Die Viennale, die in diesem Jahr vom 19. bis zum 31. Oktober stattfindet, ist ein gutes Festival. In ihrem Programm spiegelt sich ein guter Teil des internationalen Filmschaffens wieder, die ambitionierten, wenn auch nicht immer geglückten Nebenschienen, streichen sie gar als Höhepunkt aus den übrigen Veranstaltungen heraus. Mit den Festivals von Rotterdam und dem im letzten Jahr "gestorbenen", weil nach politischen Rangeleien von Nanni Moretti übernommenen Turin gilt sie als drittes wichtiges Nachspielfest Europas. Ein erster Blick auf das diesjährige Programm bestätigt das.
Tätscheleien
Jahr für Jahr höre ich dieselben Geschichten vom Vorverkaufsstart: in Windeseile sind die "größeren" Filme ausverkauft, die anderen folgen zumeist innerhalb von wenigen Tagen. Die Wiener Kinolandschaft - obwohl nachweisbar eine der reichhaltigsten Europas - hinterlässt offenbar ein ausgehungertes Publikum.
Die Hypemaschine arbeitet effizient: die Viennale scheint ein Selbstläufer zu sein, denn zwischen der Programmpressekonferenz und dem Vorverkaufsstart liegen gerade mal ein paar Tage. Zu wenig Zeit für ein Medium, um schon umfassende Empfehlungen auszuteilen, zu wenig Zeit auch für ein Publikum, sich in das große Programm einzulesen. Dass die Viennale nicht mehr so gut ist, wie sie einmal war, scheint keine Auswirkungen zu haben.
Gerade die Aushängeschilder eines österreichischen Qualitätsjournalismus lassen sich als zugkräftige Pferde vor den Wagen spannen: als Marketing-Überlegung machen der Viennale-Standard und die Falter-Beilage nebst anderen durchaus Sinn, dem Leser tun sie keinen Gefallen damit, dem Filmjournalismus und der österreichischen Filmkultur schon gar nicht. Das Festival, das vor allem in den letzten Jahren einer kritischen Beschau hätte unterzogen werden müssen, wird alljährlich durchgewunken.
Zitate
Das alles möchte ich mir nur vom Leib geschrieben haben, bevor auch ich auf einige Filme hinweise, die ich empfehlenswert finde und, das ist vielleicht noch wichtiger, die ich im vergangenen Jahr irgendwann im Kino (und nicht auf einer Sichtungs-DVD) gesehen habe. Ich bitte es mir nachzusehen, dass ich dabei auf von mir bereits für diese Website verfasste Textpassagen zurückgreife.
"Kubrador - The Bet Collector" von Jeffrey Jeturian
Darin zu sehen ist die gusseiserne philippinische Schauspiel-Meisterin Gina Pareño in ihrer vermutlich kräftigsten Rolle als Glücksspiel-Patin eines Slum-Viertels von Manila. Als solche durchwandert sie die engen Winkel, wir wandern mit ihr durch Staub, Dreck und Alltag, der als solcher und nicht als Elendspanorama wirkt, weil Jetulian jegliche gruselige Emotionalisierung ablehnt und sein Meisterwerk zuvorderst als umwerfendes Frauenporträt anlegt, weswegen Pareño flapsiger- und spaßigerweise als Anna Magnani Manilas bezeichnet wurde. Tatsächlich ist die mobile Kamera umwerfend realistisch, erlaubt den Armen zu sprechen, zeigt Patin Amy in ihrem Netzwerk von Schuldnern und Gläubigern, zeigt ihre Macht über die Reichen, über die Polizisten, über die Autoritäten, aber auch ein entsetzlich stumpfes Land, desensibilisiert gegenüber jedweder Übergriffe, gefangen zwischen starrem Katholizismus und unmenschlicher Ent-Solidarisierung.
"Kubrador - The Bet Collector", gesehen in Rotterdam
"Shotgun Stories" von Jeff Nichols
Da wiegen sich die Baumwollzweige und Mohnblüten im tiefen Rot der untergehenden Sonne von Arkansas: diese anfänglich bezaubernde Americana beherbergt jedoch verkrüppelte Gestalten einer ungnädigen Hierarchie/Hackordnung. Kid, Son und Boy sind verlorene Buben im US-amerikanischen Südweste(r)n: von ihrem Vater wurden sie an eine Frau abgegeben, die ihnen beibrachte, eine andere Familie zu hassen. Nach einer Eruption scheinen die Dinge außer Kontrolle zu geraten, doch in Nichols' konzentrierter Inszenierung passiert keine Unglaubwürdigkeit zu viel, stellt sich kein Spektakel ein. Es ist das kontinuierliche Aneinander-Reiben männlicher Egoismen, das obszöne Spiel mit dem familiären Erbe in Gestalt einer Fehde, die diese klassische Geschichte zu einer ausufernden macht.
Nina Hoss schiebt sich als Grenzgängerin zwischen Dies- und Jenseits durch entsetzliche, weil entleerte Räume, geht mit einem Finanz-Jongleur eine zweifelhafte Beziehung ein, bearbeitet Zahlen. Die Sequenzen, in denen die beiden abstürzende Firmen mit Venture-Kapital ausstatten, erinnern nicht zufällig an Harun Farockis "Nicht ohne Risiko" - er war einmal mehr dramaturgischer Berater Petzolds. Im Bizness: Der geänderte Sprechrhythmus, die Fach-Terminologie, die Zweckmäßigkeit des Zusammentreffens und der Beziehungen erschaffen eine Anderswelt, eine Ablösung von Realität und Relevanz, in der sich die sukzessive Auflösung von Hoss' Figur spiegelt. In "Yella" paraphrasiert Petzold ein stilprägendes B-Movie des US-Amerikaners Herk Harvey - "Carnival of Souls" - dessen Leitmotiv eines schleichenden Ineinandergreifens von Realität und Traum hier als Geist der Vergangenheit wiederkehrt und zusätzlich Petzolds Hauptthema aus "Die innere Sicherheit" und "Gespenster" so zu greifen scheint, wie es kein anderer Film tut.
