Marsch in den Palazzo del Cinema, reichlich idyllisch gelegen inmitten des Lido di Venezia: ein rationalistisches Großbauwerk aus der Mitte der Dreißiger Jahre. Marsch also auch in und durch ein Stück (Film-)Geschichte: ab 1938 wurden die Venediger Filmfestspiele von den Faschisten an sich gerissen und zum Propagandainstrument umfunktioniert. Die groteske Diktion war, dass alljährlich ein deutscher und ein italienischer Film preisgekrönt werden muss, verliehen wurde der Coppa Mussolini. Marsch in den Palazzo del Cinema, angetreten am 27. August 2008 von diversen Größen der Unterhaltungskunst, allen voran Brad Pitt und George Clooney, gefolgt von Frances McDormand und Tilda Swinton, überspannt von den Regisseuren des Eröffnungsfilms Burn after Reading: Joel und Ethan Coen.
Burn After Reading
Die Erwartungen waren hoch, immerhin gelten die US-Brüder als geniale Recycler und/oder Neuerfinder von Erzählgangarten: erst im Februar waren sie für No Country for Old Men mit vier Oscars belohnt worden.
Jetzt also ein vordergründig als Spionagekomödie getarntes Gesellschaftskommentar, das sich anlässt wie ein weiterer Bourne-Film: Satellitenbilder zeigen zuerst den Planeten im Ganzen, rasen dann aber zu auf Washington, landen schließlich bei der CIA und der - hoch emotionalen - Kündigung von Analytiker Osborne "Ozzy" Cox (ein heiß laufender John Malkovich). Den unvorhergesehenen Karriereeinbruch muss er seinem Eisklotz von einer Ehefrau (das spielt keine besser wie Tilda Swinton) beibringen und tunkt sein erdrückend kalkuliertes Leben anschließend in Exzesse ein, ersäuft sich im Alkohol.
Für Cox kommt es allerdings noch um einiges schlimmer: da seine Anvermählte händeringend nach guten Gründen für eine Scheidung und somit die Aufstockung ihres Eigenkapitals sucht, kopiert sie den Inhalt seines Rechners auf eine CD-ROM, die von der Sekretärin ihres Anwalts in einem Fitneßstudio vergessen wird.
Kann noch jemand folgen? Nach zehn Minuten in Burn after Reading ist klar: es ist vollkommen egal, wenn man es nicht kann. Der neue Film der Coens ist vor allem Laufsteg für ihre Lieblingsschauspieler, die sich die engen, strengen darstellerischen Zielvorgaben diverser Kommerzfilme mit hysterischen, manischen Leistungen von der Seele strampeln wollen. John Malkovich rast mit hochrotem Schädel durch die Gegend, Brad Pitt darf als Vintage-Fitnesstrainer in betont scheusslichen Outfits herumlungern und betont depperte Sätze sagen, Frances McDormand hat man eine blonde Topfperücke auf den lieblichen Kopf geschnallt und George Clooney baut im Keller seines Vorstadthauses einen Stuhl mit eingebauter Dildo-Funktion.
In der Designer-Hölle
Das Kino der Coens strebt bereits seit einigen Jahren einem formästhetischen Sesselrücken zu, in dem mal komisch, mal tragisch lieber mit Konzepten jongliert und mit Bildern beeindruckt denn mit Inhalten überzeugt wird. Selten war dies - eventuell noch im grottigen Ladykillers - so deutlich wie in "Burn after Reading", in dem zynisch und gemein selbst die einzige tragische Figur des Films mit dem Ziel eines Publikumslachers kaltblütig hingerichtet wird. Spaß macht "Burn after Reading" beinahe zwangsläufig: Tempo und Schauspieler stimmen, was fehlt ist das Herz, die Coens sind in der Designer-Hölle angekommen.
"Burn after Reading" läuft seit 3. Oktober 2008 in den österreichischen Kinos