Gestern Nachmittag steh' ich im Metrokino und warte auf den Beginn proletarischer Filmfreuden, als mir eine gute Freundin mit einer gewaltigen Birne in der Hand schmunzelnd flüstert, dass Serge Bozons Gemächt eine ähnliche Form wie die Frucht hat. Ich blicke verschüchtert, verwirrt auf ihr Gesicht, auf die Birne, zweifle an meiner Geistesgegenwart und beschließe, sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal danach zu fragen. Da meint sie dann, dass der französische Regisseur beim Publikumsgespräch nach der mittäglichen Aufführung seines Films La France im Gartenbaukino eine derart enge Hose angehabt hat, dass sich die Form seines Pimmels eindeutig auf derselbigen abgedrückt hätte. Spätestens da habe ich bereut, dass ich grundsätzlich nicht zu Publikumsgesprächen bleibe.
La France
"La France" erzählt die Geschichte von Camille (großartig: Sylvie Testud), deren Ehemann Francois in den Wirren des Ersten Weltkriegs verloren gegangen ist. Anstatt im Dorf herumzuhocken, schneidet sie sich ihr Haar kurz und streift durch die Landschaft, wo sie schon bald auf eine Truppe von Soldaten trifft. In der Annahme sie sei ein junger Mann und nachdem einer von ihnen die junge Frau angeschossen hat, erklärt sich der Leutnant (Pascal Greggory) bereit, Camille mitmarschieren zu lassen.
Serge Bozons "La France" ist ein geheimnisvoller Film: später wird sich herausstellen, dass nicht nur Camille, sondern auch die Soldaten eine Rolle spielen, um zu überleben. Die Beziehungen zwischen den Figuren bleiben rätselhaft und zumeist nur angedeutet: in abstrakten Dialogen formt sich das Bild von Menschen aus, die für und von Geschichten leben. "La France" ist ausgesprochen filmisch, indem er das Tun seiner Figuren als Nachspielen von Rollen ausstellt, indem er die Notwendigkeit von Fantasie in der Realität eines Krieges behauptet.
Das vielleicht Augenfälligste sind die musikalischen Einlagen: an bestimmten Handlungspunkten kramen die Soldaten zeitgenössische Instrumente hervor und stimmen in Pop-Songs ein. Bozons Bildkompositionen bleiben derweil karg und von eigentümlicher Schönheit: der natürliche Hintergrund in Herbst und Winter verleiht der Geschichte eine angenehm klassische, beinah existenzialistische Note.
Weit weniger erfreulich war die Erstbesteigung des Regisseursstuhls von Anton Corbijn anzusehen: in Control, der schon früh von einer ungnädigen Aufmerksamkeitsökonomie zum Hype gemacht wurde, erzählt er das kurze Leben des Joy Division-Frontmanns Ian Curtis als klassische Lebensbiografie. Aus dem Bowie-Fan, der seine Kreativität in Gedichte und Texte gießt, wird ein erfolgreicher Musiker und Familienvater: Corbijn zeichnet Curtis ausgehend von den Erinnerungen seiner Witwe Deborah (im Film gespielt von Samantha Morton) als psychisch instabilen, von epileptischen Anfällen gebeutelten, zwischen seiner beruflichen und seiner privaten Lebenswelt zerriebenen Verlorenen.
"Control" folgt dabei der Blaupause des biografischen Films und verliert darüber jeglichen Reiz: Sam Riley spielt Curtis zwar inbrünstig und selbstvergessen, kommt aber gegen das formelhafte Drehbuch, das seinen gesamten Lebensweg als Vorbereitung des schließlichen Selbstmordes deutet, nicht an. Man hat das Gefühl, alles was Corbijn zu seinem Stoff eingefallen ist, beschränkt sich auf die ästhetische Qualität seines entfärbten Bildes ("Control" ist nicht auf Schwarz-Weiß- sondern klar ersichtlich auf Farbfilm gedreht worden) und das ist schlichtweg zu wenig.
Im Besonderen jetzt, wo andere Regisseure eine Ausdifferenzierung der filmischen Musikerbiografie vorantreiben, wirkt "Control" wie ein aufgemöbelter Fernsehfilm (dafür spricht auch die Besetzung von Alexandra Maria Lara als Curtis' Geliebte). Ein einziger Moment der Heiterkeit kommt auf, wenn Herbert Grönemeyer als Arzt zu sehen ist.
Auch Philippe Ramos "Moby Dick"-Paraphrase Capitaine Achab hat seine Stärken im Schauspiel: der unverwüstliche Lou Castel, der auf der Viennale auch in "La Question Humaine" zu sehen war, begeistert - ebenfalls - als Arzt und Denis Lavant hat erhellende Momente. Erzählt wird die Geschichte von Melvilles literarischem Klassiker in fünf Kapiteln: was in seiner neoklassizistischen Konzentration (die Inszenierung erinnert zuweilen an Rivette) anfänglich noch wie eine originelle Neubeschau eines (zu) oft verwerteten Textes anmutet, entpuppt sich schlussendlich lediglich als bedeutungsloses Kettenrasseln: in den ersten drei Kapiteln zeigt Ramos die Jugend des Achab.
Der brutale, lieblose Vater wird vom Liebhaber seiner jungen Frau erdolcht, die dem Buben bei ihrem Abschied ein Medaillon überreicht. Als Waise wird er von einer reichen Frau aufgenommen, leidet aber sehr bald an der Zwanghaftigkeit der Klasse und der selbstgefälligen Aggressivität seines Ziehvaters Henry: Achab ermordet schließlich den Hund mit einem Messer, verteilt dessen Blut im Haus und inszeniert damit seine Entführung durch einen gesuchten Verbrecher. Auf einem kleinen Holzboot schippert er seiner Zukunft entgegen.
Trotz netter inszenatorischer Einfälle enttäuscht der Fortgang des Films: die episodische, elliptische Struktur entpuppt sich als bloße Vorbereitung auf und Unterfütterung von Achabs späterer Persönlichkeit. Insofern ist "Capitaine Achab" eine originell verkleidete, sehr konventionell funktioniernde Nacherzählung einer altbekannten Geschichte, die nach der Hälfte enorm an Schwung verliert.