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Wien | 18.10.2008 | 13:17 
Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

Pamela, Fuchs, Ondrusova

 
 
Nie mehr Schule!
  Vor ein paar Monaten, als ich wieder einmal total versunken war in das erzählerische und ästhetische Genie von Mike Mignola, habe ich erfahren, dass ein großes Sportbekleidungsunternehmen in Bälde eine limitierte Edition von Schuhen heraus bringen wird, die Mignola selbst gestaltet, verziert, veredelt hat mit seiner Schöpfung Hellboy. Auf wundersamem Weg bin ich an ein Paar davon gekommen, hab' sie bisher immer nur bei mir zu Hause aufgestellt und bewundert, bin mir dabei vorgekommen wie einer, dem beim Anblick von Sneakers einer abgeht, hab' sie gleich danach wieder in die Schuhschachtel gepackt, damit nur ja nix passiert, damit vor allem meine beiden Katzen den Hellboy nicht vom Leder lecken oder kratzen oder was auch immer.

Gestern Abend dann zur Viennale Eröffnungsgala musste ich sie einfach tragen, vor allem um nur für mich selbst und ganz im Stillen weh zu klagen, dass nicht Guillermo del Toros großartiger Spektakelfilm Hellboy 2: The Golden Army das Wiener Filmfestival eröffnet hat, sondern eben der diesjährige Cannes-Gewinnerfilm Entre les Murs von Laurent Cantet.
 
 
 
Kompromissfilme
  Die Schuhe sind ziemlich schwer, sind ja auch Hellboy-Schuhe, insofern musste ich mich recht stapfenden Schritts, mit schwerem Fuß, zwischen den aufgebretzelten Gästen der Veranstaltung hindurch schieben. Ich bin zu spät gekommen, glücklicherweise hat eh alles verspätet begonnen, somit auch Gabi Flossmanns alljährliche Moderation, in der sie in diesem Jahr unter anderem von Kompromissfilmen gesprochen hat, dass Entre les Murs ein solcher sei, da eben die prominent besetzte Jury in Cannes nicht einstimmig für diesen Film votiert hätte, dass aber alle Besucher sehen könnten, dass gerade auch ein Kompromissfilm hervorragend sein könne. Ich ahnte Schlimmstes.

Dann musste Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny die Viennale offiziell eröffnen, tat dies mit einer angenehm knappen 10-Punkte-Rede, von der bei mir nichts hängen geblieben ist. Dafür erheiterte der Viennale-Präsident Eric Pleskow mit süffisant formulierten Sticheleien gegen die österreichische Seele, sprach von der ÖVP und den Habsburgern, bevor Direktor Hurch sein alljährliches politisches Round-Up in den Saal murmelte. Wie immer: ein Kabarett.
 
 
 
Entre le Murs (Foto: Viennale)
 
 
Mauerfall auf Französisch
  Schließlich, endlich der Film, für den wir doch eigentlich alle gekommen waren, oder? Ich bin ja ein grundsätzlicher Möger des Schulfilms, da er unweigerlich, weil er eben zwangsläufig in Schulen spielt, in denen es zwangsläufig Erwachsene und Jugendliche und demnach Macht- und Grabenkämpfe zwischen den Generationen, zwischen den Mächtigen und den pubertären Ohnmächtigen gibt, sodann auch Autoritäten und Hierarchien angreift und lustvoll umbaut.

Was ist nun "Entre le Murs", die Verfilmung eines Sachbuchs des ehemaligen Französischlehrers François Bégaudeau, die ein Jahr, also drei Trimester in einer Klasse in einem Pariser Randbezirk erzählt? Im Endeffekt genau das: ein Schulfilm. Das Besondere daran ist seine Inszenierung, die ein dokumentarisches Flair erzeugt, wohl auch wegen der Buchvorlage: Regisseur Cantet, der mit seinem unausstehlichen "Vers le Sud" mein Vertrauen verloren hat, dreht lange, sehr lange Sequenzen, die Laiendarsteller - nur Bégaudeau spielt sich selbst - haben in Workshops ihre Rollen erarbeitet, die Dramaturgie ist abgestimmt auf die einzelnen Situationen, nur langsam, sehr langsam, schälen sich Hauptfiguren aus dem Gewühl heraus, die den Lehrer, der in all seiner Progressivität letztendlich doch an erstarkten Traditionen der Pädagogik fest hält, mit "ihrer" Sprache, "ihren" Meinungen und "ihrer" Aufmüpfigkeit herausfordern.
 
