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Wien | 20.4.2008 | 13:53 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
The Prince of the Homosexuals
  Der Kanadier Bruce LaBruce bezeichnet sich als einer der meist gehassten Homosexuellen dieses Planeten. Seit den Achtziger-Jahren hat er in Fanzines und später in Kolumnen den homosexuellen Mainstream kritisiert und angegriffen. Zu berüchtigter Berühmtheit ist LaBruce allerdings durch seine Filme gekommen: Im Porno Skin Flick ist etwa ein Skinhead zu sehen, der auf Adolf Hitlers "Mein Kampf" onaniert. Der britische Sänger Boy George soll bei einer Vorführung wutentbrannt den Kinosaal verlassen haben.

Trotz oder gerade wegen seiner kontroversen Kunst ist Bruce LaBruce zu einer Ikone geworden. In dieser Woche ist der Kanadier in der Alpenrepublik zu Gast: am Mittwoch wird er beim Crossing Europe-Filmfestival in Linz die Österreichpremiere seines Films Otto; or Up with Dead People präsentieren. An den folgenden Tagen ist er beim Donaufestival in Krems mit einer Lesung und seinem ersten Theaterstück "Cheap Blacky" zu sehen.
 
 
 
 
 
No Skin Off My Ass
  No Skin Off My Ass ist der Titel von Bruce LaBruces erstem Film: eine auf 8mm gedrehte Hommage an die schwule Avantgarde von Andy Warhol (eine Szene in der Badewanne ist direkt aus Paul Morrisseys Flesh entnommen) bis Kenneth Anger. LaBruce spielt sich darin selbst: Ein Punk beginnt eine Affäre mit einem Skinhead. Der Einfluss von No Skin Off My Ass in den frühen Neunzigern war gewaltig. Gus Van Sant nennt ihn noch heute seinen Lieblingsfilm. Die raue Mischung von schwulem Sex und Neo-Nazi-Ästhetik hat bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren.

Bruce LaBruce wird 1964 als Justin Stewart in eine kanadische Farmerfamilie geboren. In der ländlichen Abgeschiedenheit verbringt er viel Zeit vor dem Fernseher: das Verschlingen von Hollywood-Schinken ist prägend für seine spätere Arbeit. Hustler White von 1996 beginnt etwa als direktes Zitat von Billy Wilders "Sunset Boulevard".

Die Geschichte des Hustlers Montgomery Ward (gespielt von Madonnas Ex-BoyToy Tony Ward) hat autobiografische Züge: Als Jugendlicher zieht LaBruce in die Millionenstadt Toronto und fühlt sich schnell abgestoßen von den Doktrinen des homosexuellen Mainstreams. Er arbeitet mehrere Monate als Stricher, eine Zeit, die er in seinem biografischen Buch The Reluctant Pornographer als "warmes Exil" bezeichnet.
 
 
 
La Bruce im Zitat:
  When I first came to the big city as a naïve, virgin farmboy, desperate to lose my cherry, the gay community offered me no solace. Yes, I cruised the bars then - unsuccessfully, ineptly - but I always found it a cruel, impenetrable world; as impenetrable, it seemed, as I was, though not for lack of trying. I never quite understood why everyone tried to look like everyone else, and why if you didn't conform to the precise uniform and the Pavlovian behavioural patterns and the doctrinaire politics, you were treated with a contempt that you might expect to be reserved for some kind of enemy. To me, it was as cold and uninviting a country as the straight world that loathed me. I began to work the streets, not because I needed the money, but because it felt like a warm exile by comparison.

 
 
Queercore
  1985 gründet er mit der Underground-Künstlerin G.B. Jones (Mitbegründerin der 2002 aufgelösten experimentellen Post-Punk-Frauenband "The Fifth Column") das Fanzine J. D.s, der Titel steht primär für Juvenile Delinquents, aber laut LaBruce

(it) also encompassed such youth cult icons as James Dean, Joe Dallesandro, J.D. Salinger and, later, even Jeffrey Dahmer, to name but a few.

Auf den paar kopierten Seiten, die bis 1991 insgesamt achtmal erscheinen, entsteht das Fundament des Queercore: ein radikaler Punk-Gegenentwurf zum homosexuellen Establishment, ausgeführt im DIY-Verfahren, umfasst Queercore und was LaBruce später Postqueer nennen wird, alle mögliche künstlerischen Ausdrucksweisen. LaBruces No Skin Off My Ass und G.B. Jones 8mm-Film The Troublemakers werden zu Gründungssteinen der Bewegung.

1993 folgt mit Super 8 1/2 LaBruces zweiter Film, teilweise geboren aus der Verehrung für Fellinis "Otto e mezzo" und Marcello Mastroiannis Filmemacherfigur darin. Die Handlung folgt einem Pornoregisseur in der Autorenkrise, der eine selbstausbeuterische Partnerschaft mit einer lesbischen Künstlerin eingeht.

Die ersten Filme von Bruce LaBruce sind nicht explizit pornografisch, haben aber durchaus sexuellen Inhalt. Erst 1999 dreht er mit Skin Flick seinen ersten Hardcore-Film für die Berliner Cazzo Film. 2004 folgt The Raspberry Reich, eine "Red Army Fiction" über eine linke Terrorzelle in Berlin. Ihren Mitkämpfern befiehlt Anführerin Gudrun homosexuellen Geschlechtsverkehr. Durch die Befreiung des orgasmischen Potenzials soll eine Weltrevolution ausgelöst werden.
 
 
 
 
 
Otto; or Up with Dead People
  LaBruces neuer Film Otto; or Up with Dead People ist irgendwie eine Fortsetzung von "The Raspberry Reich": die Underground-Filmerin Medea Yarn (eine Anagramm der von LaBruce verehrten Avantgardistin Maya Deren) will mit einem schwulen Zombie-Porno die bestehende Ordnung zerschlagen. Einer ihrer Darsteller ist Otto. Der Junge mit den traurigen Augen hält sich selbst für einen Untoten. LaBruce spielt eher mit der Inszenierung einer Revolution, als dass er sich dieser wirklich annehmen würde. Politisch korrekte Verhaltensweisen waren dem 44-jährigen immer schon zuwider:

Don't get me started. I mean, Pride Day? Really. The nerve. What in the world do homosexuals have to be proud of? I mean as a group? The fact that they like to stick it to a man of their own gender? Please. What it amounts to is a twisted patriotism based on sexual persuasion. I don't like it. This is not even to mention the notion that it is incredibly patronizing, this paltry symbolic gesture by the city that gays so desperately covet. Do we really need that kind of approval?
 
 
 
 
 
Zärtlichkeit
  Die Revolution ist in "Otto" tot, einzig Medea Yarn schwelgt für ihre Underground-Kunst noch in dieser Rhetorik. Der Junge selbst ist entemotionalisiert und entmachtet, überfrachtet von Sinnesreizen, gefangen zwischen Welten (ähnlich Herk Harvey "Carnival of Souls"), angeschoben von jenem Überlebenstrieb der Nahrungsaufnahme, für den er von der Gesellschaft geschlagen wird (ähnlich George A. Romeros Meisterstück "Martin")

Mit "Otto; or Up with Dead People" ist die Kunst von Bruce LaBruce wieder in der Avantgarde angekommen. Die Aggression seiner früheren Filme ist hier nur mehr unterschwellig spürbar: sein "Otto" ist ein tieftrauriges Filmgedicht über eine verwesende, gefühlstote Welt. In einer durch und durch pornografisierten Gesellschaft hat Bruce LaBruce das letzte Tabu ausfindig gemacht: die Zärtlichkeit.
 
 
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