radikalen Stilwechsel, wird vermittels Carnaby Street-Garderobe, Drogensucht und gewagten Kompositionen zu "The Electric Bob Dylan" und einer proto-androgynen Figur.
Todd Haynes legt den Schwerpunkt seines Films auf diese Periode zwischen Ausverkauf und Selbstfindung, pendelt stilistisch zwischen Groteske (im Zeitraffer wälzt sich Jude mit den vier Beatles auf dem Rasen), Märchen (Michelle Williams Figur Coco ist eine Widergängerin aus Warhols Fabrik und ein offensichtlicher Knicks vor Edie Sedgwick) und Zeitbild.
Robbie & John & Jack & Billy
Ohne Zweifel formt Blanchetts Figur einen narrativen Rückhalt für einige der anderen, zuweilen nur angerissenen Dylans: Robbie (Heath Ledger) lebt mit Claire (Charlotte Gainsbourg) und zwei Kindern in einem großen Haus: Dylan ist kein Familienmensch, seine Frau hockt zu Hause und starrt auf die Fernsehbilder des Vietnamkriegs. John/Jack (beide: Christian Bale) zeigen den Sänger nach seiner Hinwendung zum christlichen Glauben, Billy (Richard Gere) funktioniert als Paraphrase auf Dylans Mitwirkung in Peckinpahs Western Pat Garrett jagt Billy the Kid und Anerkennung der surrealen Vorstellungswelt des Sängers.
Der neue Musikfilm
Todd Haynes I'm Not There ist in seiner Formensprache (die sechs Erzählstränge sind auch ineinander verschachtelt) so ambitioniert, dass man bei einer ersten Auseinandersetzung nur die bloße Qualität der Verdichtung anerkennen kann. Personen, die mit Dylans Schaffen nicht vertraut sind, werden Probleme haben, sich in den abstrakten Text einzusehen: das Biografische vermischt sich mit dem Legendären, oft markiert ein Fakt nur den Ausgangspunkt für eine freie, assoziative Erkundung des künstlerischen Werkkörpers.
Der gewählte subjektive Zugang macht dabei Hoffnung für zukünftige (meta-)filmische Auseinandersetzungen mit Musik(er)biografien: wie Van Sant mit seinem Last Days bietet Haynes einen hoch filmischen, hochwertigen Zugang in die Innenwelt einer popkulturellen Legende, die sich anhand von emotionalen, assoziativen Strängen entwickelt und die Pressung ins Erzählkorsett standhaft verweigert. I'm Not There ist ein Meisterwerk im Werden: mit jedem Mal sehen (bei mir sind es zwei Sichtungen) wird dieser Film wachsen.
Sukiyaki Western Django
Auch der Japaner Miike Takashi hält nicht viel von Konventionen. Sein Sukiyaki Western Django ist im Ansatz eine Verbeugung vor den fleischigen Italowestern von Sergio Corbucci (und vielen anderen), in der Ausführung ein versiertes Jonglieren mit Erwartungshaltungen und ein weiterer Eintrag in sein exaltiertes Werk: ausgehend von den Austauschprozessen zwischen fernöstlicher und westlicher Erzählkultur anhand der Spiegelung von Pistoleros und Samurais (im Film sind Schnitt- und Schusswaffen gleichberechtigt) entwirft Miike eine hyperartifizielle, von zwei Clans (die Roten, die Weißen) umkämpfte Stadt, in der Shakespear'sche Theatralik und ausbeuterische Gewalt gleichzeitig vorkommen. Ein Gastauftritt vom Seelenverwandten Quentin Tarantino (quasi als Revanche für Miikes Gastauftritt in der Tarantino-Produktion Hostel), ein farbintensives, kontrastreiches Bild, englisch sprechende Japaner und mehrere, kinetisch wertvolle Materialschlachten machen Sukiyaki Western Django zwar nicht zu einem Miike-Hauptwerk, aber zu ordentlicher Genre-Kost.
Und:
In meinem letzten Bericht werde ich noch einmal auf die letzten Festivaltage zurückblicken. Außerdem: neue Filme von Peter Greenaway und Jonathan Demme.