Frederick Wiseman, großer, vielleicht größter aktiver Dokumentarist der USA - dessen Debüt "Titicut Follies" Filmgeschichte schrieb - setzt in "State Legislature" seine Forschungsarbeit zu Institutionen fort. Es ist erhellend, wie sich auf bundesstaatlicher Ebene die nationalen Konfliktebenen der USA abzuzeichnen scheinen, wie genau sich in Idahos State Legislature Basisdemokratie beobachten lässt. Wisemans Schnitt legt keine Lesart nahe, erlaubt großflächige Interpretationen "State Legislature" macht das System begreiflich, lässt tief in das Prozesshafte blicken und Menschliches dazwischen aufblitzen, übersetzt die neutralen Begrifflichkeiten in eine verständliche Bildersprache.
Basierend auf Blake Nelsons gleichnamigem Buch verwehrt Van Sant jegliches moralische Urteil und taucht über Einsamkeits- und Flaneursbilder in die Sinnenwelt des Buben ein. Über das außergewöhnliche Sound-Design - bestehend aus Originalsongs, vor allem aber aus einem Mix von Soundtracks, klassischer Musik, Jazz und experimenteller Elektronik - webt er einen hypnotischen Tonteppich: Die zuvor jugendkulturell geprägten Bilder verbinden sich darauf zu einer Tragödie, die mit einem Coming of Age-Film nichts mehr gemein hat. Ähnlich antiken Stoffen schleudert pure Schicksalsgewalt das Leben des Jungen aus der Bahn: In einer Duschsequenz steigert sich die offenbare Reinwaschung über die anwachsende Musikintensität ins Rituelle.
Fuller zeichnet die Leben dreier im US-Niemandsland zwischen ewig gleichen Straßen und Häusern verlorenen Jugendlicher als Gleitflug durch mentale Landschaften nach. Überflüssig zu sagen, dass "Loren Cass" nicht nach gewöhnlichen Dramaturgieregeln funktioniert, sich vielmehr hinterrücks in einem unachtsamen Moment in das Empfinden des Zusehers schleicht. Gefühlszentrum der Arbeit ist das Jahr 1997, in dem der Ort St. Petersburg in Florida (wo der Film auch angesiedelt ist), nach einer rassistisch motivierten Gewalttat zweier Polizisten von einem Aufruhr erschüttert worden ist. Auch die drei weißen Kids aus Fullers Film greifen mehrfach farbige Gleichaltrige an, die Aufnahmen entfalten dabei etwas Dokumentarisch-Unmittelbares. Die oftmals lang auslaufenden surrealen Sequenzen werden unterbrochen oder umgedeutet von zahlreichen, teilweise enorm schockierenden Archiv-Sequenzen und Tonaufnahmen (unter anderem von Charles Bukowski). "Loren Cass" ist einer der radikalsten und mutigsten und beeindruckendsten Filme des Jahres.
"Ai no yokan - The Rebirth" von Kobayashi Masahiro
Ai No Yokan eröffnet mit zwei Gesprächen: Der allein erziehenden Mutter Nokiro fällt es immer noch schwer über ihre Tochter zu reden, die eine Klassenkameradin erstochen hat. Auch Junichi, der Vater der Ermordeten, hat sich abgeschottet und erzählt von Fluchtgedanken. Ein Jahr später arbeitet er in einer Schwerfabrik auf Hokkaido. Kobayashi begleitet den schweigenden Junichi in den Supermarkt, auf sein kleines Zimmer, in die Kantine, in den Baderaum. Die Bilder sind ruhend, beinahe meditativ: jede Regung des Mannes wird vom Zuschauer notiert. Der Effekt ist gewaltig und rhythmisierend: die Seelenreinigung hat begonnen. In diesem Prozess wird das Verdrängte zu Tage gefördert: Nokiro arbeitet als Küchenhilfe in Junichis Kantine. Kobayashis Film ist zwar rigoros formalistisch, gleichzeitig jedoch zurückhaltend und bescheiden; er definiert sich nicht über seine reduzierte Ästhetik: es scheint einfach die angemessene, selbstverständliche Form, um diese Geschichte zu erzählen.
"Ai no yokan - The Rebirth", ebenfalls gesehen in Locarno
Die Viennale-Kataloge sind seit heute, 3. Oktober, 21 Uhr in der philiale im Foyer des Gartenbaukinos erhältlich.
Der Ticket-Verkauf startet am 6. Oktober, um 10 Uhr, an den Viennale-Vorverkaufsstellen Stubentor, Generali-Center und Schottentor, als auch online auf der Viennale Homepage.
Viennale Opening Party
am Freitag, den 19. Oktober
ab 22:00 Uhr in der Viennale Zentrale in der Wiener Urania
DJ: Hans Nieswandt
Support: Flo Lachinger (commandyoursoul)
Der Eintritt ist frei!
FM4 Club bei der Viennale
Am 20. Oktober im FM4 Club in der Viennale Zentrale in der Wiener Urania live zu sehen: Trouble over Tokyo. An den Plattentellern: Eva Umbauer