 
 
Gehen wir doch in den Breakfast Club, bitte!
  Jetzt hab ich schon im Falter (da wurde flugs Derrida herbeizitiert) und in diversen anderen Medien Belobungen dieses Films gelesen, dass er der erste sei, der sich so eingehend und explizit eben mit den Machtverhältnissen an der Institution Schule auseinander setzen würde, mit der gelebten Realität vollkommen verschiedener kultureller Hintergründe, mit der grundlegenden Malaise der Heranwachsenden und ihren Auseinandersetzungen mit den ordnenden Kräften von oben.

So ein Unsinn! Nach kurzem Überlegen, wirklich sehr kurzem Überlegen, bin ich mir sicher, dass ein jeder Schulfilm, den ich jemals gesehen habe, selbst die vulgärsten und kalauerkomischsten darunter, im Grunde des Schülers Anarchie über des Lehrers Ordnung und Wertkonservatismus stellen, immer auch schon von den Verlorenen aus schlechten Familienverhältnissen erzählt haben (wie Souleymane aus "Entre les Murs").

Cantets Film ist nicht neu, er ist prätentiös und langweilig, ausformuliert und durchbuchstabiert das, was der Situation, nennen wir es mal dem Milieu inhärent ist, das ich von Blackboard Jungle über The Breakfast Club hin zu Dazed and Confused schon in sehr vielen Filmen gesehen habe. Der logische, an der Wirklichkeit geschulte Blick auf Jugendliche mit Migrationshintergrund ist vielleicht neu, jung und vital für das französische Kino, und nicht mal für das, US-Schulfilme formulieren die Kulturenreibung schon seit Jahrzehnten mit.
 
 
 
Lehrer ohne Lösung
  Sehen wir der hässlichen Wahrheit ins Auge: nach Entre les Murs hab' ich mich gefühlt wie nach zwei Stunden Unterricht bei einem wohlmeinenden, in Essenz aber hoffnungslos verstiegenen Pädagogen, der die Sprache der Schüler ebenso wenig findet, wie Cantet den hier notwendigen Filmdialekt. Es ist ein Film vor allem für intellektuelle Erwachsene, oder Jugendliche, die intellektuelle Erwachsene sein wollen, für Leute, die schon zu lange ausgeschult sind, die sich nicht mehr erinnern können, wir normal und selbstverständlich all diese Konflikte und Diskussionen im Klassenzimmer sind. An dieser Tatsache ändert sich nichts, nur weil die Schüler im Film aus verschiedenen Kulturkreisen kommen, weil sie rauer sind als die ganzen Gymnasiums-Gören: es ist geradezu unangenehm, Cantet dabei zusehen zu müssen, wie er einen Mikrokosmos aus der Schul-Situation heraus kratzen will, einen Mikrokosmos, der dann auch irgendwie einstehen soll für das große Ganze, unsere Welt, unsere Realität eben.
 
 
 
Foto: Viennale
 
 
  Der Interpretationsrahmen ist offen, der Disziplinarrat der Schule erscheint hier als Asylgerichtshof oder als Symbol für eine alte Ordnung oder als (füll was ein). Das einzig eindeutig Interessante, das dieser Film hat, ist die Erkenntnis des Lehrers, dass es keine richtigen, oder guten Lösungen mehr gibt: wirft er den Krawallmacher Souleymane von der Schule, wird er, das weiß er, von seinem Vater nach Afrika geschickt. Wirft er ihn nicht von der Schule, hängt das Klassenklima schief. Was tun? Zucken wir mal mit den Schultern.

Ach, hätte nur "Hellboy 2" die Viennale eröffnet, alles wäre so viel besser. So saß ich dann im Kursalon Hübner bei Freiwein an einem Rundtisch, schmiedete Pläne für die Zukunft, streichelte meine Schuhe und freute mich auf einen wirklich essentiellen Schulfilm: Amy Heckerlings Fast Times at Ridgemont High. Läuft auch auf der Viennale, im Übrigen.
 
 
 
Und sonst so?
  Mein heutiges Programm sieht vor: zwei mal Neues, nämlich Flower in the Pocket und Your Friends, zwei mal Klassisches, nämlich Bunker Hill und Michael. Auf bald!
 
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