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Wien | 20.4.2008 | 19:07 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Überkreuzte Augen
  Nur wenn man den Plakatsujets ganz tief in die Augen schaut, dann sieht man über der Pupille eine Lichtkreuzung scheinen. Beim Linzer Filmfestival Crossing Europe, das vom 22. bis zum 27. April bereits zum fünften Mal passiert, zählt das Geradlinige und Zuordenbare und Eindimensionale wenig: Das Programm, das Christine Dollhofer mit ihrem Team zusammengetragen hat, baut auf jenen Überschneidungen und Überlagerungen auf, die Alltag sind und deren Echos vor allem und glücklicherweise von vorwiegend jungen Filmkünstlern aufgefangen werden.

In Linz kann man noch große Entdeckungen machen. So war etwa der Rumäne Cristi Puiu dort eingeladen, lange bevor er mit "Der Tod des Herrn Lazarescu" die neue Kinowelle des osteuropäischen Landes anführen sollte. Auch Marina de Vans brutales Psychodrama "Dans ma peau" hatte in Oberösterreich seine hiesige Erstaufführung. Grund genug, sich voller Elan durch das heurige Programm zu graben, das nicht ganz so ausladend ist (wie etwa das der Diagonale) und deshalb ein befriedigendes Abgrasen der Favoriten ermöglicht.
 
 
Der Wettbewerb
  10.000 Euro werden an einen der zehn diesjährigen Wettbewerbsfilme vergeben. Die Französin Isild LeBesco ist heuer mit ihrem zweiten Spielfilm Charly vertreten, in dem sie von der Freundschaft zwischen einem 14-jährigen Ausreißer und einer Gelegenheits-Prostituierten erzählt. Die Regisseurin ist Jahrgang 1982, hat aber bereits vor vier Jahren mit ihrem Debüt "Demi-Tarif" den Crossing Europe-Preis eingesackt. Damit ist sie inoffizielles Aushängeschild des Festivals: ganz junges, unverbrauchtes Kino soll in Linz zu sehen sein, wie das zartes Drama Früher oder Später der Deutschen Ulrike von Ribbeck, die aus der jugendlichen Perspektive der 14-jährigen Nora erzählt.

Der Wettbewerb zeigt europäische Einrücke der Gegenwart, oftmals bauchig, fast immer relevant. In Regarde-Moi von Audrey Estrougo (Jahrgang 83) überkreuzt sich die (Feuilleton-)Thematik von Migranten in den Pariser Banlieues mit einem (akademischen) Gender-Strang und kommt dennoch In Your Face zum Stehen.

 Charly
 
 
Das Panorama
  Im Panorama sind auch Arbeiten von älteren Semestern zu sehen, unter anderem ein Doppel russischer Filme von etablierten Regisseuren. Sowohl Alexander Sokurovs elegisches Drama Alexandra wie Alexey Balabanovs untergriffiger Psycho-Schocker Gruz 200 sind handwerklich meisterliche Behandlungen russischer Kriegsvergangenheiten. "Alexandra" spielt in einem tschetschenischen Militärcamp, das die von Galina Vishnevskaya gespielte Titelfigur besucht, während "Gruz 200" die Unmenschlichkeit und Barbarei während der Sowjetinvasion in Afghanistan ins Russland des Jahres 1984 überstellt.

Die Überkreuzungen von Popkultur und Filmkunst (wenn das nicht ohnehin eins ist) haben in Linz alljährlich einen Fixplatz: Joy Division von Grant Gee ist ein dokumentarisches Porträt der britischen Band und Peter Otts Übriggebliebene ausgereifte Haltungen soll das 25-Jahr-Jubiläum der Goldenen Zitronen bebildern. Zu guter Letzt noch der Hinweis auf Shane Meadows This is England, eine Bestandsaufnahme Großbritanniens unter Margaret Thatcher zwischen Pop und Schock.

 Gruz 200
 
 
Die Nachtsicht
  Pop und Schock sind zwei Wörter, die auch der neuen Programmschiene Nachtsicht gut stehen: täglich um 22:45 Uhr soll im größten Festival-Kino der Beweis angetreten werden, dass der europäische Genrefilm alles andere als tot ist. Die beiden Katalanen Jaume Balagueró und Paco Plaza haben mit Rec einen der besten Horrorfilme des letzten Jahres inszeniert. Gewachsen aus einer selbstbewussten Genrefilmproduktionslandschaft rund um Barcelona, ist "Rec" gleichzeitig eine Rückführung des Euro-Horrors zu seinen atmosphärisch dichten Wurzeln und eine Weiterentwicklung des Schockers fast hin zur Avantgarde.

Die Handkamera von Pablo folgt einem Fernsehteam, das wiederum einer Feuerwehr-Einheit folgt, in ein altes Wohnhaus, in dem sich die iberische Schockdramaturgie bald Stockwerk um Stockwerk hocharbeitet. Weiters zu sehen sind zwei französische Filme: das Domestic Siege Juwel À l'intérieur mit der animalischen Béatrice Dalle als Gothic-Femme und Xavier Gens epigonale Brutalitäten-Parade Frontière(s). Sanftere Vorschläge kommen von Bruce LaBruce (dazu mehr hier) und den Portugiesen Tiago Guedes und Frederico Serra, die mit Coisa Ruim ein subtiles, stimmungsgewaltiges Gothic-Schauerstück abgeliefert haben.

 REC
 
 
Arbeitswelten
  Auch unmenschlich sind die Zustände, die die Filme des Spezialprogramms Arbeitswelten zeigen: Zentrum sind drei Arbeiten des Deutschen Thomas Heise. Zwei außergewöhnliche Regisseure werden im Rahmen von Crossing Europe 2008 tributiert: der Linzer Avantgardist Dietmar Brehm und der Serbe Zelimir Zilnik. Eröffnet wird das Festival am kommenden Dienstag von drei Filmen gleichzeitig: Rec, Abdellatif Kechiches Festivalerfolg Couscous mit Fisch und John Carneys irischem Musikfilm Once.

Von Mittwoch bis Sonntag werde ich das Crossing Europe 2008 mit einem Tagebuch begleiten.


 Karger
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  Mehr zum Crossing Europe Filmfestival:

Crossing Europe 2008
auf fm4.orf.at

www.crossingeurope.at
Die offizielle Festival-Website
   
 
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