Etwas mehr als die Hälfte der Viennale 2007 ist vorbei und sie hat meinen Körper eindeutig geschunden. Nicht dass ich hier von der ultimativen Transgression sprechen würde, es ist viel banaler: Ich hocke einfach gern mit überschlagenen Beinen im Kino und wechsle bei Blutstauung und beginnendem Kribbeln einfach die Seite. Genau dort aber, wo meine Kniekehle des einen auf der Kniescheibe des anderen Beins passgenau einrastet, verspüre ich nun leichte Schmerzen, die auf die Ungesundheit des stundenlangen Beibehaltens dieser Sitzposition hindeuten. Überhaupt bemerke ich Verfallserscheinungen: Gestern war ich einmal im falschen, einmal zu spät im Kino.
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
Voller Zuversicht und Gewissheit platze ich kurz vor vier ins Gartenbau, reiche meinen Plastikausweis über den Tresen der Kartenvergabe-Kontrollstelle, woraufhin mich die unterkühlt-freundliche Mitarbeiterin mit einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude mustert. Es passiert mir in jedem Jahr, dass ich plötzlich im falschen Kino steh': also wieder raus in die Kälte und im Schweinsgalopp zum Künstlerhaus, wo nämlich der rumänische Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage von Cristian Mungiu gezeigt wird.
Der spielt 1987 und somit vor Sturz und Hinrichtung des kommunistischen Diktators Ceauçescu: dementsprechend schwierig ist es für die beiden Protagonistinnen, in ihrem Studentenwohnheim an Kent-Zigaretten zu kommen. Mungius Film startet und endet am selben Tag, beschreibt also lediglich eine Zeitspanne von wenigen Stunden. Viele Sequenzen sind lange ausgespielt: Der strukturierende und erzählende Schneide-Prozess ist hier auf ein Minimum reduziert, vieles den Dynamiken von Gespräch und Figurenaufstellung anvertraut.
Die Geschichte beschreibt die Freundschaft zwischen den Studentinnen Otilia und Gabita, die durch eine ungewollte Schwangerschaft der letzteren herausgefordert wird. Mit zusammen gespartem Geld engagieren sie einen Herrn Bebe, der in Hotelzimmern illegale Abtreibungen durchführt. "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" erinnert an zu vielen Stellen zu sehr an Cristi Puius "Moartea domnului Lazarescu", der im letzten Jahr auf der Viennale zu sehen gewesen ist. Der realistisch-improvisierte Duktus gepaart mit einem Verzicht auf Psychologisierung der Figuren wird von Mungiu wieder verwendet, dennoch wirkt sein Film über weite Strecken wie eine Variation des Puiu-Films. Trotzdem ist seine Arbeit spannend anzusehen: getragen von hervorragenden Schauspielerinnen, einem guten Gespür für Bewegungen und Zeitabläufe und einer lässigen Kameraarbeit.
Die eigentliche Sensation erfuhr mein gestriger Tag aber erst am Abend in der Vorstellung von Profit Motive and the Whispering Wind von John Gianvito. Die einstündige Videoarbeit ist mir im Vorhinein von amerikanischen Kollegen eindringlich empfohlen worden: Gianvito versucht sich darin erfolgreich, ausgehend von "A People's History of the United States" von Howard Zinn, an der Sichtbarmachung einer marginalisierten historischen Perspektive auf die USA. In ruhenden Einstellungen "fotografiert" Gianvito Grabstätten, Gedenktafeln und Hinweisschilder, die eine (notwendigerweise unvollständige) Geschichte von Arbeits- und Bürgerrechtsbewegungen beschreiben. Zu lesen sind von offizieller Seite formulierte Erinnerungen an oftmals blutig niedergeschlagene Streiks und Aufstände: Das Persönliche stellt sich ausschließlich über die Denk- und Einfühlungsarbeit des Betrachters her.
Gianvito unterstützt, konterkariert und erweitert diese Bildserie mit Einschüben von Bäumen und Wiesen, die sich im Wind neigen und zu bewegten Formen werden. Diese Einschübe bleiben unkommentiert, formulieren jedoch die Natürlichkeit und Notwendigkeit von Bewegung(en): "Profit Motive and the Whispering Wind" hätte zu einer tief traurigen Elegie werden können, hätte Gianvito seine Arbeit nicht mit einer Montagesequenz beschlossen, die zu treibender Musik (der Rest des Films ist entweder stumm oder von leisen Tönen begleitet) Bilder von aktuellen Bürgerrechts-Demos montiert. Kurzum: ein Meisterwerk.
Ulrich Seidls Import Export, der gestern nach der Österreich-Premiere noch im KORE-Palast von "Hundstage"-Original Wickerl begossen worden ist, habe ich vor fast genau fünf Monaten zum ersten und einzigen Mal gesehen, weshalb ich mich nun schwer tue, was dazu zu schreiben. Deshalb möchte ich euch bitten, mir Meinungen, Kommentare und Kritiken von Seidls neuem Film zu liefern.
Morgen an dieser Stelle: Worte und Bilder zur Österreich-Premiere von Squatterpunk. Regisseur Khavn wird dazu nämlich eine seiner gepriesenen Performances abhalten. Ich hatte bereits in Rotterdam das Vergnügen, Squatterpunk dergestalt wahrzunehmen, und ich kann nur allen, die bei Sinnen sind, empfehlen, sich heute um 23:30 Uhr in die Urania zu schieben, wenn der Pinoi-Boy seinen Punk-Sturzflug durch die Slums von Manila live begleitet.